Aus dem Netz der Justiz gefallen

LÜDENSCHEID - Erleichterung am Landgericht: Ein schwer krebskranker Junkie (40) mit reichlich Knasterfahrung hat endlich mal Glück. Der Richter hebt den Haftbefehl gegen ihn auf. Der Lüdenscheider ist wieder ein freier Mann. Doch direkt nach der Urteilsverkündung steht er völlig allein auf dem Gerichtsflur, ohne Geld, ohne seine Habseligkeiten. Die sind ohne ihn auf dem Weg zum Justizvollzugskrankenhaus (JVK) in Fröndenberg.

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Von Olaf Moos

Dass es passieren kann, dass ein Mann mittellos aus dem Netz der Justiz fällt, bringt dessen Strafverteidiger Dirk Löber auf die Palme. „Frisch aus der Haft entlassen, braucht er dringend Unterkunft, Methadon, ärztlichen Beistand und Geld.“ Die Beamten, die den kranken Häftling aus dem JVK überstellt und wegen der absehbaren Entlassung auch gleich dessen Habe mitgebracht hatten, sind aber schon weg, als der Prozess endet.

Löber berichtet, sein Mandant habe sich gleich telefonisch ans JVK gewandt. Dort habe er auch sein Entlassungsgeld bekommen sollen. „Aber die haben ihm mitgeteilt, der Wagen sei jetzt weg und drehe auch nicht mehr um. Er müsse dann schon mit dem Zug kommen und seinen Kram und das Geld abholen.“ Löber ist sauer: „Er hatte kein Geld und hätte schwarz fahren müssen.“

Der stellvertretende JVK-Leiter Karlheinz Wogesin erklärt dazu auf LN-Anfrage: „Unsere Leute haben vor der Abfahrt aus Hagen versucht, die Habe des Mannes in der Gerichtswachtmeisterei zu hinterlegen.“ Doch die Wachtmeister dort hätten das aus haftungsrechtlichen Gründen abgelehnt. Darauf hätten Telefonate zwischen den JVK und der Zahlstelle des Hagener Gefängnisses stattgefunden, damit der 40-Jährige sein Geld dort abholen kann. Wogesin: „Außerdem hat unser Sozialdienst mitgeteilt, dass die Gerichtskasse einer mittellosen Person auch ein Überbrückungsgeld auszahlen könne.“

Von alldem hat der von Krankheit geschwächte Ex-Häftling allerdings nichts mitbekommen. Löber: „Es hat einfach niemand mit ihm geredet.“ Letztlich hat sich der hilflose Mandant an seinen Rechtsanwalt gewandt. „Also bin ich mit ihm die knapp 40 Kilometer zum JVK gefahren, um seine Habe und sein Entlassungsgeld abzuholen – und habe ihn dann nach Lüdenscheid gebracht.“

Hier versucht der Patient nun, sein Leben eigenständig in den Griff zu bekommen. Auf staatliche Hilfe wird er sich laut Löber nicht mehr ohne weiteres verlassen.

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