Offene Fragen um eine Trunkenheitsfahrt

LÜDENSCHEID ▪ Das Lächeln des 22-jährigen Flugzeugmechanikers ist höchst wandelbar. Es wechselt von spöttischer Siegesgewissheit zu Unsicherheit, von ungläubigem Staunen zu leichter Verzweiflung – aber es bleibt. Strafrichter Andreas Lyra, eher als geduldiger Mensch bekannt, ist das Lächeln vergangen.

Eine kleine Trunkenheitsfahrt und krasse Unterschiede zwischen Zeugenaussagen zwingen der Justiz eine mühsame Beweisaufnahme auf – und eine teure Fortsetzung im Dienste der Wahrheitsfindung.

Es ist der 28. Juli 2012, als einer Polizeistreife ein Ford Fiesta auffällt. Voll besetzt mit fünf jungen Männern und einer Kiste Bier rollt der Kleinwagen gegen 21.40 Uhr die Martin-Niemöller-Straße hinauf, „mit augenscheinlich leicht enthemmter Fahrweise“, wie es später im Polizeiprotokoll heißt. Die Beamten verfolgen das Auto. Der Mann am Steuer lenkt auf den nahen Kirchheim-Parkplatz und dreht ein Ründchen, bevor er anhält, um die Anweisung der Polizisten zu befolgen. Bis hierhin passen die Aussagen des Beschuldigten und der Zeugen schön zusammen.

Aber dann wird’s wirr. Der Angeklagte – ihm gehört das Auto – schildert die Begebenheit lächelnd nach dem Vorbild einer viel erzählten Legende. „Wir haben angehalten und sind alle ausgestiegen und haben auf die Polizisten gewartet.“ Die seien „sehr gereizt“ gewesen und hätten in ihm, dem Fahrzeughalter, auch gleich den Fahrer entdeckt. „Aber ich bin nicht gefahren, sondern habe in der Mitte auf der Rückbank gesessen.“ Gefahren sei vielmehr ein Freund. Der sei der einzige des Quintetts gewesen, der vorher als Chauffeur auserkoren worden sei und deshalb nichts getrunken habe. „Das haben wir auch wiederholt gesagt. Die Polizisten haben mich trotzdem mitgenommen.“

Die beiden Beamten im Zeugenstand sind sich einig: Nichts da mit „Alle ausgestiegen“, sagen sie. „Die saßen definitiv im Auto, als wir uns näherten.“ Die Kollegin habe sogar notiert, wer wo Platz genommen hatte. Und der Angeklagte habe „nicht mal ansatzweise“ geäußert, nicht gefahren zu sein. Außerdem seien alle fünf besoffen gewesen. Auf dem Flur vor dem Gerichtssaal sitzen drei der Freunde.

Sie erfüllen die Hoffnung ihres lächelnden Kumpels auf der Anklagebank nicht. Verteidiger Dominik Petereit muß mit anhören, wie einer von seinem kompletten „Filmriss“ spricht. Der andere, angeblich der nüchterne Fahrer, sagt: „Ich weiß nicht genau, ob ich gefahren bin.“ Dem dritten erspart Lyra eine mögliche Lüge. Nun soll ein Gutachter aussagen.

Der Prozess wird am 12. März um 11.45 Uhr in Saal 122 fortgesetzt.

Olaf Moos

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare