Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 3

Kinos in Lüdenscheid: Im Filmpalast wird’s allzu feurig

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Es erinnert zunächst gar nicht an ein Kino: das Cinema 2000 im Sauerland-Center.

Lüdenscheid - Wenn gar nichts mehr gegen den Publikumsrückgang hilft, dann hilft Porno. Aber nur, wenn der Kinosaal nicht abbrennt. Kino-Geschichte(n) aus dem Lüdenscheid der 60er- und 70er-Jahre.

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 3 der Serie bekommt Brügge ein eigenes Großkino. Eine besonders lange Lebenszeit ist dem Odeon aber nicht beschieden, denn die stetige Verbreitung von Fernsehgeräten in den Wohnzimmern läutet das Sterben der großen Kinosäle ein.

Seit die Bilder „Laufen gelernt“ hatten, war der Stadtteil Brügge immer eher verhalten mit Filmvorführungen versorgt worden. Nachdem der Gasthof zur Post 1945 zerstört worden war, fanden in den ersten Jahren der Nachkriegszeit zumeist Vorführungen durch Wanderkino-Betriebe in Sport- und Turnhallen Brügges statt.

 Zum Ende der 1950er-Jahre verschwanden die tourenden Kinobetriebe gänzlich. Auch die Familie Müller, die bisher immer wieder in Brügge Station gemacht hatte, um neuesten Kintopp zu zeigen, war mit dem Bau des Filmpalastes in Lüdenscheid sesshaft geworden.

Dem Wirtschaftswunder sei Dank: Es gab einen Hoffnungsschimmer am Horizont der Brügger Filmfreunde: Carl Jürgens und Roland Franke beauftragten den Schalksmühler Architekten Dieter Busch mit dem Entwurf eines repräsentativen Lichtspielhauses, dessen Innenraum Platz für 300 Besucher bieten sollte. Die technische Planung besorgte der Filmtontechnik-Ingenieur Erich Dammeyer aus Düsseldorf.

Brügge bekommt eigenes Kino

Am 11. September 1959 war es soweit: Das neue Kino Odeon an der Volmestraße 47 nahm den Spielbetrieb auf. Als Eröffnungsfilm wurde „Und abends in die Scala“ gezeigt.

Den alteingesessenen und den neuen Lichtspielhäusern Lüdenscheids ging es bald an den Kragen. Schon 1928 war das Fernsehgerät, der baldige Erzfeind des Kinos, auf der Berliner Funkausstellung vorgestellt worden. Der erste regelmäßige Programmbetrieb begann in Deutschland 1935. In den späten 1940er-Jahren war das Fernsehgerät dann soweit weiterentwickelt worden, dass es als Massenmedium in immer mehr deutschen Wohnzimmern Einzug fand.

Zu Beginn der 60er-Jahre wichen die deutschen Sendeanstalten davon ab, ausschließlich Bildungsprogramme oder Live-Übertragungen weltgeschichtlicher Ereignisse über den Äther zu schicken. Nun liefen ebenso Spielfilme und eigens für den kleinen Schirm produzierte Serien. TV-Produktionen wie „Das Halstuch“ etablierten in den 60ern die Bezeichnung „Straßenfeger“ für Programme, die jeder sehen sollte – und wollte!

Der Siegeszug des Fernsehers in der Bundesrepublik hatte katastrophale Auswirkungen auf die Kino-Landschaft. Das bekamen die Lüdenscheider Cineasten im besonderen Maße zu spüren.

Am 17. Dezember 1964 schloss das mittlerweile umsatzschwache Capitol in der Oberstadt. Das Warenhaus Deka nutzte den Leerstand danach als Lagerfläche. Die große Lüdenscheider Deka-Filiale war wenige Häuser weiter in den Räumen Hochstraße 4/Wilhelmstraße 64 beheimatet, dem ehemaligen Lichtspielhaus von Werner Hürfeld.

Das Apollo an der Kölner Straße litt ebenfalls unter Besucherschwund, es wurde darum baulich verkleinert. Statt der 1074 Plätze umfasste der Saal nur noch rund 800. Die Verkleinerung half dem Hause nicht mehr, sodass das Gebäude kurze Zeit später an das Unternehmen Franz aus Haiger verkauft wurde, das aus dem Apollo einen Möbelmarkt machen wollte. Bis die Pläne dafür weit genug fortgeschritten waren, hielt der Konzern den Kinobetrieb weiterhin aufrecht. Aus dem Möbelhaus-Plan wurde jedoch nichts, das Kino 1971 abgerissen, weil es dem Bau des Rathaustunnels im Weg stand.

Sang- und klanglos war auch der Untergang des Brügger Odeon. Wirtschaftlich nicht mehr rentabel wurde es im Juni 1966 geschlossen und folgend zur Vereinshalle umgebaut.

Das Stern-Theater an der Altenaer Straße wurde abgerissen.

Aufschwung mit Porno und Karate

1972 gab es in Lüdenscheid nur noch den Filmpalast und das Stern-Theater. Um weiterhin zu überleben, brauchte die Branche eine rettende Idee. Und die gab es in Form einer Programm-Umstellung. Anstatt weiterhin die US-Hochglanzfilme und Wohlfühl-Kino aus deutschen Landen in die Projektoren zu legen, öffneten sich die Lichtspielhäuser all jenen Produktionen, deren Mattscheiben-Einsatz zu jener Zeit als völlig unvorstellbar galt.

Aufklärungs- und Sexfilme, asiatische Roboter-, Karate- und Monster-Streifen, europäische Western, italienischer und spanischer Sci-Fi und Horror oder französische Komödien lockten endlich wieder Zuschauer in die Säle.

Mit dem kommerziell erfolgreichen Schmuddel auf der Leinwand waren schon bald überall Kino-Neuansiedlungen zu verzeichnen. Diese Kinos waren aber keine Neubauten mehr, die ausschließlich für den Filmbetrieb errichtet wurden. Die Betreiber pachteten nun Räume in bestehenden oder neu entwickelten Gewerbe-Immobilien, in Bahnhöfen oder Shopping-Centern. Und die Säle schrumpften. Sogenannte Schachtelkinos umfassten zwischen 60 und 150 Plätze.

Nicht das prachtvolle Ambiente oder Großleinwände sollten Gäste locken, sondern intime Club-Atmosphäre. Alkoholverzehr und blauer Dunst im Saal waren ausdrücklich erwünscht. Sein erstes Schachtelkino bekam Lüdenscheid im Frühjahr 1973.

Qualmen im Schachtelkino

Der Siegener Günther Modrakowski ließ den City-Kino-Club Cinema 2000 im Sauerland-Center (Sauerfelder Straße 2) mit rund 100 Plätzen nach Vorbild des Düsseldorfer Kinos Club intim von Diplom-Ingenieur Nehaus bauen. Eine Besonderheit des Kinos war die von zwei Stereo-Klangsäulen flankierte Glas-Plastik-Scheibe als Leinwand. Auf diese wurden die Filme rückwärtig über ein Prisma projiziert.

Günther Modrakowski plante, noch ein weiteres Kino im Sauerland-Center zu eröffnen, aber obwohl die Arbeiten am City-Kino 73 ebenfalls zu Anfang 1973 begonnen wurden, wurde der Saal nie fertiggestellt. Der City-Kino-Club Cinema 2000 öffnete hingegen am Abend des 27. April 1973 erstmals seine Türen. Gespielt wurde zur Eröffnung der Streifen „Die Pfarrhaus-Komödie“.

Dass der Betrieb eines großen Kinosaals nicht mehr lohnte, erkannte auch die Familie Kohns, weshalb im Frühjahr 1975 das Stern-Theater an den City-Center-Investor Hans Grothe verkauft und im September des Jahres dann abgerissen wurde. Ein kurzes Intermezzo als Kino-Saal erlebte vom 25. Juli bis zum 31. August 1975 die Gaststätte Bürgerkrug an der Freiherr-vom-Stein-Straße 9 (ehemals Concordia, 1977 für den Bau des Kulturhauses abgebrochen). Gastronom Willi Reißmann lud hier zu „Bürgerkino“-Vorführungen ein.

Bereits wenige Wochen später eröffnete im Geschäftshaus Altenaer Straße 2 das nächste Schachtelkino: Der Neue Stern hatte 130 Plätze und war in der 1. Etage des Hauses untergebracht. Eröffnet wurde das Kino am 31. Oktober 1975 vom Iserlohner Filmkaufmann Clemens Knode mit dem Streifen „Bis zur bitteren Neige“. Kurze Zeit später folgte Knode auf Günther Modrakowski als Pächter des City-Kino-Club Cinema 2000. Alle Schachtelkinos jetzt aus einer Hand sozusagen.

Als dritter kleiner, neuer Kinosaal in der Bergstadt nahm am 23. April 1976 das Lux Nonstop im Gothaer-Haus (Rathausplatz 25) den Filmbetrieb auf. „Butterfly“ und „Vier Fäuste hart wie Diamanten“ waren die ersten beiden Streifen im Programm des Kinos, das nur rund 90 Plätze besaß. Zudem war das Lux das einzige Kino neben dem Filmpalast im Lüdenscheid der späten 1970er-Jahre, in dem auch Pornografie über die Leinwand flimmerte.

Der Filmpalast brennt.

Harter Stoff auf der größten Leinwand

Freunden expliziter Erotika sollte schon bald der Genuss von Pornos auf der größten Leinwand der Stadt verwehrt bleiben: In der Nacht zum 4. November 1976 brannte der Saal des Filmpalasts lichterloh. Dabei entstand ein Schaden von rund 400 000 D-Mark. Es war Brandstiftung. Dem Feuer vorausgegangen war am Vortag eine heftige verbale Auseinandersetzung zwischen Filmpalast-Chef Günther Müller und dem Vorführer Walter G., die mit der fristlosen Entlassung des Angestellten endete. Aus Rache für den Rauswurf hatte G. das Feuer gelegt. Keine 24 Stunden, nachdem das „flammende Inferno“ gelöscht werden konnte, war der Filmvorführer als Verdächtiger in Haft genommen worden.

Beim späteren Prozess vor dem Hagener Landgericht wurde G. zu 21 Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Als strafmildernd hatte der Richter die Tatsache angesehen, dass G. zum Zeitpunkt der Tat erheblich alkoholisiert war.

Um während der Renovierung des Filmpalasts keine weiteren Umsatzeinbußen zu erleiden, pachtete die Familie Müller in der Folgezeit Modrakowskis City-Kino-Club Cinema 2000. Im März 1977 öffneten die Müllers die Türen des renovierten Filmpalasts wieder, das Cinema 2000 pachtete nun Anita Helmering, die es nach einem Umbau unter dem Namen Zentral ab Juli 1978 weiterführte.

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