Uwe Obier junior: Wandler zwischen den Stilen

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Uwe Obier junior liebt es, ein Musiker zu sein, der auch jenseits des Horizontes spielen möchte. Derzeit lehrt er Schlagzeug und Gitarre an der Musikschule „grenzenlos“. ▪

LÜDENSCHEID ▪ Lausig kalter Wind fährt durch Lüdenscheids Altstadt, bricht pfeifend durch das Nasenschild am Kleinen Prinzen. Schildmütze verdreht auf dem Kopf, eingemümmelt in einen Parka, schlendert Uwe Obier junior heran. Hinein ins Warme. Obier, „ein 68er Baujahr,“ wurde mit zwölf Jahren von Recklinghausen nach Lüdenscheid „zwangsverfrachtet.“ Der Vater, Uwe Obier senior, übernahm damals die Leitung der Städtischen Galerie.

Schlagzeug und Gitarre lehrt Obier junior inzwischen in der Musikschule „grenzenlos.“ Aber das ist nur eine Facette des Künstlers.

Prägend: Uwe Obier junior wuchs damit auf, dass Joseph Beuys, Timm Ullrich, Karl-Heinz Stockhausen und viele andere Künstler im Hause der Eltern ein und aus gingen. Er selbst sieht sich als Beuysianer an. Zumindest, was den Weg in die Musik betrifft, wertet er sich als Autodidakt, der er im engeren Sinne nicht ist. „Ich bin zum nächstbesten Professor, habe vorgespielt und dann gelernt.“ Denn: „Es ist interessant, einen eigenen Weg zu suchen.“ Auch in der Musik.

Schon zu Schulzeiten lernte er. Meist nur Musik und Gitarre. „Ich wollte immer nur Musiker werden.“ Ersten Unterricht gab er mit 18 oder 19 Jahren, gründete mit anderen zusammen eine erste Band, tourte bis vor circa fünf Jahren auch in der Punk- und Gothikszene. Nur: Als Musiker wollte er nicht stehen bleiben, einen eigenen Weg suchen. „Sweet Home Alabama zum achtzigtausendsten Mal, nee.“ Er wollte weder covern noch formal in Stilen oder Kompositionssystemen hängen bleiben, sondern den Horizont weiten. „Ich spiele gelegentlich schon einmal die Paganini-Capricen auf der Gitarre, auch Flamenco oder lateinamerikanische Musik“ eröffnet Obier, der seine Wurzeln in der „amerikanischen Rockmusik und in deutscher experimenteller Musik“ sieht.

Ein Hagener Dozent hielt ihn an, „doch einmal Jazz Standards anzuhören und vielleicht einiges einzustudieren, Skalen zu lernen.“ „Ich bin sofort total darauf abgefahren und seitdem Anhänger von John Coltrane.“ Dennoch ist und bleibt der intellektuelle „Punk“ ein Musiker, der auch jenseits des Horizontes spielen möchte. Deshalb suchte und fand er Zugang zu modernen Komponisten, eignete sich entsprechende Techniken an, um deren Musik bewältigen zu können. „Ich habe mir das alles wie ein Schwamm reingezogen und da kommst du auch an John Cage (1912-1992) vorbei.“ Der Schönberg-Schüler und Erschaffer von Schlüsselwerken der Neuen Musik ist für ihn der Größte.

Vor drei Jahren folgte eine Zusammenarbeit mit „Totalkünstler“ Timm Ullrichs. Der hatte ein Stück für zwei Personen geschrieben. „Packband als Tonband.“ Da lacht das Musikerherz. „Wir mussten erst lernen, die Packband-Rollen so aufzurollen, dass es Musik ergibt.“

Klanginstallationen und Sichtbarmachung von Sounds, das ist eine Herausforderung. Obier hat schon genügend veröffentlicht, in Studios gearbeitet, im Kunstprozess performt. Heute macht der Multiinstrumentalist – er spielt Synthesizer, Sitar, Tablas, Schlagzeug Gitarre – am liebsten alles selber. Seine „Schießbude“ ist voll angeschlossen, kann sofort auf 16 Kanälen aufgenommen werden. Sample-Produktion im 3d-Sound.

Was gibt sich jemand, der mit Coltrane-Klängen und Stockhausen im Wohnzimmer aufgewachsen ist, auf die Ohren? „Alles. Von der Schnulli-Pop-Nummer, Shakira oder so, über brachialen Lärm und bösen Kram bis zu Sido, den ein bisschen unfreiwilligen Helge Schneider des Hip-Hop. Ich liebe auch Bach oder Michael Jackson.“ Nur, eines davon als Generalkonzept, „das kann ich nicht nachvollziehen.“

Er ist einer, der so ziemlich alles draufhat, in Kunst-Dokumentationen wie auf CD-Inlets erscheint, aber am liebsten seine Ruhe hat. „Ich bin kontaktscheu“, räumt er ein, aber gleichzeitig bekennt er, musikalisch vor nichts den Hut abzunehmen. „Ich habe keinen Respekt“ soll wohl bedeuten, dass der experimentelle Gang hinter gesetzte Musikhorizonte genau dessen bedarf. ▪ usc

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