Nach 39 Jahren der Bruch im Leben

Lüdenscheid - Das klingt höchst untypisch: 39 Jahre lang unbescholten durchs Leben gehen, viel und hart arbeiten, zuverlässig Frau und drei Kinder ernähren – und sich dann innerhalb von zwei Jahren mit Heroin zugrunde-richten, arbeits- und wohnungslos als Beschaffungskrimineller Ladendiebstähle begehen und schließlich im Knast landen. „Ich möchte wirklich verstehen, was da mit mir passiert ist“, sagt der Mann. Immerhin hat er einen Verdacht.

Er sieht adrett aus mit seinem frisch gebügelten Oberhemd, wirkt freundlich und solide. Nur die müden Augen verraten etwas vom Bruch in seinem Leben. Seine Ex-Frau, sagt er, habe im Internet irgendwann die Hare-Krishna-Bewegung für sich entdeckt. „Ich konnte nix ändern, es gab oft Stress, dann Trennung und Scheidung.“ Dann habe er die falschen Leute kennengelernt, den Job geschmissen und mit Drogen angefangen.

Ob seine Frau wirklich die Hauptschuldige an dem Niedergang seiner Existenz ist, bleibt offen. Ein Blick in die Biographie des Angeklagten bietet zumindest einen Ansatz. Er ist 16, als sie in Russland heiraten. Mit 17 wird er Vater. Zehn Jahre schuftet er in einem sibirischen Bergwerk, dann siedelt er mit Frau und inzwischen zwei Kindern nach Deutschland über. Es folgen: zwölf Jahre in einer Möbelfabrik in Ostwestfalen, ein weiteres Kind und ein lukrativer Job im Siemens-Konzern. Es läuft.

Bis zum vorläufigen Endpunkt. Am Morgen des 5. Dezember klaut er bei Rewe im Stern-Center sechs Pfund Nescafé, Ladenpreis 53,94 Euro. Als der stellvertretende Filialleiter ihn erwischt, reißt er sich mehrfach los und schlägt nach dem Verfolger, um im Besitz der Beute zu bleiben. Es nützt ihm nichts. Die Anklage lautet auf räuberischer Diebstahl. Eine Bewährung aus einem alten Urteil wird widerrufen. Es gibt fünf Monate „Bau“. Und ein Geständnis. Der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Jürgen Leichter, interessiert sich für den Hehler. „Wer kauft Ihnen den Kaffee ab?“ Die Antwort bleibt beliebig: „Bekannte von mir, zum halben Preis.“

Strafverteidiger Sascha Haring aus Steinhagen bei Bielefeld liefert einiges zur Entlastung seines Mandanten. In der Therapie, bescheinigen Fachleute, arbeite er „vorbildlich“ mit und habe sich „hervorragend integriert“. Der Staatsanwalt erkennt auf minderschweren Fall, wegen des überschaubaren Wertes der Beute und der nicht ganz so schweren Verletzung des Verkäufers. Urteil: zehn Monate mit Bewährung.

Olaf Moos

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