Novelis-Schließung: Das sagt der Werksleiter über die "Schock"-Nachricht

+
Traditionsreicher Lüdenscheider Industriestandort mit ungewisser Zukunft: Im Sommer nächsten Jahres gehen bei Novelis an der Wiesenstraße endgültig die Lichter aus.

Lüdenscheid – „Es war eine extrem harte Woche.“ Eric Tonkowski (58), Werksleiter des Novelis-Standortes an der Wiesenstraße, wirkt nach Bekanntwerden der Schließungspläne für den traditionsreichen Lüdenscheider Betrieb ernst und angespannt.

Zahlreiche Einzel- und Gruppengespräche mit Frauen und Männern, denen der Verlust des sicher geglaubten Arbeitsplatzes droht, liegen hinter dem erfahrenen Ingenieur und Betriebswirt – und haben Spuren hinterlassen. „Das geht mir wirklich alles sehr nahe.“ 

Derweil läuft die Produktion unvermindert weiter. Die Fabrik lebt, Maschinen brummen, Lastwagen kreuzen über den Betriebshof, bringen Rohstoffe oder transportieren fertige Waren ab, Männer in Arbeitskleidung tun ihren Job. So soll es bis zum endgültigen Ende im Sommer nächsten Jahres bleiben. Von einer Boykotthaltung der Belegschaft ist nach Worten des Werksleiters nichts zu spüren. „Wir haben nur wenige Krankmeldungen bekommen“, sagt Tonkowski. 

Nach der Schockstarre 

Zwei Schichten wurden vor einer Woche, direkt nach den beiden niederschmetternden Betriebsversammlungen mit Beschäftigten der Spät- und der Nachtschicht, nach Hause geschickt, damit sie die Nachricht erst mal verdauen können. 

Nach der ersten „Schockstarre“ hätten die Mitarbeiter aber „sofort wieder den Riemen auf die Orgel geschmissen“, sagt der Werksleiter. Aufträge seien vorhanden, der Produktionsdruck damit ebenso. „Ich bin stolz darauf, dass die Leute bei der Stange bleiben und weiter produzieren.“ 

Ernst und angespannt: Novelis-Werksleiter Eric Tonkowski (58) führt zahlreiche Gespräche mit Beschäftigten, die Angst um ihre Arbeitsplätze haben.

Und er legt großen Wert auf die Feststellung: „Es lag nicht am mangelnden Engagement der Belegschaft.“ Im Verbreiten schlimmer Nachrichten aus der Konzernleitung ist Eric Tonkowski nicht ungeübt. Im Frühjahr 2018 gab er als Werksleiter am Novelis-Standort Göttingen den Abbau von 130 Arbeitsplätzen bekannt. 

Lesen Sie hier mehr zum Thema

Damals hatte der Großkunde Agfa entschieden, keine Aufträge mehr bei Novelis zu platzieren. Darauf legte Novelis die Produktion für Lithographiebleche am Standort Göttingen still. Das Göttinger Tageblatt berichtete: „Für die betroffenen Mitarbeiter habe das Unternehmen in Abstimmung mit dem Betriebsrat einen Sozialplan erarbeitet, welcher zum Beispiel den Wechsel in eine Transfergesellschaft vorsehe, um den Mitarbeitern Unterstützung beim Wechsel zu einer neuen Arbeitsstelle zu ermöglichen.“ 

Die Geschichten gleichen sich. Diesmal aber ist nicht plötzlich ein lukratives Geschäft mit einem großen Auftraggeber geplatzt. Jetzt ist das Ende einer langen Entwicklung erreicht, die dem Konzern mit seiner Produktion von Aluminiumfolien zunehmend Verluste einbrachte, erklärt Eric Tonkowski. 

„Viele haben’s geahnt“ 

Der Abwärtstrend, bedingt durch wachsenden wirtschaftlichen Druck aufgrund von Billig-Importen aus Asien und durch Maschinen, die nicht mehr den modernsten Anforderungen entsprechen, war den Beschäftigten an der Wiesenstraße offenbar nicht verborgen geblieben. „Viele haben’s geahnt“, so der Werkleiter. Wie beim Arzt: Man rechne fest mit einer schlimmen Diagnose, aber wenn sie wirklich kommt, löse sie einen Schock aus. 

Die Herstellung von Folien durch Investition in neueste Technik hätte nach den Worten des Werksleiters „nicht geholfen“, sondern das Unternehmen „noch stärker unter Druck gesetzt“. Andere Bereiche wie Automotive, die Herstellung von Getränkedosen oder das Segment „Spezialitäten“ mit Produkten für Bedachungen oder Fassadenbau seien bei Novelis von Wachstum geprägt. 

„Sehr stark sind wir auch im Bereich Recycling von Aluminiumprodukten.“ Das gelte auch für die Veredlung von Folien. Aber die Herstellung der guten alten Alufolie soll enden – um das große Ganze überlebensfähig zu halten. Insofern, sagt Eric Tonkowski, sei die Entscheidung gegen den Standort Lüdenscheid „richtig und überfällig“ gewesen. 

Blick nach Ohle 

Dazu gehört der Blick auf das große Werk in Plettenberg-Ohle. Dort will Novelis 40 neue Arbeitsplätze schaffen und sie mit Beschäftigten besetzen, die derzeit mit der Herstellung von Kabelummantelungen in Lüdenscheid offenbar schwarze Zahlen schreiben. 

Greifen in Ohle außerdem Maßnahmen wie Vorruhestandsregelungen, die angesichts der demographischen Struktur derzeit diskutiert werden, „werden dort deutlich mehr als 40 Mitarbeiter unterkommen“, wie Tonkowski sagt. 

Außerdem solle keinem einzigen der Auszubildenden von der Wiesenstraße gekündigt werden. „Wir haben eine soziale Verpflichtung gegenüber jedem Mitarbeiter.“ Doch wen es letztlich trifft, steht laut Eric Tonkowski längst nicht fest. 

Der Interessenausgleich und die Aufstellung eines Sozialplans stehen bevor. „Es gibt keine versteckten Listen.“ Neben dem Instrument der Abfindung sollen Möglichkeiten der Qualifizierung einzelner Mitarbeiter eröffnet werden, um deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu vergrößern. 

Mitarbeiter müssten umziehen

Auch Angebote, zu anderen Novelis-Standorten wie etwa Göttingen oder Nachterstedt in Sachsen-Anhalt zu wechseln, stehen im Raum. Damit wären Umzüge Lüdenscheider Familien verbunden – auch eines Kollegen, der verheiratet und Vater dreier Kinder ist und gerade ein Haus gebaut hat. Tonkowski: „Es gibt Interessenten, die bereit sind zu wechseln.“ 

Dies alles gehört nach den Worten des Werksleiters zu den Ideen und Maßnahmen, den Standort „fair und transparent im Interesse jedes einzelnen Mitarbeiters“ abzuwickeln. 

Das Göttinger Tageblatt zitierte den Ingenieur im März 2018 mit dem Satz: „Wir sind froh, sozialverträgliche Lösungen für die ausscheidenden Mitarbeiter gefunden zu haben.“ So viel zur Vergangenheit. 

Ob Eric Tonkowski diesen Satz in Lüdenscheid wiederholen können wird, ist offen. Zur öffentlich geäußerten Kritik aus Gewerkschaft und Parteien sagt er: „Über uns zu sprechen, ist das eine. Mit uns hat noch niemand gesprochen. Keiner hat sich bei uns gemeldet.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare