Muss Lüdenscheider (38) ins Gefängnis oder in die Geschlossene?

Lüdenscheid - Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung, Diebstahl – geschenkt: Soweit sich ein 38-Jähriger noch an die Straftaten seiner Lüdenscheider Zeit erinnern kann, gibt er sie im Amtsgericht uneingeschränkt zu.

Entschuldigungen gehen an eine Polizistin und zwei Mitarbeiter des Lüdenscheider Ordnungsamtes, die sich die unflätigen Beschimpfungen und Bedrohungen des Mannes anhören mussten. Sie können den Angeklagten kaum mit ihrem Bild jenes randalierenden Säufers zusammenbringen, der damals nur mühsam zu bändigen war. Zur Tatzeit, im September 2015, war der Angeklagte gerade aus dem Gefängnis entlassen worden und schon wieder regelmäßig unter Strom: Blutalkoholwerte zwischen zwei und drei Promille wurden amtlich festgehalten.

Nach dem großen Aufräumen, bei dem von den ursprünglich sieben Anklagepunkten vier vorläufig eingestellt wurden, musste das Erweiterte Schöffengericht am Donnerstag entscheiden, ob der Mann ins Gefängnis oder in eine geschlossene Entziehungsanstalt muss. Doch sein Auftreten und der Kontrast zwischen ihm und einem seiner ehemaligen Saufkumpane, der als Zeuge geladen war, ebneten den Weg zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Bei einem Widerruf droht allerdings die Einweisung in eine geschlossene Entziehungsanstalt.

Doch genau das, was dort erreicht werden soll, scheint der 38-Jährige mithilfe einer ambulanten Therapie und der Betreuung durch den Verein „Integra“ aus eigener Kraft zu schaffen. „Ich habe einen Punkt in meinem Leben erreicht – ich kann nicht mehr“, zitierte Betreuer Tobias Hoffmann die Ansage, mit der sich der Alkoholsüchtige an ihn gewandt hatte. „Es ist beeindruckend, dass Sie die Kurve gekriegt haben“, gab Richterin Kristina Thies dem 38-Jährigen mit auf den Weg. Daran änderte auch eine „dreiste Lüge“ nichts, die er dem Gericht vor einer Woche aufgetischt hatte: Er sei „vollständig trocken“. Tatsächlich hatte er einen Rückfall mit zwei Flaschen Bier – eine dritte spülte er durch den Ausguss.

Seine Betreuerin, eine ehemalige Therapeutin der Suchtkrankeneinrichtung in Spielwigge, gab sich gelassen angesichts des „kleinen Rückfalls“: „Mich erschüttert das nicht so – so etwas passiert.“ Sie berichtete von der „Hilfe, damit er seine eigene Lebensstruktur hinkriegt“, von den Bemühungen, „ein Leben zu stabilisieren“. Die Fähigkeit, von heute auf morgen trocken zu leben, sei nicht zu erwarten. Doch die Fortschritte seien enorm: „Er ist ein Klient, wo die Arbeit Spaß macht.“

Und so wogen abgebrochene Therapien und die enorme Rückfallgeschwindigkeit nach der letzten Entlassung schließlich weniger als die begründete Hoffnung, dass der gelernte Koch und Maurer sein Leben doch wieder unter Kontrolle kriegt.

Rubriklistenbild: © dpa

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