Mittags in der Innenstadt: Die Menschen bleiben weg

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Ein beliebter Treffpunkt für Flaneure und Pausengänger: Im Eiscafé Leone im Stern-Center standen sich die Kellner gestern Mittag die Beine in den Bauch.

Lüdenscheid - Coronavirus und die Folgen: Selbst in der 1a-Lage im Lüdenscheider Stadtzentrum läuft das Leben reduziert.

Mittags in der Innenstadt. Normalerweise ein Gewühl. Menschen, die frei haben, die Nasen in die Frühlingssonne halten, die Rathaustreppe bevölkern oder ein schnelles Essen kaufen. 

Gestern Mittag hingegen: merkwürdig ruhig. Selbst das Leben in 1a-Lage läuft reduziert – obwohl kaum ein Geschäft geschlossen ist, vom Reisebüro Kattwinkel, der ADAC-Geschäftsstelle am „Knapp“ oder Strodel & Jaeger abgesehen. Tatsächlich: Die Menschen bleiben weg.

Noch kein Bescheid

Während sich die Kellner, zum Beispiel im Eiscafé Leone im Stern-Center, die Beine in den Bauch stehen und benachbarte Verkäuferinnen schon gar nicht mehr wissen, was sie noch alles aufräumen, sortieren oder abwischen sollen, scheint eine klare Marschrichtung noch zu fehlen. 

Alessandro Silipo an seiner Segafredo-Kaffeebude zuckt mit den Schultern. „Wann wir zumachen? Wir haben noch keinen Bescheid.“ Die nahe Nordsee-Filiale ist bereits dicht – zumindest für Menschen, die dort einkehren möchten. Fisch gibt's nur noch an der Ausgabetheke. 

Auf dem Gehweg der Corneliusstraße klappt ein junger Mann den Deckel seiner Mülltonne zu, lauter als sonst. Die Müllabfuhr war noch nicht da. Er zückt sein Handy und sagt: „Die rufe ich jetzt an, die Hurensöhne.“

Pommes in der Sonne

Währenddessen sitzt ein Ehepaar im Rosengarten auf einer Bank und pikt eine Portion Pommes-Mayo. Eigentlich wollten die beiden, Angestellte der Sparkasse, in ihrem Mitarbeiter-Café Pause machen, wie immer. „Aber das haben sie geschlossen.“ 

Während er das sagt, rückt er ein wenig zur Seite. So hat eine Stadtreinigerin des STL mit ihrer Abfallzange mehr Platz zum Aufheben von Kippen und Kaffeebechern. 

Der Betreiber der Frittenbude Hin&Weg an der Wilhelmstraße, beliebte Adresse für den schnellen Hunger, hat Flatterband gespannt und einen Aufsteller platziert. Darauf steht: „Wir bitten Sie, einen Abstand von zwei Metern einzuhalten. Bitte nur einzeln an die Theke herankommen“! 

Damit bewegt sich der „Frittenschmied“ auf demselben Sicherheitslevel wie Apotheker. Bloß keine Menschenansammlungen! Ifigenia Ropkas, Inhaberin der Post-Apotheke am Rathausplatz, hat eine große Tafel vor die Tür gestellt. „Bitte maximal zwei Personen eintreten! Wenn möglich, zwei Meter Abstand halten!“ 

Das Coronavirus schafft mehr als zwei Meter. Wuhan, wohl Ursprung der Pandemie, ist rund 8000 Kilometer weit weg.

Pause, mehr nicht

Der Sicherheitsdienst des Stern-Centers patroulliert durch die Malls. Die Hocker, Bänke oder Massagestühle, die die Uniformierten im Blick haben, laden die Passanten zum Ausruhen ein – eigentlich. 

Einer sagt: „Wer sich hier einfach nur aufwärmen oder seine Zeit totschlagen will, den fordern wir auf, das Haus zu verlassen.“ Zwischen zwei Einkäufen mal eben pausieren, das gehe. Mehr aber nicht.

"Keinerlei Info"

Eine Verkäuferin macht ihrem Ärger Luft. Sie will auf keinen Fall namentlich erwähnt werden. „Sonst kriege ich vielleicht Schwierigkeiten.“ 

Aber sie sei stinksauer, sagt sie. Auf das Management des Stern-Centers. „Wir haben keinerlei Info, wissen überhaupt nicht, wie wir uns verhalten sollen.“ 

Abstand zu Kunden? Zwei Meter vielleicht? Oder besser mehr? Bargeld annehmen? Waren anfassen oder anprobieren lassen? Die Verkäuferin berichtet, sie habe sich mit Kollegen anderer Geschäfte im Center unterhalten. „Keiner weiß hier Bescheid, das ist eine Frechheit!“ 

Dabei sei sie nicht ängstlich, „und es geht mir auch nicht darum, den Laden hier abzuschließen“. Aber die Leute in den Shops seien „rappelig und verunsichert“. Der Centermanager habe sich in dieser Woche noch gar nicht „auf der Fläche“ blicken lassen.

Parkplätze am "Knapp"

Es wird Nachmittag. Die Lüdenscheider machen langsam Feierabend. Die Straßen füllen sich jetzt normalerweise, die Linienbusse mit ihren provisorisch abgeschirmten Fahrern auch. 

Seit dieser Woche ist das anders. Auf der Knapper Straße sind noch Parkplätze zu haben. Klopapier nicht mehr. Nicht nur Netto und Rossmann am „Knapp“ haben leere Regale. 

Stern-Center-Manager Daniel Dalsasso sagt auf Anfrage unserer Redaktion Antworten zu. Für wann, lässt er offen. „Wir versuchen es zeitnah.“

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