809 Notrufe in fünf Monaten

LÜDENSCHEID ▪  Mehr als 800 unbegründete Notrufe innerhalb von fünf Monaten bringen eine 50-jährige Frau ins Gefängnis: Das Amtsgericht Lüdenscheid verurteilte sie zu einem Jahr und sechs Monaten.

Die Männer von der Leitstelle der Feuerwehr hatten die Nase gestrichen voll. Immer wieder diese Anrufe, immer dieselbe Handynummer, immer wieder wortlos aufgelegt – teils mehr als 100 Mal am Tag. Das war eine 50-jährige Frau. Sie wollte keinen Brand melden und keine Verletzten. Sie hatte ihre eigene Notlage: Alkoholkrank und manisch-depressiv ist sie. „Hilferufe“, sagt Verteidiger Stephan Funke aus Hemer.

Staatsanwalt Matthias Plöger hat Glück. Er muss die Taten nicht einzeln vorlesen. 809 Fälle zwischen dem 4. Mai und dem 24. September 2011 sind aktenkundig und angeklagt. Die Frau im engen gestreiften Wollkleid schlägt die Hände vors Gesicht und schluchzt. Einmal verwitwet, einmal geschieden, fünf Kinder, die nichts von ihr wissen wollen, arbeitslos, obdachlos, süchtig – sie scheint ganz unten angekommen zu sein. „Mir ging’s zu der Zeit schlecht“, schnieft sie. „Durch den Alkohol.“ Jeden Tag habe sie eine Flasche Ouzo getrunken, monatelang. Jetzt sei sie in einer Therapie.

Amtsrichter Thomas Kabus versucht’s auf die sanfte Tour. Warum sie denn immer wieder die 112 angerufen und wieder aufgelegt habe. „Haben Sie keine Freundinnen oder Bekannte, mit denen Sie reden können?“ Die Antwort kommt ausweichend. „Wenn ich was trinke, habe ich mich selbst nicht unter Kontrolle.“ Und in der Therapie, da gehe sie kaputt. „Wird Zeit, dass ich da rauskomme. Ich will ins betreute Wohnen!“

Doch so einfach ist das nicht. Der Richter klappt ein psychiatrisches Gutachten auf. Die Telefonaktion sei ein Akt der Hilflosigkeit, steht da unter anderem. Und neben der Trunksucht sei ein „Mangel an sozialer Anpassung“ und Rückhalt zu beobachten. Und dann liest Kabus aus dem Vorstrafenregister vor. 13 Urteile weist es auf, zuletzt wegen des Missbrauchs von Notrufeinrichtungen in 400 Fällen.

Rechtsanwalt Funke fasst die Gründe für das Verhalten der Frau in dem Satz zusammen: „Sie will umarmt werden.“ Aber „mal eben“ eine Entwöhnung oder betreutes Wohnen, das reiche nicht aus. Und so beantragt der Verteidiger für seine Mandantin eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung: ein Jahr und sechs Monate. Das Gericht folgt dem Antrag. „Weil mehrere Krankheitsbilder bei Ihnen vorliegen, scheidet die klassische Therapie aus“, sagt Richter Kabus. „Der Mensch erleidet häufig, was er sich selber antut.“ So oder so habe die Angeklagte die öffentliche Sicherheit und Ordnung beeinträchtigt.

Während der Urteilsbegründung klingelt das Handy der 50-Jährigen – mehrfach. Mit dem Strafmaß ist sie überhaupt nicht einverstanden. „Da kann ich mich auch gleich erschießen.“

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