Interview mit Volker Schmidt

Oberster Corona-Bekämpfer des Kreises: „So schlimm wird es nicht mehr!“

Impfzentrum Corona Schützenhalle
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Zumindest bis Ende September wird in der Lüdenscheider Schützenhalle weiter geimpft werden.

Volker Schmidt und seine Mannschaft haben harte Monate hinter sich. Allmählich kann der oberste Corona-Bekämpfer des Märkischen Kreises aber etwas durchatmen. Die Gründe erläutert er im Gespräch mit Willy Finke.

Herr Schmidt, am Freitag ist die Marke von 100 000 Erstimpfungen in den beiden Impfzentren des Märkischen Kreises geknackt worden. Eine Erfolgsgeschichte?

Die Impfzentren sind auf jeden Fall eine Erfolgsgeschichte. Wir zählen allerdings die Gesamtzahl der Impfungen. Am Sonntag werden wir mehr als 250 000 Erst- und Zweitimpfungen – inklusive der Hausärzte – erreichen. Dabei haben schon mehr als 43 Prozent der Bevölkerung des Märkischen Kreises eine Erstimpfung bekommen. 70 000 Personen sind dann bereits komplett geimpft.

Gibt es mittlerweile denn genug Impfstoff?

Der Impfstoff ist nach wie vor knapp, und das wird auch in den ersten zwei bis drei Juniwochen noch so sein. Wir können im Augenblick definitiv noch nicht alle Menschen impfen, die geimpft werden wollen, zumal wir in unseren Impfzentren jetzt überwiegend Zweitimpfungen machen. Diese müssen bekanntlich innerhalb eines gewissen Zeitraums erfolgt sein, und dafür muss es vorrangig Impfstoff geben. Mitte bis Ende Juni wird es dann voraussichtlich wieder mehr Erstimpfungen geben können.

Wann wird die Bevölkerung im Märkischen Kreis durchgeimpft sein?

Das wird sich nicht von den bundesweiten Fortschritten unterscheiden. Bis zum Ende des Sommers, also bis September, wird allen Menschen ein Impfangebot gemacht worden sein und wir sollten die meisten Erstimpfungen erledigt haben.

Wird mit dem Ende des Sommers das Ende der Impfzentren gekommen sein?

Bis zum 30. September werden wir sie nach jetzigem Stand vermutlich betreiben. Dann werden wir weitersehen. Klar ist, dass die Impfzentren keine Dauereinrichtung werden sollen. Langfristig soll das Impfen bei den niedergelassenen Ärzten angesiedelt sein.

Hat sich die Arbeit im Gesundheitsamt mittlerweile etwas entspannt?

Auf jeden Fall im Vergleich zu der Zeit, als wir eine Inzidenz von über 230 hatten. Das entsprach fast 2000 Indexfällen; jetzt sind wir bei etwa 560. Entsprechend weniger Kontaktpersonen gibt es jetzt, die wir in Quarantäne stellen müssen.

Also geht es bei Ihnen jetzt ruhiger zu?

Es kommen neue Aufgaben hinzu. Beispielsweise gibt es jetzt viele Fragen zu den Lolli-Tests in den Grund- und Förderschulen. Dazu spielen die Schnelltestzentren noch eine große Rolle. 

Gibt es genug davon im Kreisgebiet?

Ja, es melden sich allerdings tatsächlich immer noch Interessenten, die ein solches Zentrum betreiben wollen.

Wird der Bedarf an solchen Zentren zurückgehen?

Ja, damit rechne ich. Immer mehr Geschäfte und Einrichtungen darf man jetzt oder bei noch geringerer Inzidenz ohne Schnelltest betreten. Gleichzeitig wird die Zahl der vollständig Geimpften weiter ansteigen. Sie brauchen bekanntlich in der Regel keine Schnelltests.

Wie stellt sich die Lage in den Krankenhäusern dar?

Entspannter. Es gibt – auch auf den Intensivstationen – deutlich weniger Corona-Patienten. Allerdings liegen hier jetzt wieder mehr „normale“ Notfallpatienten, und damit ist die Auslastung immer noch sehr hoch.

Woher kommt dieser Anstieg?

Zum einen sind es Unfallpatienten und zum anderen Menschen, die wegen nicht länger aufschiebbarer Operationen jetzt ins Krankenhaus müssen. Manche planbare OP, die wegen der Pandemie abgesagt werden musste, ist eben möglicherweise inzwischen dringend.

In NRW sind recht weitreichende Lockerungen der Corona-Bestimmungen beschlossen. Kommt das zum richtigen Zeitpunkt?

Doch, diese Lockerungen kann man jetzt verantworten. Ganz wichtig ist aber, dass wir die nach wie vor bestehenden Schutzvorschriften ernst nehmen: Abstand halten, Maske aufsetzen, lüften! Zum Leichtsinn besteht absolut noch kein Anlass.

Im Märkischen Kreis kann man jetzt wieder ohne Schnelltest Einkaufen gehen. Wird damit die Kontaktnachverfolgung mittels der App Luca wichtiger als bisher?

Kreisweit haben sich mittlerweile etwa 280 Einrichtungen für die Luca-App angemeldet. Die Technik steht also. Bisher waren wir allerdings noch nicht in der Situation, auf diesem Wege Kontakte nachverfolgen zu müssen.

Die Zahl 280 klingt – bezogen auf das komplette Kreisgebiet – nicht sehr hoch. Reicht das?

Wir sind da erst am Anfang. Ich rechne damit, dass vor allem noch das eine oder andere Einzelhandelsgeschäft dazukommt. Die Gaststätten arbeiten über ihren Dachverband Dehoga nicht mit Luca, sondern mit anderen Apps. Insgesamt werden diese Apps künftig wohl sehr intensiv genutzt werden.

Haben Sie Indizien dafür?

Ja, wir beobachten, dass sich zum Beispiel Drogeriemarkt- oder Restaurantketten mit allen ihren Filialen daran beteiligen wollen.

Viele verschiedene Apps zur Kontaktnachverfolgung – irritiert das die Menschen nicht?

Es wäre auf jeden Fall gut, wenn der Kunde nicht für jede App einen anderen QR-Code benötigte. Daran wird gearbeitet.

Wann wird der Zeitpunkt gekommen sein, die Maskenpflicht komplett aufzuheben?

Die Maskenpflicht werden wir in bestimmten Bereichen sicher bis in den Winter hinein haben. Eine ganz andere Frage ist aber, ob wir nicht aus der Pandemie lernen können.

Inwiefern?

Ich halte es durchaus für vorstellbar, dass das Tragen einer Maske künftig an gewissen Orten und zu gewissen Zeiten grundsätzlich sinnvoll ist – beispielsweise zum freiwilligen Schutz gegen die Influenza oder andere Infektionserkrankungen. In Asien war das schon lange vor Corona in bestimmten Jahreszeiten Standard, wenn auch keine Pflicht.

Blicken wir auf die Gesamtsituation. Haben wir die dritte Welle überwunden?

Wahrscheinlich ist das so. Wir schauen jetzt positiv in die Zukunft. Einmal aufgrund des Sommers. Die Menschen halten sich mehr draußen auf. Zum anderen schreiten die Impfungen immer weiter voran. Wir hoffen, dass diese Situation zumindest bis zum Herbst trägt.

Und dann?

Dann sind wir ganz optimistisch, dass es keine vierte Welle gibt, weil im Herbst schon sehr viele Menschen geimpft sein werden. Zu den immunisierten  Personen sind zusätzlich die derzeit etwa 20.000 Genesenen zu rechnen. Man weiß natürlich nie, wie viele Virus-Varianten noch um die Ecke kommen. 

Also ist ein Ende der Pandemie in Sicht?

Es wird immer wieder Erkrankungsfälle geben, zumal dann die kalte Jahreszeit anbricht. Davon müssen wir einfach ausgehen. Das Thema wird uns nicht verlassen – aber so schlimm wie in den vergangenen Monaten wird es nicht wieder werden.

Das Schlimmste ist überstanden?

Das ist meine Hoffnung.

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