In der Lüdenscheider Altstadt

Nach Tod des Seniors: Altes Gasthaus Pretz schließt für immer

pretz
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Vernunft gegen Herz: Anja Pretz muss dem Alten Gasthaus Pretz den Rücken zukehren. Eine lange Familientradition endet.

„Es tut schon sehr weh. Da ist so viel passiert in dem Haus.“ Anja Pretz, verheiratete Boran, blickt auf das Alte Gasthaus, das den Namen der Familie trägt, und zwingt sich zu einem wehmütigen Lächeln.

Lüdenscheid – „Der Kopf weiß, dass der Schritt richtig ist, aber das Herz will sich nicht trennen. Vor wenigen Tagen hat die Familie das Erbe von Papa Ernst-Friedrich ausgeschlagen – ein formaler Akt, aber auch ein Befreiungsschlag. Denn zu viel ist zusammengekommen, das ein Aufrechterhalten des Wirtshausbetriebes in der Altstadt unwirtschaftlich und damit unmöglich macht. Bauliche Auflagen der Stadt für das kleine 12-Betten-Hotel, das daher seit September 2019 geschlossen bleiben musste.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl72.313 (Stand: 31.12.2019)

Corona-Wellen und die Angst vor dem, was noch kommt. Fehlende Nachfolge. Investitionsbedarf. Dann starb am 11. April, zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag, der Senior und Eigentümer des 1628 erbauten Gebäudes. In die Trauer drängte sich die Frage, ob und wie es weitergehen konnte.

Altes Gasthaus Pretz schließt für immer

Anja Pretz-Boran (56) hat den Betrieb als Geschäftsführerin und Köchin geführt. Vater Ernst-Friedrich hatte sich vor nunmehr 15 Jahren aus dem fordernden Alltag als Profi-Gastgeber zurückgezogen. „Aber er brauchte immer ein Update“, sagt seine Tochter. Durchs abendliche Telefonat oder persönlich. Gerne kam er selbst noch in den urigen Gastraum, dessen dicke Mauern so viele Anekdoten gehört haben und manches Mal auch den Gesang des Wirte-Originals.

Ernst-Friedrich Pretz nahm sich immer Zeit für ein kurzes Pröhlken mit altvertrauten Gästen, genoss die Atmosphäre, die er so lange mitgeprägt hatte. Und die Gäste vermissten ihn, wenn er einmal nicht da war. „Wo ist der Schwager?“ fragten sie dann. Wie ihr Vater zu dem Spitznamen gekommen war, weiß seine Tochter nicht mehr: „Es war familiärer als Ernst. Alle haben ‘Schwager’ gesagt.“

Dabei war Gastwirt gar nicht der Beruf seiner Wahl. Aber als Mutter Anni irgendwann über eine Kiste gestolpert und nicht einsatzfähig war, musste der junge Mann ran. Und fand seine Bestimmung im Umgang mit dem Gast. Anni Pretz war die Seele des Geschäfts in den schweren Nachkriegsjahren. Sie bewältigte nach dem Tode ihres Mannes Helmut, der 1945 noch auf dem Heimweg im Krieg gefallen war, den schweren und mitunter schwierigen Alltag. Sie starb im April 2001 und wusste ihr Lebenswerk bei ihrem Sohn und dessen Frau Magdalene in guten Händen.

Altes Gasthaus Pretz schließt für immer: Kein Nachfolger in Sicht

In den 80er-Jahren wurde an- und umgebaut. Eine Kegelbahn entstand, Hotelzimmer ersetzten die einstige Wohnetage. Die nächste Generation packte an. Anjas Reich war die Küche, Bruder Mike, gelernter Koch, stieg mit ein, bis er, der Liebe wegen, Richtung Höxter zog. Auch Anjas Tochter Vivien (26) ist in den familiengeschichtsträchtigen Mauern groß geworden. Sie hat erst viel später verstanden, warum Oma Anni vor Freude die Tränen kamen, als die das Kind einmal beim Kartoffelpellen in der Küche sah. Doch „das Kind“ hatte andere Pläne, sah seine Zukunft nicht in der Gastronomie. „Das“, sagt die gelernte Kauffrau im Einzelhandel heute, „ist einfach nicht mein Weg.“

Trotzdem ging lange alles seinen gewohnten Gang im Alten Gasthaus Pretz an der Herzogstraße 15. Es ging weiter, auch, weil die Gäste dem Haus immer die Treue hielten. Sie kamen mit Stammtischen, mit Jahreshauptversammlungen, mit Familienfeiern. Oder einfach nur so, auf ein Bier und ein Krüstchen. Und sie unterstützten ihr altes Gasthaus während des Außer-Haus-Betriebes, als die Pandemie dem Ausgehen einen Riegel vorschob. „Für die Treue unserer Gäste bin ich so dankbar“, sagt Anja Pretz-Boran.

Sie wird sie vermissen, aber vielleicht sieht man sich bei Gelegenheit in einer der anderen schönen Kneipen der Altstadt wieder. Dann als Gast, wofür immer viel zu wenig Zeit blieb, weil jeder Abend, jedes Wochenende, der Küche gehörte. Die ist nun geschlossen. Was wird, weiß die Familie nicht, kann sie nicht mehr beeinflussen. Doch der Lebensmittelpunkt bleibt im Herzen der Stadt: „Wir sind halt Altstadtkinder.“ Das Leben geht weiter.

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