Nach Totschlag: „Naiv-lächelnd auf der Anklagebank“

Totschlagprozess Landgericht Hagen
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Ein 40-jähriger Lüdenscheider, der eine 44-jährige Frau in deren Wohnung erwürgte, muss wegen Totschlags für elf Jahre und neun Monate ins Gefängnis. 

Der 40-jährige Lüdenscheider, der am 25. Februar 2019 eine 44-jährige Frau in deren Wohnung an der Lohmühlenstraße erwürgte, muss wegen Totschlags für elf Jahre und neun Monate ins Gefängnis.

Lüdenscheid –Mit diesem Urteil ging das zweite Schwurgerichtsverfahren in dieser Sache zu Ende, nachdem der Bundesgerichtshof eine Verurteilung des Angeklagten wegen Mordes aufgehoben hatte. Die 2. Schwurgerichtskammer trug dieser Situation Rechnung: Niedere Beweggründe des Angeklagten könnten nicht festgestellt werden, erklärte der Vorsitzende Richter Christian Potthast.

Angaben darüber, was in jener Nacht in der Wohnung des Opfers geschehen war, gab es nur vom Angeklagten. Dieser hatte angegeben, dass die 44-Jährige ihn als „Hurensohn“ bezeichnet und ihn wegen seines gelegentlichen Stotterns gehänselt habe. Er sei kein richtiger Mann, sondern ein „Zwerg“, sollte sie gesagt haben.

Darüber sei er wütend geworden. Nach einem heftigen Streit habe er seine Bekannte geschubst. Im Verlauf der körperlichen Auseinandersetzung sei sie dann zu Tode gekommen. Der Vorsitzende machte deutlich, dass die Richter dieser Darstellung nicht uneingeschränkt Glauben schenkten: Die „ausgestanzte Einlassung“ des Angeklagten sei „in keiner Weise überprüfbar“.

Angesichts der hartnäckigen Störungen des Angeklagten in jener Nacht sei es denkbar, dass die Getötete verbal aggressiv geworden sei. Es sei aber „mehr als nachvollziehbar, dass sie ungehalten war“. Selbst der Begriff „Penetranz“ beschreibe das Verhalten des Angeklagten nur unzureichend. „Sie waren derjenige, der diese Situation herbeigeführt hat“, hielt der Vorsitzende ihm vor.

Der Tatablauf deute auf ein lang andauerndes Geschehen hin, in dessen Verlauf der Angeklagte immer wieder Gelegenheit gehabt hätte, das Unrecht seines Handelns einzusehen. Auch der von den Ermittlern und Sachverständigen dokumentierte Verlauf der Tötungshandlung mache deutlich, dass sich die Getötete gewehrt hatte. „Das war ein länger dauernder Überlebenskampf.“

Der Angeklagte habe den Tod des Opfers zumindest billigend in Kauf genommen und die Kehle des Opfers mindestens 30 Sekunden lang eingedrückt. Die dabei aufgewendete Gewalt wurde durch die Zerstörung knöcherner Halsstrukturen dokumentiert. Zusammenfassend wies der Vorsitzende eine Einstufung der Tat als minderschweren Fall entschieden zurück: „Einen Affekt haben wir hier nicht.“ Die Fähigkeit des Angeklagten, „das Unrecht seines Handelns einzusehen, war weder aufgehoben, noch stark vermindert“. Entsprechend wiesen die Richter auch die Annahme einer fahrlässigen Tötung der 44-Jährigen zurück, die Verteidiger Dirk Löber ins Spiel gebracht hatte: „Eine Körperverletzung mit Todesfolge sehen wir hier überhaupt nicht.“ Statt über seine Tat erschüttert zu sein, habe der Angeklagte sich anschließend bemüht, deren Spuren zuzudecken, falsche Spuren zu legen und die Angehörigen der Toten mit merkwürdigen Anrufen in die Irre zu leiten. Noch im Gerichtssaal habe er kaum eine emotionale Regung gezeigt. Er habe „unbeteiligt und teilweise naiv-lächelnd auf der Anklagebank gesessen“.

Oberstaatsanwalt Bernd Haldorn hatte eine Haftstrafe von 13 Jahren beantragt, Verteidiger Dirk Löber eine Strafe, die „zehn Jahre nicht überschreiten“ sollte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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