Fäll-Entschluss „hammerhart“

Stilleking: Buchen wehrlos gegen Pilze und Fäulnis

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Landschaftsprägend, eindrucksvoll – und als Gefahrbäume markiert: Das Naturschutzgebiet Stilleking wird sein Gesicht verändern, wenn kurzfristig rund 25 Buchen gefällt werden müssen. Über das Schicksal weiterer Bäume wird noch entschieden.

Lüdenscheid - Die Buchen sind im Stress. Die Luftverschmutzung. Der beginnende Klimawandel. Der karge sauerländische Boden. Die alten Wunden aus der Zeit vor 1992, als der Stilleking militärisches Übungsgelände gewesen und mancher Panzer über die Wurzeln gefahren ist.

Die Folgen tun Hans Obergruber in der Seele weh. Der Geschäftsführer des Naturschutzzentrums MK muss auf einen Schlag viele Buchen zur Fällung freigeben: „Das ist hammerhart.“

47 Buchen sind als Gefahrbäume markiert, 25 werden auf jeden Fall kurzfristig gefällt. Manche Bäume, mitten im Wald, bleiben erst einmal stehen. Wenn sie fallen, dann weit abseits der öffentlichen Wanderwege, die das rund 150 Hektar große, bei Spaziergängern, Wanderern und Reitern beliebte Gelände durchziehen.

Gnadenfrist für landschaftsprägende Buchen

Auch landschaftsprägende Buchen, die den Wanderweg über die Kuppe säumen, haben noch eine Gnadenfrist. Eine Entscheidung über ihr Schicksal soll in Ruhe gefällt werden; der Einschnitt in die Landschaft wäre gravierend.

Weg gesperrt

Bis auf Weiteres kein Wanderweg mehr: Dieser Weg im Stilleking ist wegen der Gefahr durch geschädigte Bäume für Spaziergänger gesperrt. Sie müssen nun einen etwas längeren Umweg gehen.

Sicherheitshalber ist der Weg aber erst einmal gesperrt worden. Die Sperrung erfolgt zunächst provisorisch, aber „wir lassen noch Banner drucken“, sagt Hans Obergruber. Damit haben die Eigentümer – zu denen das Naturschutzzentrum und die NRW-Stiftung gehören – haftungsrechtlich ihre Pflicht erfüllt.

Gefahr für Leib und Leben

Obergruber weiß aber auch, dass die Menschen sich von Sperrschildern oder Gefahrenhinweisen nur ungern in ihren Gewohnheiten einschränken lassen. „Die Leute joggen bei Windstärke 7 durch den Wald“, erzählt er kopfschüttelnd. Angesichts der Gefahr für Leib und Leben durch die bis zu 25 Meter hohen und tonnenschweren Baumriesen hofft er jedoch, dass die Gäste im Reich der seltenen Tier- und Pflanzenarten und der Heckrinder künftig lieber einen kleinen Umweg in Kauf nehmen.

Pilze verursachen Fäulnis

Der Zunderschwamm befällt mit Vorliebe geschwächte Laubbäume wie Buchen. Langzeitfolge des Befalls: Der kranke Baum bricht in einigen Metern Höhe ab – so geschehen bei diesem auf rund 140 Jahre geschätzten Exemplar im Naturschutzgebiet Stilleking.

Die Gründe für diese Maßnahmen heißen Sparriger Schüppling, Zunderschwamm oder Brandkrustenpilz. Diese unwillkommenen Baumbewohner befallen geschwächte Laubbäume, verursachen Fäulnis, die nach und nach den Stamm durchdringt und so das zerstörerische Werk vollendet. Sicher sei: „Der Pilz macht den Baum nicht in einem Jahr kaputt.“ Eher im Laufe von Jahrzehnten: „Das Tempo ist schwer zu bestimmen“, sagen Fachleute wie Landschaftsarchitekt Michael Breitsprecher und Markus Gumpricht vom Förderverein Naturschutz beim Ortstermin im Stilleking. Es gilt, den Bestand im Auge zu behalten, weshalb er auch zweimal im Jahr kontrolliert wird.

Totholz als Zuflucht für Spechte und Fledermäuse

„Schöner Spechtbau“: Totholz hat eine wertvolle Funktion.

Gemeinsam blicken sie auf ein alte Buche, die am Vortag noch stand. Sturmböen, so scheint’s, haben sie in der Nacht gefällt. Das Holz an der Bruchstelle ist ledrig und weich. Der Rest-Stamm, der in einigen Metern Höhe noch mit zackiger Bruchstelle in den November-Himmel ragt, bleibt als Totholz stehen. Er gilt nicht länger als Gefahr, vielmehr als willkommene Zuflucht für Spechte, Fledermäuse, als neuer Lebensraum auch für bedrohte Tierarten. Der gebrochene Baum steht für eine natürliche Waldgesellschaft – für Tod, Veränderung und neues Leben.

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