Serie „Kunst, Kultur, Konsum – Kommerz!“ - Teil 2

Kinos in Lüdenscheid: Der Gigant mitten in der Stadt

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Das Apollo-Kino 1939.

Lüdenscheid - Lange, bevor Lüdenscheid tatsächlich einen "Filmpalast" bekam, hatte es schon einen. Auch wenn er Apollo hieß und architektonisch ein Kind der Nazizeit war. 

Wo und wie kauften die Bergstädter gestern und vorgestern ein und an welchen Orten fanden sie Ablenkung vom Alltag? In der Serie „Kunst, Kultur, Konsum - Kommerz!“ (hier geht es zu allen Folgen der Serie)  unternimmt Fabian Paffendorf einen Streifzug durch das alte Lüdenscheid, schildert die Geschichten von untergegangenen Freizeit- und Erlebniswelten, legendären Diskotheken, Kinos und (missverstandenen) Kunstwerken. Folge 2 widmet sich der Ära der prunkvollen Großkinos in Lüdenscheid – und deren herausragendsten Vertretern Apollo und Filmpalast. Doch lesen Sie selbst:

Das Ende der von Varieté-Orchestern begleiteten Filmvorführungen war am 6. Oktober 1927 in den USA mit dem Film „The Jazz Singer“ eingeläutet worden. Der „sprechende Film“, der sich der Technik des vom Filmstudio Warner Bros. und dem Western Electric-Konzern entwickelten Vitaphone-Nadelton-System bediente, wurde bei seiner New Yorker Premiere als Weltsensation gefeiert.

Das Apollo-Kino 1939

Die von deutschen Technikern entwickelte Tri-Ergon-Technik sowie ein weiteres darauf basierendes Tonfilmverfahren der Berliner Tobis AG brachten den nationalen, abendfüllenden Filmproduktionen 1929 das „Sprechen“ bei.

Dem Lüdenscheider Kinopionier Franz Bruckmann hatte Berlin kein Glück gebracht, weshalb er – finanziell angeschlagen – Anfang 1929 in die Bergstadt zurückkehrte. Bruckmann übernahm wieder die Geschäfte des Zentral-Theaters und folgte als neuer Pächter des Capitol.

Der Bettelstudent kann plötzlich singen

Pünktlich zum 1. Januar 1932 bescherte Franz Bruckmann dem mittlerweile 32 000-Einwohner-Städtchen Lüdenscheid dann die Sensation des Tonfilms. Sowohl Central wie auch Capitol stattete er mit der neuesten Technik aus, sodass jetzt die Tonfilm-Hits „Liebling der Götter“, „Der Bettelstudent“ sowie Georg Wilhelm Pabsts Verfilmung von „Die Dreigroschen-Oper“ in den Lichtspielhäusern bewundert werden durften.

Nun, die Adaption von Mackie Messers Abenteuern in der Londoner Unterwelt war vor Ort trotz der Kompositionen des ehemaligen Lüdenscheider Kapellmeisters Kurt Weill kein Erfolg. Dies mag unter anderem daran gelegen haben, dass Bertolt Brecht und Weill gegen die Filmproduktion juristisch vorgegangen waren, da ihnen die Produktionsfirma eine finanzielle Beteiligung an den Einnahmen aus dem Film verweigert hatte. In einem anschließenden Zivilprozess wollten die Künstler ein Aufführungsverbot des Films erwirken, aber dies wurde in erster Instanz abgelehnt. Später sollte ein Vergleich für Einigung zwischen der Produktion, Weill und Brecht sorgen.

Während der Herrschaft der Nationalsozialisten und im Angesicht des drohenden Zweiten Weltkrieges plante der Architekt Hans Huth im Auftrag Franz Bruckmanns das wohl größte und prachtvollste Lichtspielhaus in Lüdenscheids Geschichte: das (zweite) Apollo-Theater, das ab 1938 an der Ecke Börsenstraße/Kölner Straße entstand, sollte „die Ära einer neuen Baugesinnung“ einleiten.

Dies gestaltete sich als ein Unterfangen, das mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war. Immer wieder gab es Probleme mit der Beschaffung von Baumaterial und Arbeitskräften, einige Male musste die Planung von Grund auf neu erarbeitet werden, um den Materialaufwand zu verringern.

Fast 80 Prozent des ursprünglich für den Bau vorgesehen Eisenbedarfs musste eingespart werden, denn der nazi-Staat benötigte in diesen Tagen das Eisen für den Bau des Westwalls. Trotzdem wurden für das Apollo immer noch zehn Tonnen Stahlträger verbaut. Für die mehr als 25 Meter der freitragenden Decke des Hauses wurde nun statt Eisen eben eine Holzkonstruktion entworfen.

Das Apollo-Kino 1939.

Der Vorführsaal besaß gewaltige Ausmaße. Er war 22,9 Meter breit, 11,5 Meter hoch und 33,7 Meter lang. Vor der fünf mal sieben Meter großen Leinwand erstreckten sich 1074 Sitzplätze. Im Saal sorgten sechs große Riesenlüster mit 5300 Watt Leistung für Licht. 130 Notlampen wiesen die Rettungswege aus. Insgesamt wurden zehn Kilometer an elektrischen Leitungen beim technischen Ausbau des Hauses verbaut.

Am 3. November 1939 öffnete das bauliche und technische Wunder erstmals seine Türen. Premierenfilm war Carl Froelichs „Es war eine rauschende Ballnacht“.

Die massiven Probleme beim Bau des Apollo und ein Weltkrieg auf dem Höhepunkt seines zerstörerischen Wirkens hinderten Franz Bruckmann nicht daran, einen weiteren Markstein baulicher Kunst schaffen zu wollen. 1941 erwarb Bruckmann das Areal an der Ecke Gasstraße/Humboldtstraße/Duisbergweg (der heutige Standort der Bundesagentur für Arbeit, Christine-Schnur Weg 1) und unterrichtete den Lüdenscheider Oberbürgermeister Karl Schumann in einem Brief über ein neues Bauvorhaben: „Weil es in der Stadt Lüdenscheid an einem Theatergebäude mit Bühne fehlt und auch ein würdiger Saal für Musikaufführungen nicht vorhanden ist, beabsichtige ich, das zu errichtende Lichtspiel-Theatergebäude mit großer Bühne und besonderem Bühnenhaus zu versehen, wenn mir die Stadt Lüdenscheid eine gewisse Hilfeleistung gewährt.“

Dieses wieder von Hans Huth entworfene Kino sollte noch größer als das Apollo werden und 1400 Sitzplätze erhalten. Für das „nach neuzeitlichen Bauformen“ zu errichtende Gebäude wurden Kosten von rund 600 000 Reichsmark veranschlagt. Aufgrund des nachlassenden Publikumsbedarfs in der Kriegs- und Nachkriegszeit wurde das Projekt nicht mehr realisiert.

Fräulein Mittag wird neue Chefin

Am 13. April 1945 hissten amerikanische Soldaten ihre Fahne am Lüdenscheider Rathaus. Unter den alliierten Siegermächten wurde die Bergstadt zur britischen Besatzungszone, als Hilfskräfte der Briten 1946 die belgischen Streitkräfte der Brigade Piron hier stationiert. Die Belgier beschlagnahmten das Central-Theater und benannten es in Cinema Antelope um. Franz Bruckmann übertrug die Geschäftsführung des Apollo-Theaters an seine bisherige Prokuristin Maria Mittag. Das Fräulein Mittag war bereits seit 1924 im Unternehmen beschäftigt. Als Franz Bruckmann 1950 starb, wurde die Firma in Bergstadt-Lichtspiele KG, Osterwind & Co. umbenannt.

Im selben Jahr gaben die belgischen Besatzer das Central-Theater wieder frei, aber beschlagnahmten am 25. März 1950 das Apollo. Samstags bis donnerstags war das Lichtspielvergnügen im Hause den Belgiern vorbehalten, nur freitags fand öffentlicher Spielbetrieb für alle Lüdenscheider Kino-Freunde statt.

Der Lüdenscheider Filmkaufmann Karl-Heinz Kohns, der Sohn des Hoteliers Philipp Kohns, renovierte derweil den ursprünglichen Standort des Zentral-Theaters und benannte das Kino in Stern-Theater um. Später zog der Stern dann in den großen Saal hinter dem Hotel Kaiserhof ein.

In der Frühzeit der Kinematographie hatten sich auch Wanderkino-Betriebe etabliert. Anstatt dauerhaft einen festen Saal zu bespielen, zogen diese Unternehmer von Ort zu Ort, packten Projektoren und ausklappbare Leinwände in Schützenfestzelten, Turnhallen oder Kneipensälen aus. In der frühen Nachkriegszeit bedienten Wanderkinos hauptsächlich die ländlichen Bereiche, die keine Lichtspielhäuser hatten. Der Lüdenscheider Hermann Müller führte so einen Betrieb. Unterstützt von Sohn Günther und dessen Frau Marianne tourte Müller über die Dörfer.

1955: Der Filmpalast wird gebaut.

Vom Wanderkino zum Filmpalast

Als Marianne Müller ihr erstes Kind erwartete, entschloss sich die Familie, mit dem Kinobetrieb sesshaft zu werden. Die Wahl des Grundstücks für einen Neubau fiel auf ein Areal zwischen Werdohler Straße und Reckenstraße. Im Februar 1955 begann der Bau von Müllers Filmpalast. Das Haus mit der Adresse Werdohler Straße 69 (später 68b) wurde von dem Lüdenscheider Architekten Gerhard Thomé entworfen und bot ursprünglich im großen Saal Platz für 650 Gäste. Die feierliche Eröffnung fand am 20. Januar 1956 statt.

Die Beschlagnahmung des Apollo-Theaters wurde am 16. Mai des Jahres aufgehoben. Im Juni wurde das Apollo von Maria Mittag renoviert und feierte am Monatsende Wiedereröffnung. Parallel zum Bau des Filmpalasts entstand nämlich an der Parkstraße ein „Kulturelles Mehrzweckhaus“, dessen Verwirklichung anteilig durch die Stadt und die Besatzungskräfte finanziert wurde. Es wurde im November 1956 seiner Bestimmung übergeben.

Im unteren Bereich des Gebäudes mit der Adresse Parkstraße 19 befand sich das Parkbad, ein Hallenbad. Hier fand das Schulschwimmen statt, Wassersportvereine trainierten, und auch der breiten Öffentlichkeit wurde im von den Belgiern verwalteten Gebäude der Schwimmspaß eingeräumt.

Im oberen Teil des Gebäudes, dem Parktheater, war neben einem Offizierscasino ein großer Theatersaal mit Bühne und Leinwand eingerichtet worden. Da Lüdenscheid damalig noch kein eigenes Haus für große Kulturveranstaltungen besaß, fanden dort dann an den von den Belgiern freigegebenen Tagen ebenso Theateraufführungen und Konzerte für alle Bürger statt. In der übrigen Zeit wurde der Saal als Militärkino genutzt.

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