Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 1

Unvergessene Lichtspielsäle: Rückblick auf die Kinos in Lüdenscheid

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Das Central-Theater an der Altenaer Straße.

Lüdenscheid - Man schreibt den Monat Oktober des Jahres 1900. In Lüdenscheid bricht eine friedliche Revolution aus. Denn: Das Kino erreicht die Bergstadt. Und bald schon hat die Stadt ihren ersten Kino-Mogul.

In unserer neuen Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie) unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. In Folge 1 öffnen die unvergessenen Lichtspielsäle nochmals ihre Türen. Kintopp flimmert über die Leinwand und das Rattern des Film-Projektors durchbricht die Stille im Saal. Lesen Sie selbst:

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten in Europa mehrere Erfinder um die technisch fortschrittlichste Maschinerie zur Darstellung des Bewegtbildes konkurriert. Thomas Edisons Guckkasten, eine Weiterentwicklung der Laterna Magica, bildete die Grundlage für ein neues Spektakel, das alsbald als Kinematografie von sich Reden machen sollte.

Am 12. Februar 1892 meldete der französische Erfinder Léon Guillaume Bouly ein Patent auf ein Rollfilm-Projektionsgerät an. Gleichzeitig entwickelten die Berliner Brüder Max und Emil Skladanowsky eine ähnliche Gerätschaft. Ihr sogenanntes Bioskop erlaubte es, bis zu 24 auf 54-Milimeter-Blankfilmrolle montierte Bilder zu „bewegen“. Die erste öffentliche Vorführung einer Bioskop-Projektion fand im Juli 1895 im Lokal Feldschlösschen in Berlin-Pankow statt.

Wenige Monate später, am 28. Dezember 1895, präsentierten die Gebrüder Lumière schließlich in öffentlichen Vorführungen ihren Kinematographen – die erste marktreife Apparatur zur Bewegtbilderzeugung. Die Geburtsstunde des Kinos. Eine technische Sensation, die im Oktober 1900 die Lüdenscheider in den Saal des Hotels zur Post zog. Die ersten Aufführungen mit dem „Riesenkinematographen“ versetzten die Bergstädter in Staunen.

Wettlauf um die Publikumsgunst

Der Kintopp im Hotel zur Post, der von dem Bochumer Peter Mandt ausgerichtet wurde, entwickelte sich zu einer regelmäßigen Schau. Bald schon taufte Mandt das neue Refugium der guten Unterhaltung auf den Namen Zentral-Theater.

1907 erfolgte ein Umzug des Kinematografen in das Haus Altenaer Straße 3 (später in 3a umbenannt). Gezeigt wurden Streifen mit Titeln wie „Von Faß zu Faß“ oder „Der Hund des Blinden“. Das als „Theater lebender, sprechender und singender Photographien“ beworbene Kino war täglich von 16 bis 23 Uhr geöffnet.

Der Erfolg Mandts blieb nicht unbemerkt. Als Mitbewerber trat Wilhelm Reininghaus in Erscheinung und eröffnete am 3. Juli 1908 das zweite Kino Lüdenscheids. Es trug den Namen Apollo-Theater und befand sich im Haus Wilhelmstraße 47.

Auch das Zentral-Theater fand man an der Altenaer Straße

Gerade einmal 29 Jahre alt war Franz Bruckmann aus Essen, der alsbald Lüdenscheids Kinogeschichte entscheidend prägen würde. Er löste Peter Mandt am 9. August 1909 als Kinochef des Zentral-Theaters ab – und das bedeutete zugleich Ärger für den Apollo-Boss Wilhelm Reininghaus. Bruckmanns wirtschaftlicher Erfolg mit dem Zentral-Theater warf nämlich beim Regierungspräsidenten in Arnsberg die Frage nach einer Besteuerung von Lüdenscheider Kino-Betrieben auf.

Die Steuerverordnung sah damalig vor, dass klassische Theaterbetriebe eine „Lustbarkeitssteuer“ von jeweils 5 Mark pro Vorstellung an den Fiskus abzuführen hatten. Wie waren nun Filmtheater steuerlich zu bewerten? Welche Abgabe geleistet werden sollte, musste nun die Stadtverordnetenversammlung bestimmen. Bis sich die aber darüber einig wurde, ob nun drei oder vier Mark pro Vorstellung abzuführen seien, dauerte es über drei Jahre. Und in dieser Zeitspanne veränderte sich die Kinolandschaft vor Ort erneut nachhaltig.

Das Zentral-Theater zog am 15. Januar 1910 in den gegenüberliegenden Neubau Altenaer Straße 2a. Bruckmanns neues Kino und die drohende Besteuerung führten nun dazu, dass Wilhelm Reininghaus das Handtuch warf und sein Apollo-Theater 1911 aufgab.

Franz Bruckmann, der jetzt das Kino-Monopol in der Stadt inne hatte, finanzierte zusammen mit dem Kaiserhof-Hotelier Philipp Kohns einen Kino-Neubau im Gartenbereich des Hotels. Dieses neue Central-Theater war just noch im Bau, als sich neue Mitbewerber zeigten. Am 24. Februar 1912 eröffnete Adolf Selter das Lichtspielhaus an der Hochstraße 4. Kurze Zeit später wurde aus der Gaststätte Kowalski an der Luisenstraße 21 das Urania-Theater. Dieser Betrieb war kein reinrassiges Kino, sondern ein Nachtclub mit regelmäßigen Kinematographenvorstellungen. Am 21. Dezember 1912 öffnete dann das neue Central seine Türen.

Die Frage nach der Lustbarkeitssteuer für Kinos hatte sich mittlerweile geklärt: Vier Mark mussten Filmtheaterbetreiber pro Vorstellung abdrücken.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges expandierte die Kinobranche im gesamten Deutschen Kaiserreich. 2500 Lichtspielbetriebe gab es insgesamt. Die kriegsbedingte Zäsur bei Neuansiedlungen von Lichtspieltheatern hielt Franz Bruckmann jedoch nicht davon ab, ein weiteres Kino 1917 im Haus Humboldtstraße 24 zu eröffnen. 1918 übernahm Bruckmanns Essener Kinematographen Gesellschaft außerdem das Lichtspielhaus Hochstraße 4.

Franz Bruckmann, der Film-Mogul, mit Ehefrau Thea.

Vom Haldenjungen zum Kinobesitzer

Den Spielbetrieb seiner Häuser übergab Franz Bruckmann am 1. April 1919 an den Siegerländer Peter Weller. Der bereits 50-Jährige hatte ein bewegtes Leben hinter sich, bevor er sich dem Kinogeschäft zuwandte. Geboren in Hommelsberg bei Gebhardshain, hatte Weller als Haldenjunge auf der Zeche Bindweide angefangen und war zum Verwaltungsmitarbeiter aufgestiegen. Im Anschluss eröffnete er eine Handelsschule, bevor er sich der Fotografie als Broterwerb zuwandte. Die Erschütterung der gesellschaftlichen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg veranlasste ihn und seine Familie, nach Lüdenscheid umzuziehen.

Nach der Übergabe des Central an Weller zog es Franz Bruckmann nach Düsseldorf. Von dort aus trieb er seine Kinogesellschaft voran, baute jetzt Lichtspielhäuser in Großstädten. Peter Weller hatte sich hingegen neuen Mitbewerbern in der Bergstadt zu stellen.

Die Brüder Alfred und Louis Stenger richteten im Juni 1919 im Obergeschoss ihres Hotels Berliner Hof ein neues Kino mit Namen Metropol-Theater ein. Zuvor hatten die Räume Soldaten auf dem Rückmarsch in die Heimat als Lager gedient.

Das Metropol-Theater in der Wilhelmstraße 56 war zwar mit 300 Plätzen weitaus kleiner als das Central, aber auf den knapp 280 Quadratmetern über dem Hotel fand neben damals modernster Kinotechnik auch noch das für die Stummfilm-Ära jener Tage obligatorische Orchester Platz.

Überhaupt wurde in dem Haus viel für Leib und Seele geboten. Tägliche Künstler-Konzerte im Café des Hotels gehörten neben feinsten Torten aus der eigenen Konditorei der Stengers zum guten Ton.

Der Kampf um die Gunst des Lüdenscheider Publikums entschieden letztlich die beiden Lichtspieltheater, die Genüsse für alle Sinne boten – Central- und Metropol-Theater hatten dabei die Nasen vorn. Andere Säle konnten sich nicht gegen sie behaupten. Und so nutzte es zum Beispiel Adolf Selters Kino an der Hochstraße auch wirtschaftlich nicht mehr viel, dass es noch im März 1919 renoviert und mit neuer Technik versehen worden war. Im November des selben Jahres war dann vorerst Schluss mit den Vorführungen im Saale Hochstraße 4.

Das erste Kino in Brügge entstand 1927 im Gasthof Zur Post.

Der Film erreicht auch Brügge

1923 verließ Peter Weller Lüdenscheid, übergab die Geschäftsführung des Central-Theaters an Oskar Neumann. Franz Bruckmann hatte mittlerweile deutsche Großstädte für die Neubauprojekte seiner Filmverleih- und Kino-Projektentwicklungsgesellschaft Filmhaus Bruckmann & Co. auserkoren. In Berlin entstand unter seiner Regie der Primus-Palast am Potsdamer Platz, Düsseldorf bekam das Kino Alhambra.

In Lüdenscheid wurden weitere Projektoren in Betrieb genommen: So baute Ernst Diemer Ende 1924 seine Gaststätte Zur Hohen Steinert zum Kino Lichtspiele Hohe Steinert um (das Haus wurde 1969 abgerissen). Im Februar 1925 eröffnete der Hagener Werner Hürfeld das Kino an der Hochstraße 4 erneut.

Und das Metropol wechselte die Besitzer: Die Stengers verpachteten das Kino an die Nordwestdeutsche Film-Theater GmbH der Familie Neumeister. Das Lichtspielhaus wurde 1925 in Schauburg umbenannt.

1927 gab es erstmals in Lüdenscheid-Brügge regelmäßige Kinovorstellungen vor Ort in einem festen Saalbau: Der Gastronom Ferdinand Niggeloh zeigte Filme im Gasthof Zur Post (1945 von Jagdbombern zerstört, die heutige Adresse wäre Volmestraße 30/32). Sonntags blieb der Projektor jedoch aus, da diente der Saal als Ausrichtungsort für Gottesdienste der Evangelischen Kirchengemeinde.

Stoßgebete gen Himmel halfen in der Oberstadt aber nicht mehr: Die Schauburg hatte den neuen Pächtern kein Glück beschert, sodass das Kino nun an Peter Wellers jetzt in Düsseldorf ansässige Kinobetriebs-Gesellschaft vermietet wurde. Zur Wiedereröffnung 1928 wurde es in Capitol umbenannt.

Auf der Hochstraße 4 warf Werner Hürfeld das Handtuch. Im Folgejahr wurde das Kino zu einem Geschäftslokal umgebaut. 1929 kehrte Franz Bruckmann zurück in die Bergstadt, seinen Großkinos in den Weltstädten war kein besonderer wirtschaftlicher Erfolg beschieden gewesen. - Fabian Paffendorf

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