Noch ein halbes Jahr oben drauf

Lüdenscheid - Ein knapp zwei Meter großes Häufchen Elend, mit leerem Blick und schicksalsergebenem Lächeln im ausgezehrten Gesicht, so sitzt der 17fach vorbestrafte Heroinsüchtige (33) vor Strafrichter Andreas Lyra. Es geht um vergleichsweise wenig. Fünf Betrügereien legt ihm die Staatsanwaltschaft diesmal zur Last. Der Angeklagte hat ein Geständnis angekündigt. Strafverteidiger Martin Düerkop aus Iserlohn hat nicht viel zu verteidigen.

Von Olaf Moos

Im September 2012 hatte das Schöffengericht den gebürtigen Hamburger zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Er sitzt in der Justizvollzugsanstalt Werl, ohne Therapie, mit Methadon. Bis 2016 wird er dort sein. Unter anderem kann er sich Gedanken darüber machen, wie er in Lüdenscheid seine Lebensgefährtin ruiniert hat. Sie verlor ihre Eigentumswohnung, weil er bei der Bank ihre Unterschrift gefälscht und Konten abgeräumt hat. Der Richter: „Die Beziehung zu Ihrer Freundin ist in die Brüche gegangen?“ Der Häftling: „Selbstverständlich!“

Und er kann sich Gedanken über sein letztes Opfer machen. Wieder ging es darum, Drogenkäufe zu finanzieren. Der junge Mann, geistig gehandicapt und allzu vertrauensselig, war sein Goldesel. Zweimal erbettelt sich der Süchtige ein Handy von dem jungen Mann – angeblich, um einen Schlüsseldienst bezahlen zu können. Er überredet ihn, einen Mobilfunkvertrag abzuschließen, um ein weiteres Telefon zu bekommen, nimmt Stereoanlage und PC seines Opfers an sich, weil er die Sachen bei einem vermeintlichen Billardturnier einsetzen will. Und er „leiht“ sich 500 Euro von dem Jungen, um dessen Sachen wieder auszulösen.

In Wirklichkeit bringt er die Sachen beim Hehler unter die Leute und kauft Heroin vom Erlös. Seine Erklärung: „Ich hätte selbst meine Großmutter verkauft.“ Richter Lyra wirft ihm vor, die Taten zum Schaden des Behinderten seien „moralisch auf unterster Stufe“. Der Angeklagte entschuldigt sich eher halbherzig bei dem jungen Mann. „Tut mir leid, dass du zur falschen Zeit am falschen Ort warst.“

Im Rückblick auf das Leben des Häftlings sagt die Amtsanwältin: „Das ist alles ziemlich scheiße gelaufen.“ Die Drogen hätten den Verstand ausgeschaltet. Und auch Rechtsanwalt Düerkop räumt ein: „Die Drogensucht hat sichtbare Spuren hinterlassen.“ Der Angeklagte stellt seinen Blick auf Unendlich. Tränen rinnen. Die sechs Monate nimmt er äußerlich gleichmütig hin – und sagt zum Richter: „Alles okay, vielen Dank!“

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