Rückblick der Leiter

Neun Monate Impfzentrum im MK: „Viel gelernt über die Abgründe“ 

Impfzentrum Corona Schützenhalle
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Die historische Schützenhalle war Anlaufpunkt für viele Menschen aus dem Märkischen Kreis.

Lange Schlangen vor dem Impfzentrum: Über viele Monate war das ein gewohntes Bild an der Schützenhalle am Loh in Lüdenscheid. Das historische Gebäude stand symbolisch für die Pandemiebekämpfung und war Anlaufpunkt für viele Menschen aus dem gesamten Märkischen Kreis. Jetzt wird es geschlossen.

Lüdenscheid - Jan Schmitz blickt mit Karsten Runte, dem organisatorischen Leiter, und Dr. Gregor Schmitz, dem ärztlichen Leiter, zurück und voraus.

Welche Erinnerungen haben Sie sich noch an die Anfänge im Dezember 2020?

Karsten Runte: Wir wussten zu Beginn überhaupt nicht, was uns erwartet. Es gab vom Land NRW Skizzen, wie ein Impfzentrum auszusehen hat. Damit haben wir dann angefangen zu planen, und erschwerend kam für uns dazu, dass wir am 15. Dezember 2020 fertig sein mussten. Wir haben uns im Team zusammengesetzt mit den ärztlichen Leitern einen Plan entwickelt, eine Halle gesucht und einfach angefangen.

Dr. Gregor Schmitz: Während Carsten Runte das Impfzentrum aufgebaut hat, waren wir schon dabei, die Impfungen in den Pflegeheimen vorzubereiten. Da war die erste Impfung ja schon am 27. Dezember. Bis dahin mussten wir das komplette Personal rekrutieren, das heißt: die Praxen informieren, anweisen. Das lief auf der medizinischen Seite parallel zum Organisatorischen zum Aufbau des Impfzentrums.

Im Februar 2020 wurde erstmals am Loh geimpft.

Waren Sie schneller als andere?

Schmitz: Wir waren immer einen Schritt voraus. Das betraf sowohl die Impfung der einzelnen Gruppen, zum Beispiel bei der Impfung von Lehrern, die wir in zwei Wochenend-Aktionen durchgeführt haben, und bei der Impfung des Rettungsdienstes. Zu Beginn war das Problem: Wir waren fertig, wir hatten alles gut organisiert und mussten dann plötzlich Termine absagen, weil kein Impfstoff da war.

Starke Nachfrage nach Impfstoff, Gedrängel bei der Freigabe für Prioritätengruppen. Wie haben Sie das gehändelt?

Schmitz: Es war insofern einfach, weil die Leute Termine machen mussten, und die Terminsoftware war so wenig ausgereift, dass zumindest keine Überbuchungen möglich waren (lacht). Zu Anfang kamen fast nur diejenigen, die priorisiert waren. Wir haben an einem Nachmittag angefangen, maximal 250 Personen an einem Tag. In der Spitzenzeit haben wir dann 2150 Menschen an einem Tag geimpft. Was zu Beginn sehr schön war: Die Leute waren alles sehr, sehr froh und dankbar, dass sie geimpft werden können. Als später die zweite Priorisierungsgruppe aufgemacht wurde, in der dann auch besondere Krankheitsfälle geimpft werden durften, waren die Gefälligkeitsatteste, die von manchen Kollegen ausgestellt wurden, sehr ärgerlich. Dass es Gefälligkeiten waren, merkte man, wenn man den Patienten fragte, an welcher Krankheit er denn leide und welche Medikamente er nehme. Dann kam heraus: Krankheit wusste er keine und Medikamente nahm er auch keine, aber er war per Attest als Hochrisikopatient eingestuft worden. Das waren unschöne Situationen.

Was waren darüber hinaus Herausforderungen?

Schmitz: Zu Beginn war der Arbeitsaufwand sehr groß. Wir hatten nur den Biontech-Impfstoff, und der hatte nur eine Haltbarkeit von maximal fünf Tagen, nachdem er aus der Tiefkühlung rauskam. Wenn der Impfstoff bei uns ankam, war er nur noch vier Tage haltbar, und dann mussten wir so disponieren, dass wir keine Impfstoffverluste hatten. Das ist uns auch gelungen, führte aber dazu, dass Carsten Runte und ich jeden Abend mindestens anderthalb Stunden gesessen und gerechnet haben, was müssen wir für den nächsten Tag bestellen.

Runte: Das war die Zeit, als meine Frau sich beschwert hat, dass ich monatelang nie mit ihr einen Fernsehabend gemacht habe, weil Gregor und ich uns immer abends um 20.15 Uhr, wenn die Impfzahlen kamen, zusammengesetzt haben. Was haben wir verbraucht, was haben wir noch im Bestand, mit welchem Haltbarkeitsdatum? Und dann haben wir anhand der uns vorliegenden Terminbuchungen überlegt, wie viel Impfstoff wir brauchen. Das war anfangs nicht einfach, weil ja nicht viel Impfstoff verfügbar war.

Ist man sich in der Situation der Verantwortung bewusst, die man für die Menschen im Kreis hat?

Schmitz: Ja. Man ist sich sicher bewusst, dass man auf der einen Seite ein knappes Gut zur Verfügung hat, das möglichst nicht verderben sollte, und dass man auf der anderen die Verantwortung dafür hat, dass die priorisierten Leute geimpft werden müssen. Damals war das Wort Impfdrängler das Schimpfwort des ersten Halbjahres.

Runte: Um mal ein Beispiel zu nennen. Es gab einen Fall, da geht ein Pärchen in die Impfkabine, und da fragt der Arzt, was haben Sie für eine chronische Krankheit? Der Mann fängt an zu stottern, daraufhin werden beide hinausgeleitet. Dann sagt die Frau zum Mann, was er hätte sagen müssen. Im Februar und im März oblag es neben dem Impfen und der Impfstoffbestellung dem Leitungsteam, diese Einzelfälle zu entscheiden. Da kann man sich denken, dass manche mit unseren Entscheidungen nicht immer einverstanden waren.

Was haben Sie in dieser Zeit über Menschen in einer Ausnahmesituation gelernt?

Schmitz: Ich hab immer gesagt: Nach 32 Jahren Hausarzttätigkeit hab ich alles schon erlebt und gesehen. Aber jetzt sage ich: In den letzten neun Monaten habe ich viel mehr gelernt über die Abgründe, in die man bei manchen Menschen schaut. Das hat sich auch nicht geändert. Während es zu Anfang die Drängler waren, sind es jetzt die Impfverweigerer. Ich habe das Gefühl, dass das Miteinander unter den Menschen durch die Corona-Krise ziemlich gelitten hat.

Das haben Sie auch im Impfzentrum erlebt?

Schmitz: Zu Anfang waren alle die, die die Security erfolgreich passiert hatten, happy. In den letzten acht Wochen war dieser Zufriedenheitsfaktor weg. Damals waren die Senioren während des Wintereinbruchs mit dem Rollator durch den Schnee gestapft, um ihre Impfung zu erhalten. Seit einigen Wochen gehen wir mit dem Impfbus in die Fläche, um den jungen Leuten den Weg nach Lüdenscheid oder Iserlohn zu ersparen. Da hat sich schon etwas verändert.

Runte: Wir haben sehr viele, sehr dankbare Menschen erlebt, zum Beispiel, wenn der Sicherheitsdienst ältere Menschen die Rampe hochgefahren und teilweise hochgetragen hat. Wer am Eingang abgewiesen wurde, war natürlich nicht dankbar. Das kam Ende Februar, Anfang März häufiger vor. Es gab nicht nur die schriftlichen Anfragen, sondern auch Leute, die sich einfach an den Eingang gestellt und gefordert haben: Ich will jetzt geimpft werden! Das hat den Sicherheitsdienst und immer auch jemanden vom Leitungsteam schwer beschäftigt. Das ist so weit gegangen, dass plötzlich ein Bus aus Niedersachsen vor unserem Impfzentrum in Lüdenscheid stand. Zwischenzeitlich gab es Unterschiede bei den Impfmöglichkeiten in den einzelnen Bundesländern. Acht Leute aus Verden an der Aller haben sich aufgrund eines Hinweises eines Unternehmens aus dem Märkischen Kreis vier Stunden auf den Weg gemacht, um sich bei uns im Impfzentrum impfen zu lassen. Wir mussten denen aber sagen: Alles schön und gut, aber wir impfen nur Bewohner aus NRW. Das tat mir auch leid, aber wenn man das einmal durchgehen lässt, hat man plötzlich ganz viele hier stehen. So lange der Impfstoff knapp war, gab es die Regelungen von Bund und Land. Es waren nicht die Regelungen des Märkischen Kreises – auch das haben wir den Menschen immer geduldig gesagt.

Wenn Sie das Impfzentrum jetzt abschließen, kommt da so etwas wie Wehmut auf?

Runte: Wehmut würde ich nicht sagen. Wir haben etwas Großartiges auf die Beine gestellt. Wir haben mit einem langen Atem ganz viele geimpft. Wir sind in der Impfquote recht weit oben. Anstrengend fand ich das Menschliche. Das hat einen abends schon beschäftigt. Das war nicht ohne. Schön war die Dankbarkeit der Menschen, die bei uns im Impfzentrum waren. Ich habe ganz viele gesprochen, die mit den Abläufen und den Mitarbeitern zufrieden waren. Fast alle waren zufrieden, und die, die nicht zufrieden waren, haben es am lautesten nach außen getragen. Wir sind ein hervorragendes Team. Ich hab immer gesagt: Wir schaffen das nur als Team. Wenn man vom Team spricht, dann gehören auch die Security und unser Reinigungspersonal dazu.

Schmitz: Die ersten Monate haben wir 16 Stunden am Tag gearbeitet. Das war schon eine extreme Belastung. Ich dachte auch, dass für mich Ende wäre am nächsten Freitag, aber der Kreis hat mich gebeten, noch beratend weiter mit zu arbeiten. Das werde ich auch gerne machen.

Sind Sie froh, dass es vorbei ist mit dem Impfzentrum oder sagen Sie, es ist jetzt auch gut gewesen?

Schmitz: Ich bin ja selbst niedergelassener Hausarzt. Deshalb bin ich überzeugt, es ist machbar, dass die Hausärzte das, was jetzt kommt, stemmen können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass noch einmal ein festes Impfzentrum benötigt wird, wie wir es jetzt hatten. Die Impfzentren waren zu Beginn der Impfkampagne sicher notwendig und richtig, aus zwei Gründen: Es gab zu wenig Impfstoff und es gab die Priorisierung. Das wäre bei den niedergelassenen Ärzten nie gelungen.

Wo liegt die Schwierigkeit, die fehlenden 15 Prozent der Menschen für die Herdenimmunität zu erreichen?

Schmitz: Es gibt erstaunlicherweise immer noch Leute – ich frage mich, in welchem Vakuum von Informationen die leben – die mir sagen, ich dachte, wir würden angeschrieben. Das waren erst vor wenigen Wochen zwei 60-jährige Frauen, die mitten im Berufsleben stehen. Aber das sind wenige. Das große Problem sind die Leute, die Angst haben vor der Impfung, weil sie irgendwelchen Nachrichten in sozialen Medien blind trauen. Intelligente Leute, zum Teil mit Hochschulabschluss, sind wirklich der Meinung, die Impfstoffe würden genetische Schäden hinterlassen. Wir haben die Menschen immer wieder mit Ruhe und mit viel Sachverstand beraten und aufgeklärt, und diesen Weg werden wir gemeinsam fortführen.

Das mobile Angebot wird sehr gut angenommen, und fast alle sind dankbar, dass es so ein so unkompliziertes Angebot gibt. 

Karsten Runte

Runte: Ich bin ja auch mit dem Impfbus unterwegs. Da komme ich in Neuenrade aus dem Baumarkt heraus, wo ich für meine Kollegen einen Kaffee organisiert habe, als vor mir zwei jüngere Herren auf eine kleine Schlange vor dem Impfbus mit einer Wartezeit von circa zehn Minuten schauen. Da sagt der eine zum anderen: Ich würde mich ja impfen lassen, aber ich habe keine Lust zu warten. Was soll ich denen erzählen? Wer sich da nicht anstellt an dem Bus und in einer Viertelstunde fertig ist, der will nicht. Das ist eine ganz kuriose Geschichte, aber auch ein Einzelfall, denn das mobile Angebot wird sehr gut angenommen, und fast alle sind dankbar, dass es so ein so unkompliziertes Angebot gibt. Wir haben an einem Wochenende mit vollem Personal volle Schichten über 5000 Impftermine in den Impfstellen Lüdenscheid und Iserlohn angeboten, da konnte jeder ab zwölf Jahren mit seiner Familie ohne Termin geimpft werden. Am Ende haben wir ungefähr ein Fünftel davon durchgeführt. Das war der Punkt, wo ich gesagt habe: Wir können noch so viel anbieten, mit den Impfzentren werden wir nicht mehr viele kriegen. Die Leute muss man anders erreichen, wie mit unseren einfachen, mobilen, spontanen Angeboten vor Ort, und es wird immer auch ein Teil bleiben, der sich weigert, sich im impfen zu lassen – aber nicht nur bei uns im Kreis. Früher wussten sich die Leute selbst zu schützen, heute verlässt man sich auf die Allgemeinheit, aber die Allgemeinheit kann die Spritze nicht zu jeder Haustür bringen. Wir tun schon viel, um vor Ort zu sein.

Würden Sie sich bei allem, was Sie erlebt haben, dafür aussprechen, Ungeimpften materielle Anreize für die Impfung zu geben – zum Beispiel 50 Euro?

Runte: Ich halte nichts davon, 50 Euro auszuzahlen. Da mag man den einen oder anderen noch gewinnen, aber ich appelliere an alle Bürger, an sich selbst und an andere zu denken. Man schützt ja mit der Impfung sich selbst vor schweren Erkrankungen. Wenn man jetzt 50 Euro auszahlt, würde ich alle vor den Kopf stoßen, die sich bei Schnee und Eis auf den Weg zum Impfzentrum gemacht haben. Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist. Mir persönlich widerstrebt das.

. Um die Herdenimmunität zu erreichen, also über 90 Prozent, müsste man laut der Studie an jeden Ungeimpften 500 Euro auszahlen, dann würde man es hinbekommen.

Dr. Gregor Schmitz

Schmitz: Es gibt es ein Studie, wie viele man mit Geld überzeugen würde. Um die Herdenimmunität zu erreichen, also über 90 Prozent, müsste man laut der Studie an jeden Ungeimpften 500 Euro auszahlen, dann würde man es hinbekommen. 50 Euro würden zwar noch einmal ein paar Prozent bringen, aber nicht die Masse. Ich habe jetzt alle Leute gefragt, warum sie zum Impfen kommen und das Gros der Antworten war: Ich will meine Freiheiten wiederhaben oder es wird zu teuer. Gesundheitsschutz war selten der Hauptgrund.

Runte: Ich appelliere an alle, das Impfen auch jetzt noch wahrzunehmen. Wir machen lieber im Impfbus eine Stunde länger, damit alle, die anstehen, noch geimpft werden. Wir werden am Impfbus und auch in den letzten Tagen an den Impfzentren impfen, was wir können. Wir haben Johnson&Johnson in ausreichendem Maß da, daran wird es nicht scheitern.

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