In Lüdenscheid

Obdachlos: Mann landet auf der Straße, das ist sein Weg zurück ins Leben

„Alles-und-Suppe“-Wärmstube im AJZ in Lüdenscheid
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Jörg (links) freut sich heute, wenn er selbst anderen helfen kann. Hier ist er mit Mitarbeiter Falk Teske in der „Alles-und-Suppe“-Wärmstube im AJZ, die innerhalb der kurzen Zeit sehr gut angenommen wird.

„Mir geht es heute gut“, sagt Jörg und sitzt entspannt auf der Couch im Lüdenscheider AJZ, dem Alternativen Jugendzentrum an der Altenaer Straße, das im Zuge der Aktion „Alles und Suppe“ in diesem Winter zur Wärmestube für Obdachlose geworden ist. Zu denen gehört Jörg nicht – oder nicht mehr.

Lüdenscheid – Der 57-Jährige hat eine eigene kleine Wohnung, die er selbst in Ordnung hält, wo es warm ist und er sich etwas kochen kann. Aber wer hört, wie er davon erzählt, ahnt, dass das für Jörg nicht selbstverständlich ist. Er hat ganz andere Zeiten erlebt – und das ist gar nicht so lange her.

Grauer Star auf beiden Augen

Vor knapp drei Jahren war der absolute Tiefpunkt erreicht. Fast blind lebte er auf der Straße. Wegen des Grauen Stars, unter dem er auf beiden Augen litt, konnte er nur noch schemenhafte Umrisse erkennen. „Aber meine anderen Sinne waren geschärft“, sagt er. Das half ihm dabei, sich zu orientieren.

Auf Bänken und in Wartehäuschen geschlafen

Aber mehr, als immer nur an der Talstraße entlang zu laufen, war nicht möglich, von Buswartehäuschen zu Buswartehäuschen, kein Geld, alle Habseligkeiten in einer Tasche. Geschlafen hat er auf Bänken oder eben in den Wartehäuschen. Ein paar Anwohner haben ihn mit Essen versorgt – an einen erinnert er sich besonders. „Der hat mir regelmäßig was zugesteckt“, sagt Jörg dankbar. Rund drei Wochen habe sich sein Leben so abgespielt.

Der Abstieg kam schleichend

Der Abstieg kam schleichend. Er war arbeitslos, hatte keine eigene Wohnung mehr. Da er Berufserfahrung in der Pflege hatte, lebte er bis zu deren Tod schließlich bei seiner Mutter und half bei deren Pflege. Aber mit dem Stiefvater verstand er sich nicht. Der habe ihn dann vor die Tür gesetzt. Erst konnte er noch in einem Gartenhäuschen schlafen, aber auch das war irgendwann vorbei. Es folgten Wochen komplett auf der Straße. „Weil ich nicht gucken konnte, war ich sehr hilflos“, sagt Jörg.

Letztlich waren es mehrere Polizisten, die ihn überredet haben, ihn zur Helenenhöhe zu bringen, der Notunterkunft der Stadt für Wohnungslose. Zunächst habe ihm das gar nicht gefallen, aber heute sagt Jörg: „Am Anfang war es blöd, aber mir hätte nichts Besseres passieren können.“

Hilfe von der Caritas, dem OFK und der Stadt

Denn dort kam er in Kontakt mit Menschen, die ihm geholfen haben, von der Caritas, vom Obdachlosenfreundeskreis (OFK) und bei der Stadt Lüdenscheid. Jeden Tag sei er abgeholt und zum Tagesaufenthalt für Wohnungslose bei der Caritas gebracht worden. Und nach und nach griff ein Rädchen in das andere – weil er sich helfen lassen wollte. Kerstin Heß vom Ambulant Betreuten Wohnen (ABW) der Caritas half unter anderem beim Umgang mit Behörden und Papierkram. Jörg bekam Sozialleistungen, wurde wieder krankenversichert, konnte seine Augen operieren lassen.

Soziale Kontakte geben zusätzlichen Halt

Die sozialen Kontakte bei der Caritas und beim OFK gaben ihm zusätzlichen Halt. Als er wieder besser sehen konnte, packte er selbst mit an, zum Beispiel bei den Möbeltransporten des OFK, oder mit Arbeiten rund ums Kirchenhaus in Oberrahmede. Nach etlichen Monaten an der Helenenhöhe konnte er in eine eigene Wohnung ziehen, zunächst auf Probe. Inzwischen ist er selbst dort wieder Mieter geworden, erzählt Jörg stolz. Eigentlich bräuchte er die Unterstützung durch das ABW nicht mehr, aber jetzt hilft er selbst ehrenamtlich mit, wo er gebraucht wird, und versucht, wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Aktion „Alles und Suppe“

In Corona-Zeiten ist er fast täglich beim Tagesaufenthalt der Caritas und abends im AJZ, das im Zuge der Aktion „Alles und Suppe“ in diesem Winter zur Wärmestube für Obdachlose geworden ist. Wenn es sich ergibt, redet er mit den Menschen, die dort Hilfe suchen, erzählt von seinen Erfahrungen. Aber er drängt sich nicht auf, denn keiner weiß besser als Jörg selbst: „Die müssen sich auch helfen lassen wollen.“ Für ihn steht fest: „Was ich erfahren habe, kann ich jetzt zurückgeben.“ Deshalb hält er den Kontakt zu den Institutionen. „Ich vergesse keinen, der mir geholfen hat.“ Dazu zählt er auch den Hausmeister in der Notunterkunft an der Helenenhöhe.

Jörg klagt niemanden an, für das, was ihm passiert ist: „Ich habe sicher auch nicht alles richtig gemacht“, sagt er vorsichtig. Aber nach den Wochen, die er fast blind auf der Straße verbracht hat, sagt Jörg: „Das gönn ich keinem.“ Und eins weiß er gewiss: „Heute kann mich nichts mehr so schnell aus der Bahn werfen.“

Zwei Notunterkünfte für Obdachlose in Lüdenscheid

In der Stadt Lüdenscheid sind nach Angaben der Caritas rund 80 Obdach- und Wohnungslose bekannt, einige schlafen auf der Straße, viele übernachten bei Bekannten. Anlaufstellen bietet aber auch die Stadt. In zwei Notschlafstellen gibt es insgesamt 45 Plätze. In der Notunterkunft an der Gartenstraße erhielten zu Monatsbeginn sieben Frauen ein Dach über dem Kopf. In der Obdachlosenunterkunft an der Leifringhauser Straße sind derzeit 25 Betten belegt. 23 Männer und zwei Frauen nutzen das Angebot. Die Raumsituation dort ist nach einem Brand in der Einrichtung im Mai angespannt. Statt in Einzelzimmern sind die Obdachlosen zumeist in Doppelzimmern untergebracht, wie Stadtsprecherin Marit Schulte mitteilte. Die Hilfsaktion „Alles und Suppe“ finanziert die neue Wärmestube im AJZ. Von weiteren Sach- und Kleiderspenden bitten die Organisatoren allerdings abzusehen.

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