„Nie daran gedacht, jemanden zu töten“

LÜDENSCHEID - Als sie 27 Jahre alt war, drei Jahre nach einer Tumoroperation am Gehirn, begann es. Essstörungen mergelten ihren Körper auf 46 Kilo aus. Sie kam in eine Klinik, dort klaute sie Rasierklingen und schnitt sich die Arme auf. Jetzt ist die gelernte Anstreicherin 42, hat Ende April in der Psychiatrie Hellersen eine Mitpatientin fast erdrosselt – und wird möglicherweise auf unbestimmte Zeit hinter den Mauern einer Forensik verschwinden.

Von Olaf Moos

Mit dem Schrei „Stirb!“ und einem Nylonstrumpf in den Händen stürzte sich die Frau im Aufenthaltsraum auf ihr Opfer. Es überlebte knapp, weil eine Zeugin eingriff und die Attacke beendete. Staatsanwalt Klaus Knierim sieht die Gefahr, dass die Beschuldigte weitere schwere Straftaten begehen wird und hält sie für allgemeingefährlich. Die kranke Frau sagt leise: „Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich habe nie daran gedacht, einen Menschen zu töten.“

Die Vorsitzende des Schwurgerichts, Heike Hartmann-Garschagen, bemüht sich um eine entspannte und freundliche Verhandlungsführung. „Wir wollen ruhig mit Ihnen reden“, sagt sie zur Angeklagten. Die labile Frau mit den hüftlangen Haaren beugt sich dann nach vorne und antwortet: „Ich weiß, und das ist auch sehr schön.“

Doch der Blick auf die Stationen ihres Lebens überfordert sie offensichtlich. „Ja, ich habe auch schön böse geredet, aber daran kann man sehen, wie krank ich war.“ Und konfrontiert mit dem Vorwurf, dass sie es ihren Eltern eine zeitlang „sehr schwer gemacht“ habe, lacht sie laut auf und ruft: „Schon interessant, was man hier so über sich erfährt, ey.“ Rechtsanwalt Ralf Bleicher aus Dortmund legt ihr beruhigend die Hand auf den Arm.

Klinikaufenthalte, Abbrüche und Zwangseinweisungen kennzeichnen ihren Weg. Gescheiterte Beziehungen, Rückfälle in die Geisteskrankheit, erlittene Erniedrigungen durch Männer und ein Schwangerschaftsabbruch sind die Tiefpunkte. „Ich war so traurig, dass mein Kind in mir gestorben ist.“

Das Sicherungsverfahren wird Donnerstag um 11 Uhr im Saal 201 des Landgerichts fortgesetzt.

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