Interview mit dem obersten MK-Corona-Bekämpfer Volker Schmidt

„Vermehrt Corona-Einzelfälle in Schulen“

Biontech Corona
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Heiß begehrt: der Biontech-Impfstoff.

Die Inzidenzrate ist wichtig, aber nur bedingt aussagekräftig. Andere Faktoren müssen auch berücksichtigt werden. Das sagt Volker Schmidt, Leiter des Fachbereichs Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz beim Märkischen Kreis, im Gespräch mit Willy Finke.

Lüdenscheid - Und er sagt: Pflegebedürftige Menschen könnten von ihren Hausärzten schon bald zuhause geimpft werden.

Herr Schmidt, der Märkische Kreis war am Donnerstag mit einem Inzidenzwert von 141,4 trauriger Spitzenreiter in Nordrhein-Westfalen. Was tut die Kreisverwaltung, um die Ursachen dafür zu ermitteln?

Wir führen eine akribische Ermittlungsarbeit durch. Das heißt: Wir befragen die Infizierten und die Kontaktpersonen sehr genau nach ihrem beruflichen Umfeld, privaten Kontakten und familiären Zusammenhängen. Dabei wird natürlich auch erfasst, ob sie in Schulen, Kitas, Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern arbeiten.

Volker Schmidt

Gibt es dabei Auffälligkeiten?

Wir verzeichnen einzelne Ausbrüche – zuletzt in einem Unternehmen in Halver (Escha, die Red.) und in einigen Krankenhäusern. Das lässt sich dann eindeutig lokal zuordnen. Dazu gibt es immer mal wieder Ausbrüche in einzelnen Familienverbünden, aber eben auch viele Fälle mit eher diffusem Gesamtgeschehen. Vermehrt haben wir auch wieder Einzelfälle in Kindergärten und Schulen.

Wie viele Fälle lassen sich zurzeit konkret zuordnen?

Zurzeit etwa 250 von derzeit etwa 830 Fällen. In allen anderen Fällen wird es schwierig. Das sind dann oft auch kleinere Familienzusammenkünfte, bei denen sich Teilnehmer infizieren.

Aber das dürfte doch in ganz Deutschland ähnlich sein. Was macht dann gerade den Märkischen Kreis zum Hotspot?

Entscheidend ist: Ob man sich ansteckt oder nicht, hängt nach wie vor immer noch vom persönlichen Verhalten ab. Jeder kann etwas dazu beitragen, dass die Inzidenz wieder geringer wird.

Für den Märkischen Kreis gelten – trotz seiner hohen Inzidenzwerte – die gleichen Lockerungsbestimmungen wie für Rest-NRW, das am Donnerstag bei einer Inzidenz von 70 liegt. Halten Sie das für vertretbar?

Alle Verschärfungen auf Kreisebene sind mit dem Land abzustimmen. Die Maßnahmen müssten zudem zielgerichtet und nachhaltig sein.

„Nicht auf Kreis-, sondern auf Landesebene bewegen“

Stellt sich das Infektionsgeschehen im Kreis denn einheitlich dar?

Nein. Die Inzidenzen zwischen den Städten und Gemeinden verändern sich bisweilen sehr schnell. Mal liegt Plettenberg an der Spitze, vor einigen Wochen waren es Kierspe und Meinerzhagen. Dann ist es Werdohl und dann auch mal Lüdenscheid oder Iserlohn. Die Betrachtung auf Kreisebene ist eben doch eher kleinräumig.

Und das bedeutet?

Es ist in Hinblick auf die Lockdown-Bestimmungen sinnvoll, dass wir uns nicht auf Kreis-, sondern auf Landesebene bewegen. Wenn wir als Kreis aber tatsächlich einen anderen Weg als das Land gehen, dann müssen das laut Erlass des Landes dauerhafte Veränderungen auf der Basis eines stabilen Inzidenzwertes sein, also keine rein kurzfristigen Reaktionen.

Unter diesen Umständen ist also zurzeit ein Sonderweg des Märkischen Kreises mit schärferen Bestimmungen nicht sinnvoll?

Richtig. Wenn wir jetzt strengere Maßstäbe anlegen oder gerade erst eingeführte Lockerungen zurücknehmen, hätten wir einen gewissen Shopping-Tourismus zu erwarten. Dann würden wahrscheinlich viele Menschen aus Lüdenscheid, Iserlohn oder Kierspe nach Münster oder Bielefeld fahren, um dort einzukaufen. Das wäre nicht im Sinne der Sache und würde zur Ausbreitung des Infektionsgeschehens führen.

Also behält der MK trotz des hohen Inzidenzwertes die gleichen Bestimmungen wie Rest-NRW?

Ja. Wir dürfen ja auch nicht vergessen, dass die Inzidenz nur ein Parameter bei der Beurteilung des Gesamt-Geschehens ist.

Was spielt denn noch eine Rolle?

Bei der Beurteilung im Krisenstab schauen wir uns nicht nur die Entwicklung und die Unterschiede in den einzelnen Bevölkerungsgruppen sehr genau an, sondern auch die Situation im Rettungsdienst und Krankentransport, die Entwicklung des Impfgeschehens, die Funktionsfähigkeit bei der zeitnahen Kontaktverfolgung, den Anteil der Mutationen, die Anzahl der Tests und noch einige andere Parameter. Natürlich auch die Situation in den Krankenhäusern und Pflegeheimen bei Patienten und Personal.

Wie sieht es dort aus?

Durch den hohen Grad der Durchimpfung entspannt sich die Lage besonders in den Pflegeheimen erkennbar. Die vulnerablen Personengruppen sind mittlerweile wesentlich besser geschützt als noch vor einem halben Jahr. Das sehen wir auch daran, dass die Sterberaten zurückgehen. Kurz gesagt: Die Impfungen zeigen Wirkung.

Ist das Kreis-Gesundheitsamt mittlerweile in der digitalen Gegenwart angekommen oder ist das Telefax immer noch bevorzugtes Kommunikationsmittel?

(lacht) Dass die Gesundheitsämter noch mit Papier und Bleistift arbeiten, das ist so ein Mythos. Seit April letzten Jahres haben wir eine sehr gute Software im Einsatz. Aus der Software heraus verschicken wir zum Beispiel unsere Anschreiben direkt per Mail. Faxe kommen nur noch vereinzelt bei Meldungen der Gesundheitsämter untereinander zum Einsatz. Technisch und digital sind wir schon sehr gut ausgestattet und auf einem sehr guten Weg.

Das gilt auch für die lange Zeit bemängelte Kommunikation mit den Labors?

Ja, alle Meldungen der Labors gehen über digitale Schnittstellen bei uns ein – seit einigen Monaten.

Von RKI-Präsident Lothar Wieler war nach einer Konferenz mit Chefärzten zu lesen, der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund unter den Covid-Patienten sei weit überproportional hoch. Können Sie das für den Märkischen Kreis bestätigen?

Darüber haben wir nach wie vor keine Erkenntnisse, dazu führen wir auch keine Statistiken. Es scheint aber eine bundesweite Beobachtung zu sein.

In diesen Tagen laufen die Corona-Schnelltests an. Haben sich schon Interessenten, die diese Tests durchführen wollen, bei Ihnen gemeldet?

Das DRK in Lüdenscheid-Brügge und das Ifam-Institut für Arbeitsmedizin in Neuenrade bieten ja schon seit einiger Zeit Schnelltests an. Jetzt erreichen uns Fragen zum genauen Verfahren – beispielsweise von Apotheken.

Wie lautet Ihre Zielvorstellung in Hinblick auf Schnelltests?

Es wird darauf ankommen, dass wir dezentral aufgestellt sind. Wir als Kreis übernehmen eine koordinierende Rolle und werden an unseren Abstrichstellen in Lüdenscheid und Iserlohn auch selbst Tests anbieten. Dazu werden Apotheken und Arztpraxen kommen oder andere Einrichtungen. Zurzeit befinden wir uns in Gesprächen mit den Städten und Gemeinden. Am letzten Freitag hat es dazu eine Absprache mit den Bürgermeistern gegeben. Ich bin zuversichtlich, dass wir in fast jeder Kommune Testmöglichkeiten haben werden. Dann werden die Menschen nicht weit fahren müssen, um sich testen zu lassen.

Mit wie vielen Schnelltests rechnen Sie?

Man geht von 2,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung aus, die sich an einem Tag testen lassen könnten. Das wären im Kreis dann Tag für Tag etwa 10 000 Tests. Das ist eine Menge. Ob das tatsächlich so eintreten wird, das werden wir dann sehen. Sich testen zu lassen wird für die Menschen insbesondere dann interessant, wenn damit Öffnungsperspektiven verbunden sind, beispielsweise für Kinos.

Je mehr getestet wird, desto mehr positive Ergebnisse wird es geben und desto stärker steigt die Inzidenzrate. Das nehmen Sie in Kauf?

Ja. Die Fälle sind ja schließlich so oder so da, werden bisher nur nicht entdeckt. Das wird sich mit den Schnelltests ändern – ohne dass es deswegen plötzlich mehr schwere Verläufe gibt.

Verliert die Inzidenzrate dann ihren bisherigen Stellenwert?

Das kann so sein. Letzten Endes ist sie ja nur ein Parameter von vielen, die man alle anschauen sollte. Da gibt es zum Beispiel auch noch den Reproduktionsfaktor R, der im vergangenen Jahr mehr im Mittelpunkt stand. Für uns ganz wichtig ist außerdem die Situation in den Pflegeheimen. Dort sieht es schon ganz gut aus. In den Krankenhäusern ist die Lage zwar noch angespannt, aber beherrschbar.

Kommen wir zum Thema Impfen: Nun steigen die Hausärzte ein. Sind sie denn nicht ohnehin schon ausgelastet?

Wer als Hausarzt impfen will, macht das freiwillig. Und es ist gut, wenn sich möglichst viele Ärzte beteiligen. Aber kein Arzt ist verpflichtet, teilzunehmen. Daneben beteiligen sich ja bereits viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bei den Impfungen in unserem Impfzentrum. Auch einige, die bereits im Ruhestand sind. Für diesen Einsatz und die geleistete Arbeit bedanke ich mich an dieser Stelle.

Wann werden pflegebedürftige Menschen zuhause geimpft werden können?

Das wird unter Einbezug der Arztpraxen einfacher sein. Im letzten Impferlass sind Menschen mit dem Pflegegrad 5 schon konkret genannt worden. Sie können durch Hausärzte besucht werden, wenn letzte Einzelheiten geklärt sind. Das wird jetzt auch dadurch unkomplizierter, dass der bisher als sehr kapriziös geltende Impfstoff Biontech möglicherweise nun doch – sogar in Einzeldosen – für eine bestimmte Zeit transportiert werden darf. Außerdem darf der Impfstoff Astrazeneca ja nun auch für Personen über 65 Jahre eingesetzt werden.

Das bedeutet in der Konsequenz?

Wenn ein Hausarzt sowieso das Impfen übernimmt, ist es ihm dann auch völlig freigestellt, seine Patienten zuhause zu impfen.

Wann können – nach der Gruppe Ü 80 – die Über-Siebzigjährigen geimpft werden?

Bei den Über-Siebzigjährigen erarbeitet das Land gerade ein Konzept, nach dem die Terminanmeldungen möglicherweise jahrgangsweise erfolgen sollen. Damit soll vermieden werden, dass die Software, wie bei den Über-Achtzigjährigen, wieder zusammenbricht.

Das Impftempo nimmt Fahrt auf. Wann werden wir zu einem normalen Alltagsleben zurückkehren?

Es gibt Prognosen, die sagen, dass wir – wenn alles glatt läuft – im August mit den Impfungen fertig sein könnten. Dann könnten wir möglicherweise wieder in den Sommerurlaub fahren. Man muss aber schauen, wie das in anderen Ländern aussehen wird. Das sind nicht meine Prognosen – aber eine schöne Perspektive wäre es ja.

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