Neuer Job für Khalil: "Jetzt bin ich kein Flüchtling mehr"

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Khalil Kraydieh (links) und sein Chef, ATU-Filialleiter Martin Klattkewitz, verstehen sich.

Lüdenscheid - Die Verzweiflung war groß, die drohende Abschiebung zurück in den Libanon schwebte wie ein Damoklesschwert über Khalil Kraydieh (36), seiner Frau und den beiden Söhnen.

Im Juni hatte er als einer von ganz wenigen Flüchtlingen in Lüdenscheid eine Ausbildung absolviert und die Gesellenprüfung zum Kfz-Mechatroniker bestanden. Aber ein fester Job schien in weiter Ferne zu sein. „Ich muss genau in dem Beruf arbeiten“, sagte er, „in dem ich meinen Abschluss gemacht habe. Sonst ist es das Ende“. Jetzt ist es geschafft. 

„Ich bin kein einfacher Flüchtling mehr.“ Khalils Stimme klingt glücklich, Stolz schwingt hörbar mit. Seit seiner Ankunft am 4. Januar 2016 in Deutschland habe er „mehr geschafft als in all den Jahren im Libanon zuvor“. 

Die Ankunft in Dortmund am 4. Januar 2016, der Asylantrag, die Verlegung in eine Unterkunft in Willich im Kreis Viersen, der Transport nach Lüdenscheid, drei Wochen in der ehemaligen Grundschule Schöneck, dann Umzug ins Flüchtlingsheim an der Gartenstraße, von da aus in ein beengtes Zimmer der ehemaligen Jugendherberge am Nattenberg und dann, endlich, eine eigene Wohnung. 

Damit jedoch war die Abschiebung noch nicht aus der Welt. Ein Job musste her. „Ich will nicht mehr als Bittsteller leben. Ich will arbeiten und ganz normal Geld verdienen.“ Die Lüdenscheider Nachrichten verbreiteten den Hilferuf. Es kamen Angebote, aus der Kreisstadt, aus Plettenberg, sogar ein Werkstattbetreiber in Attendorn interessierte sich für den Mann aus dem Libanon. 

Khalil Kraydieh arbeitet hier und da für einige Tage zur Probe. Schließlich ist Martin Klattkewitz, Filialleiter bei ATU an der Altenaer Straße, sicher: Den nehme ich! Die handwerklichen Fähigkeiten des 36-Jährigen „haben mich vom Sockel gehauen“, sagt Klattkewitz im LN-Gespräch. 

Er bietet Khalil einen festen Vertrag an. „Ich bin froh, dass ich ihn habe, auch weil er gegenüber Kunden und Kollegen in der Werkstatt immer freundlich und hilfsbereit auftritt.“ 

Die Anerkennung der Ausländerbehörde lässt nicht lange auf sich warten. Der ehemalige Flüchtling hütet die Bescheinigung, datiert vom 16. September, wie einen Schatz. Darin steht unter anderem: „Die Aufenthaltserlaubnis gilt mit Wirkung des heutigen Tages als erteilt“ und sei zunächst bis zum 10. August 2021 gültig. Aber unter einer Voraussetzung: „Nur Beschäftigung als Kfz-Mechatroniker bei der Firma ATU in Lüdenscheid erlaubt.“ 

Gerade ist Khalil Kraydieh aus Berlin zurück. Der Aufenthaltsstatus seiner Familie muss noch geklärt werden. Sein jüngster Sohn Leonardo „war in seinem ersten Lebensjahr staatenlos“, erzählt die Mutter. Doch die Angst vor der Abschiebung ist der Hoffnung gewichen: „Das schaffen wir auch noch.“ 

Der nächste Baustein für ein sicheres Leben in Lüdenscheid gibt Zuversicht. Mit Hilfe seines väterlichen Freundes Franz Schacht, pensionierter Lehrer, finden die Kraydiehs eine größere Wohnung am Wehberg, vom Balkon aus toller Blick auf die Stadt. 

Khalil erinnert sich, es sei ein ganz besonderer Moment gewesen am Sozialamt. „Ich habe gesagt, ich brauche jetzt keine Unterstützung mehr, ich habe Arbeit und eine eigene Wohnung, ich kann alles selbst bezahlen.“

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