„Platte machen“ in Eiseskälte

Obdachlose in Lüdenscheid schlafen draußen - bei minus 15 Grad Celsius

Obdachloser schlaeft zugedeckt in Fußgängerzone
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Platte machen in der Stern-Passage: Etwa zehn obdachlose Männer trotzen in Lüdenscheid derzeit Nacht für Nacht den eisigen Temperaturen.

Etwa zehn wohnungslose Männer in Lüdenscheid wagen es, die eiskalten Nächte im Freien zu verbringen anstatt sich in eine Notunterkunft zu flüchten. Unsere Redaktion hat einen von ihnen an seiner Schlafstelle in der Innenstadt besucht.

Lüdenscheid - Er lebt noch. Seine vierte Nacht in der Stern-Passage ist überstanden. Eiskalte Zugluft fegt durch die Gasse. Tauben picken sich Bröckchen aus einer Lache Erbrochenes und gurren sich an die Schlafstelle heran. Der nächste kalte Tag bricht an. Thomas (Name geändert) schält sich aus seinen Decken. Der hagere Mann mit dem Vollbart kann kaum sprechen, so sehr zittert er.

Er schweigt sowieso lieber, will kaum etwas über sich erzählen. Dass er mal länger in Dortmund war, erwähnt er. Und dass er „Haft gemacht“ habe. Vielleicht ist er danach nicht mehr auf Füße gekommen. Was ihn nach Lüdenscheid verschlagen hat – Schulterzucken.

Seine Cola in der halb vollen Plastikpulle ist gefroren. Im Papageno um die Ecke deckt sich ein Kunde mit Delikatessen ein. Ein Paketfahrer rollt mit seinem Sprinter in die Passage und lädt Kartons aus. Aus dem Backshop gegenüber kommt eine junge Frau und reicht Thomas wortlos einen Becher Kaffee und ein belegtes Brötchen. Dann spricht er doch. Er sagt: „Vielen Dank!“

Tags zuvor hat Thomas bei der Caritas an der Graf-von-Galen-Straße heiß geduscht und Wäsche gewechselt. Einen Teller warmes Essen gab’s zwischendurch im AJZ. „Alles. Und Suppe“. „Da ist es gut“, sagt er. „Das Essen ist lecker, und man kann mal die Augen ein bisschen zumachen.“ Und dann wieder zurück auf die Platte. Bei nächtlichen minus 15 Grad. Decken sortieren, Mütze ins Gesicht ziehen. Zwei Jacken und zwei Paar Strümpfe übereinander. Mit Schuhen im Schlafsack. „Haste mal ‘ne Zigarette?“

Der Leiter der Caritas-Beratungsstelle, Daniel Intile, kennt Thomas. Und die anderen etwa zehn Männer, die lieber Platte machen als sich in einer der Notunterkünfte zu verkriechen. Die Stadt könnte alle unterbringen, Platz ist genug.

Diebstähle und Sauferei und Streit, das will sich aber nicht jeder antun. „Wir haben Jacken und Socken ohne Ende rausgegeben die letzten Tage.“ Das niederschwellige Angebot der Caritas gebiete es, „dass wir die Leute so lassen wie sie sind“. Und wer ein Zelt braucht, kriege auch das. Intile berichtet über das Ordnungsamt. „Die haben kürzlich sogar Zelte abgebrochen, weil es sich angeblich um ein illegales Lager handelte.“

Thomas hat kein Zelt. Er hat die kahle Stern-Passage und sein Deckenlager. Ein paar Tüten, ein kleiner Koffer, leere Pappbecher drum herum. Passanten hasten an ihm vorbei. Sie beobachten ihn beiläufig. Wenn er sie anschaut, gucken sie weg. Die Tauben machen einen Bogen um ihn. Ein Dackel kläfft ihn an und wird weitergezerrt. Das ist ihm alles recht. Sein Blick, seine Körperhaltung – in sich gekehrt, „ich will meine Ruhe“.

Aber für einen heißen Kaffee ist Thomas immer zu haben. Es gibt Hoffnung. Die Temperaturen könnten laut Wettervorhersage bald steigen. Er lebt noch.

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