Nach Attacke in Lüdenscheid

Streifenpolizisten brauchen Hilfe

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LÜDENSCHEID ▪ Nach der Armbrust- und Macheten-Attacke eines Jugendlichen an der Moltkestraße sind die beiden betroffenen Polizeibeamten nach LN-Informationen zunächst für eine Woche krankgeschrieben. Ein speziell geschultes Betreuungsteam führt derzeit Gespräche mit den beiden Streifenpolizisten, mit deren Kollegen und Vorgesetzten. Das Ziel heißt Stressabbau und Angstbewältigung.

Vor 1994 – dem Jahr, in dem das NRW-Innenministerium das Betreuungsteam gegründet hat – galt es eher als „unmännlich“ und „schlapp“, nach gefährlichen Einsätzen Schwäche zu zeigen. Das sagte gestern ein langjähriger Ermittler im LN-Gespräch. Nun sind landesweit sechs erfahrene Polizisten aus dem Höheren Dienst und zwei Polizeiärzte für Kollegen da, die unter einem „posttraumatischen Belastungssyndrom“ leiden. In der Polizeiinspektion Süd an der Bahnhofstraße hat sich Thorsten Güth der beiden Beamten und ihrer Kollegen angenommen. Er ist eigentlich Leiter der Führungsstelle im Essener Polizeipräsidium, pro Jahr aber 60 bis 70 Mal NRW-weit als Betreuer im Einsatz.

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Nach Güths Worten ersetzen die Gespräche mit traumatisierten Kollegen keine Therapie. „Wir begleiten die Kollegen, wir führen strukturierte Gespräche, helfen bei der Reflexion des Einsatzes und beim Ordnen von Gedanken.“ Oftmals seien die schlimmsten Symptome – „in den ersten Tagen sind die ganz normal“ – innerhalb weniger Wochen verschwunden. Wenn nicht, vermittelt das Betreuungsteam eine professionelle Therapie, so Thorsten Güth. Über den aktuellen Gesundheitszustand der beiden Lüdenscheider Polizisten äußert sich Güth öffentlich nicht.

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Bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse spielt es nach Einschätzung des Experten kaum eine Rolle, ob diensterfahrene „alte Füchse“ oder Berufseinsteiger einen Anschlag auf ihr Leben oder ihre Gesundheit erleben und erkennen mussten, dass sie 1000 Schutzengel gehabt haben. „Es ist wie beim Autofahren: Der erfahrene Kraftfahrer ist nach einer unvermittelten lebensgefährlichen Situation genau so belastet wie der Fahranfänger.“ Zwar habe die Zahl der Einsätze des Betreuungsteams in den vergangenen Jahren zugenommen. „Aber nach meiner persönlichen Einschätzung ist unser Beruf nicht gefährlicher als andere auch.“

Thorsten Güth und seine Mitstreiter im Betreuungsteam – im Gespräch ist eine personelle Aufstockung – haben ihre Fachkenntnisse bei der SbE-Bundesvereinigung („Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“) in Witten erworben. Sie ist nach eigenen Angaben die größte Einsatznachsorge-Organisation im deutschsprachigen Bereich, wurde 1996 gegründet und hat bislang etwa 3000 psychosoziale Fach- und Einsatzkräfte in rund 400 Kursen in der SbE-Methode geschult.

Davon sollen nun auch die beiden Lüdenscheider Streifenpolizisten profitieren. Damit sie bald wieder für Sicherheit sorgen können.

Olaf Moos

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