Prozessauftakt am Landgericht Hagen

Traumatisierte Mitarbeiterin nach Tankstellen-Überfall: „Ich habe Angst, im Dunkeln..."

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Rechtsanwältin Jennifer Schönborn und ihr Mandant im Augenblick der Prozesseröffnung.

Lüdenscheid - Ein 24-Jähriger soll zusammen mit einem Komplizen eine Tankstelle im Rahmedetal überfallen haben. Zum Prozessauftakt hüllt er sich in Schweigen.

„Ich habe massive Schlafstörungen und Albträume – und Angst, im Dunkeln rauszugehen. Man ist einfach nicht mehr derselbe Mensch wie vorher.“ 

Der Schock nach dem Raubüberfall auf eine Tankstelle im Rahmedetal sitzt tief. Die Verkäuferin (56) im Zeugenstand berichtet stockend über das Erlebnis am 26. Oktober 2018. Zwei Meter von ihr entfernt sitzt der 24-jährige Angeklagte. Er schweigt zu den Vorwürfen. 

Die 6. große Strafkammer des Hagener Landgerichts führt einen Indizienprozess. Neun Zeugen sagen am ersten Verhandlungstag zu dem Fall aus. Neben der traumatisierten Kassiererin zum Beispiel deren Chef. 

Hoher materieller Schaden

Auch der materielle Schaden war groß. Zigaretten und Tabakwaren im Wert von 5000 bis 6000 Euro haben die Räuber erbeutet. Einen Schlüsselbund haben sie mitgenommen, so dass die komplette Schließanlage der Tankstelle ausgetauscht werden musste. 

16 neue Kameras für eine bessere Videoüberwachung hat der Pächter angeschafft. Vier Monate lang hat er zusätzliches Personal beschäftigt, damit niemand allein arbeiten muss, und einen Wachschutz hat er engagiert. Immerhin: Einen Großteil des Schadens hat die Versicherung bezahlt. 

Das alles hört sich der Angeklagte regungslos an. Emotionen zeigt er erst, als Dr. Brian Blackwell, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, über das Leben des jungen Mannes referiert. 

Lebenslauf eines Flüchtlings

1995 in Erbil, Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak, geboren, kommt der Junge demnach mit 14 Jahren allein über Griechenland und den Balkan nach Deutschland. Er besucht die Hauptschule, schafft seinen Abschluss, hat in Deutsch eine Zwei auf dem Zeugnis. 

Mit einer Duldung und einer Arbeitserlaubnis jobbt er in Lüdenscheid in mehreren Gastro-Betrieben, wird arbeitslos, fängt an zu kiffen, macht Schulden bei Dealern, steigt auf synthetisches Spice um, trinkt immer mehr Alkohol, wird von seiner Freundin verlassen, lernt die falschen Leute kennen – und wird straffällig. 

In einem Aldi-Markt in Dortmund greift er in die Kasse, wird überwältigt und verurteilt: ein Jahr und drei Monate auf Bewährung und zig Sozialstunden. 

Er absolviert keine einzige, treibt sich per Bahn in ganz Deutschland herum, taucht ab. Die Bewährung wird widerrufen. Ende April 2019 ist die Flucht zu Ende, er verbüßt die Strafe in Remscheid. 

Verräterische DNA-Spuren

Der Raubüberfall auf die Tankstelle ein halbes Jahr vor der Inhaftierung wird dem 24-Jährigen angelastet, weil seine DNA am Tatort sichergestellt wurde. An einer schwarzen Stoffmaske, die sich einer der Täter hektisch vom Kopf gerissen und zurückgelassen hatte, findet ein DNA-Spuren-Analytiker des Landeskriminalamtes Erbgut von drei Personen. 

Das Gemisch ist trotzdem verräterisch. Der Biologe sagt: „Alle nachgewiesenen Merkmale stimmen mit denen des Angeklagten überein.“ Die Informationen über ihn schlummerten schon in der Datenbank des LKA. Nach Vorwürfen, er habe seine Lebensgefährtin geschlagen, hatte die Justiz eine Speichelprobe von dem Mann entnehmen lassen. 

Unfehlbarer Datenbank-Treffer

Der Treffer gilt als unfehlbar. Der Kriminalbiologe bezeichnet die statistische Wahrscheinlichkeit, dass der Angeklagte die Maske getragen hat, mit 1,9 mal zehn hoch 23, einer astronomischen Zahl mit 23 Nullen. Zum Vergleich: Die Weltbevölkerung sei sieben mal zehn hoch neun groß. 

Strafverteidigerin Jennifer Schönbaum, Rechtsanwältin aus Dortmund, wartet am ersten Verhandlungstag noch ab. Dass ihr Mandant im Knast mit einem Gürtel auf Justizbedienstete losgegangen ist und sie unflätig beleidigt hat, gibt er unumwunden zu. „Dafür möchte ich mich an dieser Stelle in aller Form entschuldigen.“

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