Keine Verstärkerfahrten

MVG und Behörden haben kein Rezept gegen überfüllte Linienbusse

Kinder im Linienbus
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Nach Erfahrungen des BGL-Chefs Dieter Utsch halten sich die meisten Schüler vorbildlich an die Maskenpflicht.

Es ist so, seit es Linienbusse gibt: Morgens und mittags quetschen sich Schüler dicht an dicht hinein. Im Corona-Zeitalter, in dem es in jedem Lebensbereich um Infektionsschutz, Abstands- und Hygieneregeln geht, ist das nicht gesund – aber immer noch Alltag. Zumindest im Märkischen Kreis.

Finanziell und organisatorisch ist es möglich, sogenannte Verstärkerfahrten anzubieten, etwa mit Reisebussen privater Unternehmer, um den Linienverkehr „corona-konform“ zu machen. Das Land NRW bezahlt die Verstärkung seit Anfang August (» Infokasten). In zahlreichen Kommunen funktioniert das.

Schulleiter hat die Nase voll

Nach Gesprächen mit Schülern und Eltern und wiederholten Beschwerden bei der Stadt Lüdenscheid und der MVG hat Dieter Utsch, Leiter des Bergstadt-Gymnasiums (BGL), die Nase voll. „Die MVG wiegelt nur ab und spielt das Thema herunter.“ Und die Stadt tue so, als ob sie das Thema nichts angeht.

Tatsächlich hat Fachbereichsleiter Matthias Reuver am Montag in seiner Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Linken im Rat erklärt, es könne „nicht beurteilt werden“, ob Abstandsregeln in Bussen eingehalten werden (wir berichteten). „Sobald hier Hinweise von Schulen bzw. Eltern eingehen, dass Busse überfüllt sind, werden diese zur weiteren Prüfung und Abstimmung an die MVG weitergegeben.“

Schon vier Tage vor Reuvers Antwort, sagt Dieter Utsch, habe er eine Mail ans Lüdenscheider Schulverwaltungsamt geschickt, in der er darauf hinwies: In Bussen wird überhaupt nicht auf Hygiene und Abstand geachtet. Der BGL-Chef hat für eine Erhebung Schüler befragt, um die besonders belasteten Linien und Uhrzeiten mit Spitzenbelastungen zu dokumentieren.

Im Nachbarkreis klappt es „einwandfrei“

Dass die Zustandsbeschreibung zutrifft, weiß auch der Lüdenscheider Bus- und Reiseunternehmer Dennis Manß – und zwar unter anderem von seiner Tochter, die täglich zweimal in proppevollen Bussen unterwegs ist. Manß sagt: „Wir haben die Kapazitäten für Verstärkerfahrten, wir haben die Busse in der Halle und die Fahrer, die gerne arbeiten würden.“ Aber es kämen noch nicht mal Anfragen von der MVG.

Manß: „Dabei wäre das doch eine Win-Win-Situation: Wir würden Geld verdienen, die Kommune hätte keinerlei Kosten, und die Kinder und Jugendlichen wären in den Bussen besser geschützt.“ Ein befreundeter Busunternehmer aus dem Oberbergischen Kreis fahre Schüler mit dem Reisebus, „da klappt’s einwandfrei“.

Förderprogramm mit 13,5 Millionen Euro seit August in Kraft

Bereits am 20. August hat NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst per Runderlass verfügt, dass „zusätzlicher Busverkehr zur Schülerbeförderung zur Verbesserung des Infektionsschutzes“ gefördert werden soll. Für zusätzliche Fahrtangebote stellte das Land rückwirkend zum 5. August laut Ministerium „in einem ersten Schritt“ 13,5 Millionen Euro bereit.

Die Richtlinie sieht demnach eine Vollfinanzierung der Mehrausgaben durch sogenannte Verstärkerfahrten vor. Das heißt, Schulträger und öffentliche Nahverkehrsunternehmen, die wegen überfüllter Linienbusse Fördermittel bei der Arnsberger Bezirksregierung beantragen, bekommen die Kosten für den Einsatz privat betriebener Reisebusse im Linienverkehr zu 100 Prozent erstattet.

Nach Einschätzung des Verbandes Nordrhein-Westfälischer Omnibusunternehmen (NWO) in Langenfeld funktioniert die Förderung schnell und unbürokratisch. Wie NWO-Sprecherin Andriana Sakareli sagt, werden Reisebusse in zahlreichen Kommunen NRWs „vorbildlich“ eingesetzt, so etwa in Dormagen oder im Oberbergischen Kreis. Sakareli: „In Köln fahren täglich morgens zusätzlich 120 Reisebusse im freigestellten Schülerverkehr, mittags sind es 60.“

Das bestätigt Andriana Sakareli, Sprecherin des Verbandes Nordrhein-Westfälischer Busunternehmen (NWO) in Langenfeld, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Eine Befragung des Verbandes unter den 430 Mitgliedsunternehmen habe ergeben, dass derzeit landesweit 271 Reisebusse zur Verfügung stehen. Sakareli: „Nicht alle Befragten haben geantwortet, und nicht alle Unternehmer sind bei uns organisiert.“ NWO-Schätzungen zufolge liegen in NRW sogar rund 350 Reisebusse brach, die für Verstärkerfahrten eingesetzt werden könnten.

„Es liegt an rechtlichen Rahmenbedingungen“

MVG-Prokurist Stefan Hanning sagt, sein Unternehmen könne „nicht so viele Busse auf die Straße bringen wie nötig“. Im Frühjahr habe die MVG mit Unternehmern verhandelt, „da haben die sich noch etwas geziert“. Doch jetzt böten sie Busse an, und das Geld vom Land sei auch da.

Dass es trotzdem nicht klappt, liege an zahlreichen „rechtlichen Rahmenbedingungen“, die ein Reisebus im freigestellten Schülerverkehr erfüllen muss. Die reichten von Sicherungsvorrichtungen bis zu blendfreien Schildern. Da haben die Privatunternehmen laut Janning eine „Bringschuld“. „Sie müssen uns zusichern, dass sie die gesetzlichen Rahmenbedingungen einhalten, dann nehmen wir sie mit offenen Armen auf.“

Aus Sicht der Lüdenscheider Stadtverwaltung ist die Lage in den überfüllten Bussen „schwierig“. Stadtpressesprecher Sven Prillwitz sagt: „Eine tragfähige Lösung muss von der MVG kommen!“ Zeichne sich etwas positiv ab, „würden wir uns dem nicht verschließen.“

Derweil endet die 6. Unterrichtsstunde am BGL. Die Gymnasiasten stürmen am Worth-Rondell den Bus. Paul, Klasse 7 b, sagt, bis zum Sauerfeld gehe es ja noch. Aber dort umzusteigen, um weiter zum Wehberg zu fahren, das sei „eine Katastrophe“. Pauls Freunde Taylan, Moritz und Furkan stimmen ihm zu. „Da sind dann auch ältere Leute drin, die sind doch sowieso mehr gefährdet als wir.“

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