Beifall für Ensemble der Neuen Volksbühne Köln

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Die Neue Volksbühne Köln zeigte an zwei Abenden „Nosferatu“.

Lüdenscheid - . Schauspieler Michl Thorbecke macht zum Publikum hin Faxen, während Kulturhausleiter Stefan Weippert mehr oder weniger ernst gemeinte Geschichten über Vampire erzählt.

Von Jutta Rudewig

Und am Ende eines langen Abends erinnert sich Irene Schwarz, dass ihr Ensemble der Neuen Volksbühne Köln vor zehn Jahren nach der Vorstellung mit dem Lieferwagen im Morast des Stadtparks steckenblieb – früh um zwei musste Professor Gerfried Giebel „mit einem unglaublichen Krach in seinem Unimog durchs Unterholz brechen, um uns freizuschleppen – dieser Mann ist Handchirurg. Und wir kommen immer gern hierher!“

Wie gern, das zeigte das Kölner Ensemble in den vergangenen beiden Tagen oder besser gesagt, Abenden. Auf der Waldbühne zeigten sie „Nosferatu“, jene Geschichte um den transsilvanischen Blutsauger, der sich auf die Suche nach dem Mädchen Ellen macht, das reinen Herzens ist. Mit ihm zieht in die fiktive Stadt Wisbor das Böse ein. Doch als sich der Graf schließlich an Ellens Blut labt, vergisst er die Zeit und zerfällt durch das Licht der aufgehenden Sonne zu Staub. Mehrere hundert Lüdenscheider, darunter erfreulich viele junge Leute, ließen sich das Schauspiel nicht entgehen. Am Donnerstagabend konnte mit dem Auftritt der Kölner die Waldbühnen-Saison im Stadtpark eröffnet werden. Laue Temperaturen, die erst gegen Mitternacht so richtig fielen, eine sonnenüberflutete Waldbühne – Zutaten, die eines Vampires nicht würdig sind. So startete man zunächst mit dem Adonis Salonorchester in den Abend.

 Ein bisschen Sting („Moon over Bourbon Street“ aus dem Film „Interview mit einem Vampir“), die Trompetenklänge von Thomas Wurth, die durch den Stadtpark hallten, irgendwann dann endlich die Dämmerung. Die meisten der Gäste wussten, was sie erwartete. Eine Art Stummfilm, nur eben als Theater. Vom ersten Moment an gehörte die Show der Musikerin Antje von Wrochem.

Ein ums andere Mal stellte sie bei den Aufführungen des N.N. Theaters bereits ihre musikalischen Qualitäten unter Beweis. Musik sei ihr Leben, sagt sie über sich selbst, und das spürte man. Als Allrounderin bediente sie abseits der Bühne das Xylophon, Geige, Mandoline, Keyboard, Schlagwerk, und wenn’s der Erläuterung des Bühnengeschehen dienlich war, auch ihre Stimme. Mit stoischer Ruhe sang sie, imitierte den Hahnenschrei, der Nosferatu am Ende das Dasein kostet, begleitete geräuschvoll die Zugfahrt des jungen Hutter (Gregor Höppner) auf der Suche nach Nosferatu – Durchsagen am Londoner Hauptbahnhof, in Paris, Frankfurt, Wien, Budapest, selbstverständlich in Landessprache. Derweil zeigte das Ensemble mit Christine Per, Irene Schwarz und Michl Thorbecke als Nosferatu unter der Regie von George Isherwood jene Symphonie des Grauens, die bei ihrer Premiere als Stummfilm 1922 die Kinowelt erschütterte. Wie immer zeigte sich das Straßentheater erfinderisch, machte den Sargdeckel Nosferatus zum Tisch, zum Bett, zum Landungssteg fürs Geisterschiff und bediente sich bei der Transfusion gar einer überdimensionalen Plastikspritze. Das Ensemble bewegte sich mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Grad, der die Zuschauer mit Slapstick belustigte, auf der anderen Seite aber auch mitnahm in ein hinreißendes Theaterstück.

Kurz vor dem Beginn der eigentlichen Geisterstunde zerfiel Nosferatu an diesem Abend zu Staub. Beifall belohnte die Schauspieler im grellen Scheinwerferlicht im Stadtpark, nicht enden wollend, so dass Thorbecke lächelnd forderte: „Nun hört doch mal auf jetzt!“ Im nächsten Juni kommen sie wieder mit einem Stück, dessen Titel man sich eigentlich nicht wirklich merken möchte: „Liebe oder In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa“ von Frederico García Lorca, dem Gründer eines Studententheaters. Ute Kossmann führt Regie – und man darf sich jetzt schon freuen.

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