Obdachlose: Gesundheit wird zur Schuldenfalle

Thomas Becker, Leiter der Obdachlosenberatungsstelle der Caritas an der Graf-von-Galenstraße.

LÜDENSCHEID ▪ Thomas Becker, Leiter der Obdachlosenberatungsstelle der Caritas, weist auf das Schreiben einer Krankenkasse. Mit 2800 Euro steht ein 29-jähriger Obdachloser, der gerade wieder dabei ist, Fuß zu fassen, bei der Krankenkasse in der Kreide.

Besuch vom Vollziehungsbeamten der Kasse hatte der junge Mann, der jahrelang keine feste Unterkunft hatte, auch schon, aber da gab es nichts zu pfänden. Nun hat er einen Offenbarungseid geleistet. Die Schulden bleiben. Das ist nicht der einzige Fall dieser Art. „Es kam sogar schon einmal die Summe von 4800 Euro nicht gezahlter Krankenkassenbeiträge zusammen.“ Werden Krankenkassenbeiträge zwei Monate lang nicht bezahlt, haben Obdachlose nur noch einen reduzierten Anspruch auf medizinische Behandlung, der sich im Prinzip auf akute Erkrankungen beschränkt. Vorsorge ist unter diesen Umständen gar nicht möglich.

Die Gründe, weshalb Obdachlose durch den Rost fallen, sind vielfältig: Sie haben unterschiedliche Aufenthaltsorte, keine festen Adressen, vergessen, Fortzahlungsanträge bei der Arge zu stellen oder sich Lebensmittelgutscheine ausstellen zu lassen. Dann kippen sie aus dem System. Passiert ihnen etwas und müssen sie im Krankenhaus behandelt werden, sind aber nicht versichert, wird die Gesundheit schnell zur Schuldenfalle, aus der sie kaum noch herauskommen. „Es ist nun einmal so, dass Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten mit vielfältigen Problemen zu kämpfen haben und den Anforderungen in ihrer Situation nicht gewachsen sind.“

Die systembedingten Veränderungen tun ihr Übriges und verschärfen seiner Ansicht nach die Situation. War früher das Sozialamt zuständig, so läuft die Verteilung und Bezuschussung nun über die Arge, die Beziehern von Arbeitslosengeld II zwar einen Zuschuss für den Krankenkassenbeitrag bezahlt, aber bei den Obdachlosen klafft eine Lücke.

„Das führt in Großstädten bereits dazu, dass sie wieder abtauchen“, sagt Ulrich Birkner, stellvertretender Leiter der Obdachlosenberatungsstelle. Beide befürworten einen anderen Verteilungsschlüssel. So aber werde ein System der Ausgrenzung geschaffen.

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