20 Minuten im MRT verändern alles

Nach Kurzzeit-Amnesie: Junge Frau aus MK hört nur noch auf ihre Herzensstimme

batanas rose
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Bianca Batanas (links) und Simone Rose schicken Plüschpanda Paul in die Welt hinaus.

38 Jahre lang gab der Kopf die Richtung an. Dann verbrachte Bianca Batanas 20 Minuten im MRT und gab sich das Versprechen ihres Lebens. Heute lässt die 41-jährige Lüdenscheiderin nur noch ihre Herzensstimme zu Wort kommen und widmet sich ihrer Vision: Selbstliebe und Achtsamkeit für Kinder.

Lüdenscheid – 38 Jahre lang gab der Kopf die Richtung an. Dann verbrachte Bianca Batanas 20 Minuten im MRT und gab sich das Versprechen ihres Lebens. Heute lässt die 41-jährige Lüdenscheiderin nur noch ihre Herzensstimme zu Wort kommen und widmet sich ihrer Vision: Selbstliebe und Achtsamkeit für Kinder.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl 72.313 (Stand: 31.12.2019)

Dafür hat sie das Kinderbuch „Geliebtes Herzenskind“ geschrieben. Panda Paul ist die Hauptfigur. Fünf positive Glaubenssätze führen durch das Kinderbuch und vermitteln Selbstliebe und Achtsamkeit für Kinder.

Arme und Beine von sich gestreckt, sitzt Paul ganz zufrieden da. Sein linkes Auge hat eine schwarze Umrandung. Ein dickes rotes Herz formt sich um sein rechtes Auge. Damit sieht er anders aus als alle anderen Pandabären. „Du bist perfekt wie du bist, du bist Liebe“, steht auf der Karte, die Bianca Batanas zusammen mit dem Plüschpanda Paul in einen braunen Pappkarton für das Kinderhaus im bayrischen Lauingen packt. Sechs kleine Pauls bekommen ein neues Zuhause.

Junge Frau aus MK hört nur noch auf ihre Herzensstimme

Die Lüdenscheiderin erzählt von einem Mädchen aus einem Kinderhaus: „Seit Paul bei ihr ist, kann sie besser einschlafen und durchschlafen.“ Er darf aber nicht jede Nacht neben ihr liegen. 13 Kinder müssen sich einen Plüschpanda teilen. Bianca atmet tief ein und wieder aus: „Ich möchte, dass das Mädchen Paul alleine hat.“

Ihre Finger bewegen sich zu den glasigen Augen und versuchen, eine Träne zu kaschieren. Sie möchte sich erklären: „Mich berührt das sehr, es verändert kleine Leben.“ Zu Weihnachten hat sie sich entschieden, dem Kinderhaus die noch fehlenden Kuscheltiere zu schenken. Berührt von der Geschichte spendet ein junger Mann ihr den Geldwert von sechs Panda-Kuscheltieren. Bianca erfährt über Kontakte von einem weiteren Kinderhaus, das sich auf Paul freuen würde.

Die Arbeit mit dem Buch ist ihr besonders wichtig. Deshalb stellt sie noch einmal sicher, dass das Kinderhaus auch bereit ist, richtig mit dem Buch zu arbeiten.

Jetzt sind nur noch ein paar Handgriffe notwendig, bis Paul auf die Reise gehen kann. Rotes Seidenpapier raschelt und umhüllt nun den kleinen Panda. Ihre Freundin, Simone Rose, klebt einen runden Aufkleber auf, um das Papier zu fixieren. „Made with love“, steht darauf.

Simone und Bianca kennen sich von ihrer Arbeit im Bankwesen. Zu Beginn beschränkte sich ihre Beziehung auf die berufliche Ebene. „Sie war ein rationaler Mensch, der vom Kopf her unterwegs war“, beschreibt Simone Bianca rückblickend. Mittlerweile arbeiten die Freundinnen gemeinsam am Herzprojekt. „Simone hat an mich geglaubt, bevor ich es getan habe“, sagt die Autorin. Sie sieht Simone mit einem Strahlen im Gesicht an: „Ich bin froh, dass ich dich habe!“ Beide Frauen lachen.

Junge Frau aus MK hört nur noch auf ihre Herzensstimme: „Drei Dankbarkeiten sind immer möglich“

Simone nimmt drei kleine Herzen aus einer Box. Es sind etwa fünf Cent-Stück große Knöpfe, die mit bunten Mustern bedruckt sind. Zusammen verschwinden sie in einem roten Organzabeutel und dann im Pappkarton. Die Herzchen stehen für Momente der Dankbarkeit. „Morgens kommen die Herzen in die rechte Hosentasche und im Laufe des Tages stecke ich sie einzeln in die linke Hosentasche, auf die Seite des Herzens“, erklärt Bianca und verspricht: „Drei Dankbarkeiten sind immer möglich.“ In ihrer Abendroutine erinnert sie sich dann mit Hilfe der Herzen an die schönen Momente des Tages.

Dies macht sie zusammen mit ihrer kleinen Tochter. Auch für sie hat Bianca das Buch geschrieben. „Es ist eigentlich ein Brief an mein Kind“, erklärt die Mutter. Die aufkommenden Emotionen lassen sich von ihren Augen ablesen. Hinter ihrer runden Brille schimmern sie leicht rosa und feucht. Februar 2018, erinnert sich Bianca. Eines Morgens liegt sie in ihrem Bett und wacht nicht mehr eigenständig auf. Dann folgt eine Kurzeit-Amnesie. Wer sind diese Menschen? Wer ist das Mädchen? Wer ist der Mann? Beim Erzählen kommen in Bianca alte Emotionen hoch. Sie atmet einmal tief durch. Erst im Krankenwagen fasst sie damals wieder die ersten klaren Gedanken. Was ihr einfällt – ihre Patientenverfügung.

Das Dokument liegt zu Hause in einem weißen Ordner. Der Rettungssanitäter antwortet ihr nüchtern: „Okay, das gebe ich so weiter!“ In diesem Moment wird ihr klar, wie ernst es um sie steht. Im Krankenhaus wird sie für ein MRT vorbereitet. Das letzte, was sie hört, bevor sie in die Röhre geschoben wird: „Dann schauen wir mal, ob sie einen Tumor haben.“ 20 Minuten liegt sie bewegungslos in der engen Röhre. In ihrem Kopf festigt sich ein klarer Gedanke: „Wenn ich hier raus bin, folge ich nur noch meiner Herzensstimme!“ Sie gibt sich das Versprechen ihres Lebens.

Junge Frau aus MK hört nur noch auf ihre Herzensstimme: Bianca Batanas bringt ihr Herz zu Papier

Die Diagnose: eine unerforschte Entzündung im Gehirn, Lebenserwartung ungewiss. Ein Team aus Ärzten schließt sich zusammen. Medikamente kommen hinzu. Autofahren darf sie nicht mehr. Angst und Ungewissheit, das sind ihre ständigen Begleiter für die nächsten zwei Jahre. Sie macht eine Mutter-Kind-Kur. Dort hat sie einen Stift und einen Collegeblock zur Hand. Die Mutter verschriftlicht alles, was sie ihrem Kind noch mitgeben möchte.

Nach und nach entwickelt sie die Idee, ein Buch nur für ihre Tochter zu schreiben. Daraufhin sucht sie für dieses eine Buch eine passende Buchillustration. „Da ist nur ein Problem“, sagt die Künstlerin, Danielle Telle, im ersten Gespräch, „Ich habe noch nie ein Buch illustriert.“ Bianca antwortet: „Ich habe noch nie ein Buch geschrieben.“ Ein fröhliches Lachen und der Blick wandert hinüber zu Simone. „Bei der Arbeit haben wir anfangs darüber gescherzt“, fasst Bianca zusammen. Heute sitzt Paul in Kinderzimmern, Klassenzimmern, Kindergärten sowie Kinderhäusern auf dem ganzen Globus verteilt. Der Plüschpanda vermittelt mittlerweile Selbstliebe und Achtsamkeit auch in einem mehrsprachigen Lied und in einem Podcast.

Junge Frau aus MK hört nur noch auf ihre Herzensstimme: Pädagogisches Zusatzmaterial

„Wir haben das wichtigste vergessen“, platzt es so plötzlich aus Bianca heraus, „die Zugangsdaten für das Workbook!“ Beide Frauen lachen laut. Mit dem nächsten Handgriff kommt der Zugangscode für das pädagogische Zusatzmaterial in das Paket.

Bianca ist keine Pädagogin, nur Mutter. Am Anfang hatte sie eine große Hemmschwelle: „Wer bin ich, dass ich in das Schulsystem eingreife?“ Jetzt sieht sie es positiv: „Mich kann keine Schule rausschmeißen!“ Außerdem sind für Bianca die Rückmeldungen der Kinder am wichtigsten. Zum Beispiel schreibt ein Mädchen auf ihren Feedbackbogen: „Ich habe gelernt, dass ich glücklich bin und dass ich für immer glücklich bin.“ Neben den vielen positiven Rückmeldungen erreichen Bianca aber wenige nicht liebevolle Äußerungen. „Ich hatte eine Woche Bauchweh“, berichtet Bianca über ihren ersten negativen Kommentar. Heute ist sie der Ansicht: „Wenn du nicht polarisierst, wirst du nicht wahrgenommen.“ In Simones Stimme ist Freude zu erkennen: „Das begeistert mich, sie steht zu dem, was sie liebt.“ Sie erklärt, dass Bianca authentischer geworden sei, weil sie mehr vom Herzen heraus mache.

Alle Pauls sind inzwischen vom Tisch verschwunden. Simone stempelt zum Schluss noch eine Paul-Tatze auf die Außenseite des Kartons. Währenddessen fängt Bianca an, zu träumen. In ihren Augen schimmern Tränen wie Perlen. „Mein Traum ist es“, fängt sie an und hört wieder auf. Eine Tränenperle löst sich und kullert über die rechte Wange und hinterlässt einen glitzernden Streifen. Mit einem Lächeln fängt sie nochmal an: „Mein Traum ist es, dass sich eine ganze Schule an den Händen hält und alle mein Lied singen!“ An diesem Traum kann sie keiner mehr hindern, auch die Entzündung im Kopf nicht. Sie ist verschwunden und mit ihr die Angst. Nur die Herzensstimme ist geblieben: „Wenn ich 90 bin, möchte ich sagen, das habe ich gut gemacht!“

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