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Nach wilder Verfolgungsfahrt mit der Polizei durch Lüdenscheid: Angeklagter schweigt

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Von: Olaf Moos

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Er raste mit Tempo 100 durch Lüdenscheid, demolierte Autos und zog vor der Polizei eine Schusswaffe. Jetzt steht der 32-Jährige vor Gericht.

Lüdenscheid - Es war eine der spektakulärsten Verfolgungsjagden der vergangenen Jahre: Drei Unbekannte in einem Golf GTI rasten am 5. Januar 2021 mit bis zu 100 km/h über den Straßburger Weg, demolierten an der Ecke Saarlandstraße drei abgestellte Autos, bedrohten Polizisten mit einer Schusswaffe und konnten fliehen. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen einen 32-jährigen Lüdenscheider erhoben, einen arbeitslosen Industriemechaniker. Doch der Mann schweigt.

Der Strafprozess vor dem Schöffengericht gestaltet sich zäh. Nicht nur wegen der noch unklaren Beweislage. Nicht nur Zeugen fehlen. Die Verhandlung droht zu platzen, weil die beiden Schöffen nicht auftauchen.

Es stellt sich heraus, dass sie gar keine Ladung erhalten haben – vermutlich auf dem Postweg „verschütt“ gegangen. Ersatzschöffen werden eilig zusammengetrommelt. Strafverteidiger Andreas Trode rügt die „nicht ordnungsgemäße Besetzung“ des Gerichts – erfolglos. Richter Thomas Kabus eröffnet die Hauptverhandlung mit einer Stunde Verspätung.

Zehn Zeugen sagen aus. Unter anderem Polizisten, die über die gefährliche Jagd berichten. Und darüber, dass der GTI mit geklauten Kennzeichen unterwegs war. Wie einer der Insassen nach dem Crash vom Rücksitz aus eine Schusswaffe auf die Beamten richtete. Und wie sich ein Polizist mit einem Hechtsprung vor dem davon rasenden weißen Golf rettete.

17 Tage später wird der Fluchtwagen in Siegen-Eiserfeld gefunden, leer, unverschlossen, demoliert. Und mit DNA-Spuren im Inneren. Der Angeklagte hat zehn Vorstrafen auf dem Kerbholz. So stoßen Fahnder auf seine Spur.

„Ich knall’ dich ab!“

Ob der 32-Jährige schuldig ist, bleibt zunächst genau so ungeklärt wie die Identität seiner mutmaßlichen Komplizen. Die Eigentümerin des GTI, eine Frau aus Schalksmühle, hatte den Wagen ihrem Sohn überlassen.

Der wiederum berichtet, er habe zwischendurch keinen Führerschein gehabt und das Auto seiner damaligen Freundin geliehen. Zur Tatzeit, das Alibi ist wasserdicht, war er an seinem Arbeitsplatz. Er erinnert sich, seine Ex-Freundin habe ihm erzählt, jemand habe ihr den Autoschlüssel geklaut.

Auch im Hinblick auf einen weiteren Vorwurf der Staatsanwaltschaft bleiben die Indizien dünn. Am 21. Februar ‘21 soll der 32-Jährige die Tür einer Wohnung an der Loher Straße eingetreten, die Mieterin mit einer Schneeschaufel verprügelt und ihr angedroht haben: „Ich knall’ dich ab!“

Die Zeugin ist für die Justiz nicht auffindbar. Ein 35-Jähriger, der ebenfalls in der Wohnung war, wird aus dem Gefängnis geholt. Seine kurze Aussage gipfelt in dem Satz: „Alles verdrängt, alles vergessen.“ Zu viel Cannabis, zu viel Amphetamin, „jeden Tag“.

Die Beweisführung ist für die Richter schwierig. Das Verfahren bleibt zunächst unvollendet. Die Hauptverhandlung wird am 25. August um 14 Uhr im Saal 125 des Amtsgerichts fortgesetzt.

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