Nach Polizeieinsatz: „Die haben mich verprügelt“

Lüdenscheid - „Ich habe die Polizei um Hilfe gerufen“, sagt der Angeklagte (37). Weil ein Kiosk-Betreiber zu wenig Wechselgeld herausgegeben habe. Doch der Kiosk-Kunde ist ein „alter Bekannter“ der Polizisten. „Spinn’ hier nicht rum!“, soll einer von denen gesagt haben. Das Ende vom Lied: Sechs Beamte im Einsatz, der Anrufer wird gefesselt und landet „grün und blau geschlagen“, wie er sagt, in der Zelle.

Und vor dem Strafrichter – wegen Bedrohung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte. Einer von ihnen verlangt sogar Schmerzensgeld.

Es steht also Aussage gegen Aussage. Oder besser: fünf Aussagen gegen eine Aussage. Denn fünf der sechs Polizisten sind als Zeugen geladen. Und der 15fach vorbestrafte und drogensüchtige Angeklagte hat keinen Verteidiger. Oberamtsanwalt Lehmann schaut streng drein. „Ich bin überzeugt, dass der Angeklagte massiv die öffentliche Ordnung störte.“ Er beantragt vier Monate ohne Bewährung.

Die Polizisten sind sich ziemlich einig. Der große kräftige Kerl war demnach nicht nur aggressiv, sondern auch zugedröhnt „mit irgendwas“, wie einer anmerkt. Und er wollte offenbar dem Platzverweis nicht Folge leisten, sondern sein Problem mit dem Kiosk-Betreiber gelöst haben. Er bebt vor Empörung, als er Richter Thomas Kabus sagt: „Ich habe mich im Recht gefühlt. Aber ich bin nicht korrekt behandelt worden.“ Die Polizisten seien voreingenommen gewesen. Beim Einsatzleister habe er sich beschwert: „Herr W., die haben mich verprügelt.“

Einer von ihnen hat einen sogenannten Adhäsionsantrag gestellt. Damit will er durch den Strafprozess ein „angemessenes“ Schmerzensgeld vom Angeklagten zuerkannt bekommen. Er habe eine Zerrung in der Ellenbeuge erlitten, erklärt der 25-Jährige. Der Angeklagte schimpft dazwischen: „Ihr habt mich niedergeknüppelt.“ Der Polizist hat sich die Blessur ärztlich attestieren lassen. Krankgeschrieben war er deshalb nicht.

Richter Kabus verurteilt den 37-Jährigen zu drei Monaten „ohne“ und zur Zahlung von 150 Euro an den Polizisten. Gleichzeitig stellt er fest, dass der Angeklagte bei dem Einsatz „ja auch nicht unerheblich verletzt“ wurde und „deutlich mehr eingesteckt hat als der Polizeibeamte“. Das Urteil ergeht wegen Widerstandes. Der Angeklagte fährt zurück in die Klinik. Er absolviert gerade eine Drogentherapie.

Von Olaf Moos

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