„Nigeria-Connection“:Täterin und Opfer gleichermaßen

Lüdenscheid - Es ist ein Fall, der ein Buch füllen könnte. Ein Krimi über die „Nigeria-Connection“. Die Täter sind unbekannt, versteckt hinter www-Adressen, irgendwo auf dem Globus. Das Opfer diesmal: eine kleine Verkäuferin (55) aus dem Sauerland. Sie ist reingefallen. Auf einen anonymen Gigolo mit Geldbedarf.

Von Olaf Moos

Und hat sich zugleich strafbar gemacht. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Jürgen Leichter verurteilt sie wegen „leichtfertiger Geldwäsche“ zu neun Monaten mit Bewährung.

Dabei fängt alles so romantisch an. „Er schrieb, er sei US-General, stationiert im Irak.“ Sie weint, während sie berichtet. Ein Foto hat sie auch gesehen. Sein Name sei Lloyd James Austin und er sei „mehr als gut situiert“. Man schreibt sich aneinander heran, nächtelang manchmal, plant eine gemeinsame Zukunft. Bis seine erste Bitte kommt. Es geht um wichtige Dokumente in seinem Koffer, den sie annehmen soll. „Ich sollte die Transportgebühren bezahlen.“

Sie überweist 500 Euro. Zunächst. Es kommt kein Koffer. Und die geplanten Treffen mit ihm platzen. Stattdessen hängt der Koffer angeblich in Nigeria beim Zoll fest. „Er hat mir Namen genannt.“ Und Kontonummern, zum Beispiel für eine Überweisung von 2200 Euro an eine Frau in Bayern, angeblich UN-Mitarbeiterin. Und er vertröstet sie – und verspricht, alles zurückzuzahlen.

Das geht drei Jahre so. Sie leiht sich Geld. Dann versetzt sie ihren Familienschmuck in Dortmund. Derweil geht ihre Ehe kaputt. Die erwachsenen Kinder wenden sich ab. Das Haus wird verkauft. Ihren Anteil überweist sie auf irgendwelche Konten. „Ich war ihm hörig“, schluchzt sie. Mindestens 60 000 Euro – weg.

Geld soll weitergeschickt werden

Im März ‘14 deutet sich eine Wende an. Plötzlich landen 135 100 Euro auf ihrem Konto. „Erst dachte ich, Lloyd James will mich dafür belohnen, dass ich so lange mitgemacht habe.“ Aber dann meldet sich eine Frau aus Essen, angeblich Diplomatin, erklärt der unglücklich Verliebten, dass sie Betrügern aufgesessen sei – und wohin und in welchen Chargen sie das Geld schicken soll: nach Nigeria, Ghana oder Georgien. Die Verkäuferin gehorcht, zweigt aber mehr als 50 000 Euro für sich selbst ab.

Jetzt passiert das, was Richter Leichter mit „Das wird ja immer doller!“ kommentiert. Denn die Postbank schreibt der Verkäuferin: Die dicke Überweisung war ein Irrtum. Sie solle unterschreiben, dass sie mit einer Rückzahlung einverstanden ist. Eine Frankfurter Anwaltskanzlei vertritt die Interessen einer georgischen Firma, die in der Schweiz Farbpigmente gekauft hat, für 135 100 Euro. Ein Wirtschaftsmakler hat das Geschäft eingefädelt – und das Geld vermutlich umgeleitet nach Lüdenscheid. „Aber ich wollte es nicht mehr hergeben, ich dachte ja, es kommt von den Betrügern.“ Da ist ihr längst die Polizei auf den Fersen. In einer Vernehmung an der Bahnhofstraße gesteht sie sich endlich ein, gigantisch betrogen worden zu sein.

In den Zeugenstand tritt die Frau aus Bayern, nicht UN-Mitarbeiterin, sondern eine 72-jährige Masseurin. Sie erzählt, sie habe jemanden im Internet kennengelernt, einen US-General, stationiert in Kabul. Und er habe ihr Wertsachen in einem Koffer schicken wollen. „Da bin ich zur Polizei gegangen.“

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