Aus der NS-Zeit

Mutterkreuz als Auszeichnung für Kinderreichtum

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Die Lüdenscheider Firma Friedrich Linden gehörte zu den Unternehmen, die das Mutterkreuz herstellten

Lüdenscheid - Auszeichnungen, Orden und Urkunden als Zeichen der Wertschätzung für die Verdienste und das Engagement eines Menschen gibt es bis heute. Nichtsdestotrotz wurden und werden sie oft ideologisch instrumentalisiert. Ein Beispiel dafür ist das Mutterkreuz, das die Nationalsozialisten einführten. Ein Exemplar davon stellen wir im Virtuellen Museum vor.

Es handelt sich um ein Mutterkreuz in Gold. Das bedeutet, dass die Frau, der dieses Abzeichen einst verliehen wurde, mindestens acht Kinder hatte. Die Stufe lässt sich an den vergoldeten Metallstrahlen erkennen, die rund um die Scheibe mit dem Hakenkreuz in der Mitte zwischen den Seiten des Langkreuzes angebracht sind. In den beiden anderen Stufen sind diese Strahlen versilbert – für sechs oder sieben Kinder – oder bronzegetönt – für vier oder fünf Kinder.

Das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“, wie es offiziell hieß, wurde am 16. Dezember 1938 per Verordnung von Adolf Hitler gestiftet und sollte die „Dankbarkeit des Deutschen Volkes für kinderreiche Mütter“ zum Ausdruck bringen. Heute zählt es in Deutschland zu den verfassungsfeindlichen Propagandamitteln, deren Herstellung und Verbreitung sowie öffentliches Tragen verboten ist.

In den Besitz der Lüdenscheider Museen gelangte das Abzeichen 2017 durch eine Schenkung. Ein Lüdenscheider hatte es im Nachlass seiner Familie gefunden. Wem das Kreuz seinerzeit verliehen wurde, konnte nicht abschließend geklärt werden.

Von Lüdenscheider Firma produziert

Anders sieht es bei dem Hersteller aus – der ist im dazugehörigen Etui verzeichnet: Es handelte sich um die Firma Friedrich Linden in Lüdenscheid, die sich in jener Zeit wie einige andere heimische Unternehmen auf die Produktion von Ehrenzeichen und Orden spezialisiert hatte. Insbesondere das blau-weiß emaillierte Mutterkreuz mit dem ebenfalls blau-weißen Band und dem Hakenkreuz in der Mitte wurde von mindestens drei weiteren Lüdenscheider Firmen hergestellt. Was sich möglicherweise damit erklären lässt, dass mit der Stiftung des Mutterkreuzes im Jahr 1938 direkt ein großer Bedarf verbunden war. Zum Termin der ersten Verleihung im Mai 1939 waren bereits 5,5 Millionen Frauen für diese ideologisch geprägte Auszeichnung vorgesehen. Die Aushändigung erfolgte in der Regel am Muttertag, den die Nationalsozialisten 1934 zum Feiertag erklärt hatten, bei einem Festakt durch den Ortsgruppenleiter der NSDAP.

Die blaue Schatulle gehörte dazu.

Gemäß dem nationalsozialistischen Frauenbild gehörten die Frauen in den Haushalt. Sie sollten nicht arbeiten und möglichst viele Kinder gebären und damit ihren Beitrag zum „Fortbestand des Dritten Reiches“ leisten. Aber längst nicht jede kinderreiche Mutter hatte Anspruch auf das Mutterkreuz. Ein „Ariernachweis“ war Voraussetzung und die Mutter musste belegen, dass sie „der Auszeichnung würdig“ war – dazu zählten Schlagwörter wie „erbgesund“, „anständig“ und „sittlich einwandfrei“. Außerdem mussten die Kinder lebend geboren worden sein.

Wenn eine Frau von Amts wegen für das Mutterkreuz vorgeschlagen war, zum beispiel durch den Bürgermeister oder auf Antrag des Ortsgruppenleiters der NSDAP, wurde ein Gutachten des zuständigen Gesundheitsamtes eingeholt, bevor im Einvernehmen mit dem Kreisleiter der NSDAP die Verleihungsanträge gefertigt wurden. Es wurden auch Anträge nach Begutachtung durch Ärzte und Fürsorgerinnen zurückgezogen. Somit kam der Ausschluss von der Verleihung gleichzeitig einem Stigma gleich. Dazu passt es, dass nur wenige Frauen die Auszeichnung ablehnten.

Mutterkult als Teil der NS-Ideologie

Das Ehrenkreuz konnte auch wieder entzogen werden, wenn sich die Frau der Auszeichnung „unwürdig“ erwies, zum Beispiel durch eine Liebesbeziehung zu einem Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter.

Die ideologische Überhöhung der Mutterrolle, die in einem regelrechten Mutterkult mit staatlichen Muttertagsfeierlichkeiten gipfelte, war ein Teil der NS-Ideologie, weil der „völkisch wertvolle“ Nachwuchs als wichtiges Kapital angesehen wurde. Mit diesem Frauenbild verbunden ist die Tatsache, dass die Nationalsozialisten versuchten, Frauen aus dem öffentlichen Leben und aus dem Arbeitsleben zu drängen, um Platz für Männer zu haben. Gleichzeitig sorgte die NS-Ideologie mit Kursen für Bräute, Hausfrauen und Mütter nicht nur für eine ideologische Unterweisung, sondern für eine regelrechte Professionalisierung der Familienarbeit.

Die Ähnlichkeit mit dem eisernen Kreuz für Soldaten war gewollt. 

In der neueren, geschlechterspezifischen Forschung geht man von einem vielschichtigeren Frauenbild aus – nicht zuletzt in Folge des Zweiten Weltkrieges. Viele Frauen sahen sich selbst eher als Kameradin oder Kämpferin. Sie waren als Wehrmachtshelferinnen, im Luftschutz oder im Gefolge der SS tätig. Sie spielten außerdem als Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie eine wichtige Rolle. Fakt ist, dass sich die Position der Frauen mit dem Krieg veränderte, weil sie zusätzlich zu ihrer Mutterrolle die der abwesenden Männer übernehmen mussten. Damit übernahmen sie Aufgaben, die ihnen zum Teil vorher verboten waren.

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