Maßnahmen zur Krisenbewältigung

300 Mitarbeiter! Unternehmen aus MK verkauft Standort und baut Arbeitsplätze ab

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Der Standort in Hellersen bleibt erhalten. Auf den geplanten Neubau der Wäscherei wird aber verzichtet. 

Lüdenscheid – Ein in Schieflage geratenes Großunternehmen aus dem Märkischen Kreis versucht mit verschiedenen Maßnahmen in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen. Auch die Mitarbeiter leisten ihren Beitrag.

  • Einem der größten Dienstleistungenunternehmen in Lüdenscheid drohte die Pleite
  • Der Firma baute Arbeitsplätze ab und schloss einen Standort
  • Die Sanierungsmaßnahmen sind aber noch nicht abgeschlossen

Vor einigen Wochen hat die Wirtschaftsdienste Hellersen GmbH (Widi) ihren zweiten Standort in Herdecke aufgegeben. Auch eine Abteilung in Lüdenscheid soll geschlossen werden. Arbeitsplätze wurden abgebaut

Liquidität gefährdet: Widi in Lüdenscheid drohte sogar die Pleite

Die Krise kam von jetzt auf gleich, erläutern die Geschäftsführer Tanja Engel und André Koch sowie der Aufsichtsratsvorsitzende Ralf Schwarzkopf: Ein Defizit von 2,8 Millionen Euro wies die Widi Textil Service in der Bilanz für das Jahr 2018 aus. Zu viel für das Unternehmen, dass in den Vorjahren konsequent auf Wachstum gesetzt hatte. Die Liquidität war gefährdet, es drohte sogar die Pleite. 

Neubau einer Wäscherei wurde gestoppt - dennoch hohe Kosten

Die Gründe waren verschieden, am Ende kamen mehrere negative Entwicklungen zusammen. So wurden 2018 die Planungen für den Neubau einer Wäscherei in Hellersen gestoppt, die Architekten und Planer mussten aber bezahlt werden. Das bedeutete einen Sondereffekt von minus 600.000 Euro. Auch die Umsätze pro Kunde gingen zurück, der Aufwand stieg. Durch die sich abzeichnenden Risiken mussten die Rückstellungen erhöht werden. 

Zahlreiche Mitarbeiter am neu erworbenen Standort in Herdecke kündigen

Zudem hatte die Widi erst 2017 einen zweiten Standort in Herdecke gekauft. Doch dort kündigten unerwartet viele Mitarbeiter, die Widi musste mit viel Geld gegensteuern. „Die schwierige Anlaufphase in Herdecke fiel genau in die Phase, wo es uns auch in Lüdenscheid schlechter ging“, sagt Geschäftsführer André Koch. 

Aufsichtsratsvorsitzender Schwarzkopf sagt: „Ich war geschockt, wie schnell ein Unternehmen, das über viele Jahre zuverlässig gewirtschaftet hat, plötzlich in Schieflage geraten kann.“ 

Die Geschäftsführer André Koch (li.) und Tanja Engel mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ralf Schwarzkopf.

Für die Rettung musste alles ganz schnell gehen: Die drohende Pleite vor Augen reagierte der Märkische Kreis als wichtigster Gesellschafter und stellte ein Darlehen von 7 Millionen Euro zur Verfügung, damit die für die Gesundheitsversorgung im Kreis systemrelevante Widi auch im Krisenmodus liquide bleibt.

Märkischer Kreis stellt der Tochter ein millionenschweres Darlehen zur Verfügung

Gleichzeitig erarbeitete die Widi-Geschäftsführung ein Sanierungskonzept mit rund 100 Einzelmaßnahmen. Ein Wirtschaftsprüfer legte anschließend sein IDW-S6-Gutachten vor – mit positiver Zukunftsprognose, wenn die Sanierung umgesetzt wird. 

Das und das Darlehen des Kreises stärkten das Vertrauen der Banken, die wieder Kredite an die Widi vergeben. Mit Ausnahme eines mittlerweile zurückgezahlten Überbrückungskredits hatte die Widi-Geschäftsführung das Darlehen des Kreises nicht in Anspruch nehmen müssen. 

Arbeitsplatzabbau bei der Widi in Lüdenscheid: 58 Mitarbeiter weniger als vor Jahresfrist

100 Sanierungsmaßnahmen listeten Tanja Engel und André Koch auf. So wurde innerhalb eines Jahres die Zahl der Mitarbeiter von 371 auf 313 reduziert. Häufig wurden befristete Verträge nicht verlängert, frei werdende Stellen nicht wieder besetzt. Betriebsbedingte Kündigungen wurden nicht ausgesprochen.

Sanierungsmaßnahme: Mitarbeiter verzichten auf Lohnerhöhung und arbeiten länger

„Wir haben die Bugwelle, die sich durch die Wachstumsstrategie aufgetürmt hatte, wieder auf den alten Stand gebracht“, sagt Geschäftsführer Koch. Auch die verbliebenen Mitarbeiter leisten ihren Beitrag zur Sanierung. Die anstehende Tariferhöhung wurde ausgesetzt und die Zahl der Arbeitsstunden bei gleichbleibendem Lohn erhöht. 

Verkauf des zweiten Standorts in Herdecke im November vollzogen

Ein zentraler Baustein im Sanierungskonzept war der Verkauf des zweiten Standorts in Herdecke, der zum 1. November 2019 vollzogen wurde. Neuer Eigentümer ist die Stiftung Volmarstein, die auch die zehn Vollzeitkräfte in Herdecke übernommen hat. 

Krankenhäuser verzichten auf Mehrweg-OP-Wäsche - Abteilung wird geschlossen

Einsparungen erhofft sich die Geschäftsführung durch die Schließung der Abteilung, in der Mehrweg-OP-Wäsche für Krankenhäuser gereinigt wird. „Dieses Produkt ist nicht mehr nachgefragt. Kunden nutzen aus Kostengründen Einweg-OP-Wäsche“, erklärt Tanja Engel. Die Schließung erfolgt in den nächsten Wochen. Alle elf Vollzeitkräfte sollen eine neue Aufgabe innerhalb der Widi erhalten. Auch bei Fuhrpark und Lagermiete wurde gespart. 

Wirtschaftsdienste Hellersen: Sanierung dauert noch zwei weitere Jahre

Noch ist die Widi "nicht über den Berg", doch die 2019 umgesetzten Maßnahmen sollen sich in diesem Jahr bereits auszahlen. Jetzt gehe man in die Feinjustierung, sagen Engel und Koch. Zwei Jahre geben sich die beiden für die Umsetzung des Sanierungskonzepts. Ziel sei es, langfristig sichere Arbeitsplätze bei der Widi in Lüdenscheid zu schaffen. 

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