Vorwürfe mittlerweile eingeräumt

Missbrauch verschwiegen: Priester nach Lüdenscheid versetzt - und niemand weiß davon

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Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche erreicht Lüdenscheid. Ein belasteter Priester war in der Bergstadt tätig.

Lüdenscheid – Bei der Aufarbeitung von Missbrauchstaten durch Geistliche hat das Bistum Essen bislang acht Fälle bestätigt, die im Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid zwischen 1946 und 2014 aktenkundig geworden sind. Jetzt gibt es neue Entwicklungen. 

Beschuldigt werden sechs Kirchenmänner, darunter zwei Priester, ein Mitglied einer katholischen Ordensgemeinschaft sowie drei Mitarbeiter in der Jugendarbeit. Die Kirchengemeinden, in denen sich die Übergriffe ereignet haben, nennt das Bistum öffentlich nicht. Die betroffenen Kirchengemeinden sollen aber einen Hinweis bekommen. 

Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass in mindestens einem Fall ein Priester, der in der Vergangenheit mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen beschuldigt wurde, über einen längeren Zeitraum in Lüdenscheid tätig war. 

Der Mann aus dem Ruhrgebiet wurde „uns sozusagen angeboten“, erinnert sich Johannes Broxtermann, zum damaligen Zeitpunkt Dechant und Priester in der Pfarrei St. Medardus. Angesichts des Personalmangels habe man sich über die unerwartete personelle Verstärkung gefreut. 

Unter einem Vorwand 

„Ich habe damals keinen Hinweis vom Bistum auf die Vorwürfe gegen den Priester erhalten“, sagt Broxtermann. Es habe nur geheißen: „Er möchte nach Erreichen der Altersgrenze gerne ins Sauerland. Er wandert gerne und fährt gerne Ski. Er möchte in eure Gegend“, erinnert sich der Lüdenscheider Pfarrer an das Anbahnungsgespräch für die Stelle „im besonderen Dienst“. Den fehlenden Hinweis auf Missbrauchsvorwürfe empfindet er aus heutiger Sicht als problematisch. 

Bistum hat Kenntnis 

Dabei war das Bistum Essen auch zum damaligen Zeitpunkt schon im Bilde über den Priester und die ihm zur Last gelegten Taten, wie Bistumssprecher Ulrich Lota im Gespräch mit unserer Zeitung einräumt. In der Personalakte befänden sich mehrere Hinweise auf Missbrauch, die auch kirchenintern aufgearbeitet und dokumentiert wurden. 

Aktenkundig sind Missbrauchsvorwürfe gegen den Mann aus den 1960er-Jahren sowie aus den 1980er-Jahren. Opfer sind Kinder, darunter mindestens ein Junge. Die Taten ereigneten sich in zwei Städten im Ruhrgebiet, in denen er als Priester arbeitete. „Ja, es hat Vorwürfe gegeben, aber keine, die dazu geführt haben, dass er als Täter verurteilt wurde“, sagt Ulrich Lota. 

Der Mann wurde zu den Vorwürfen befragt, habe aber stets einen Missbrauch verneint. Ob er aufgrund der Vorwürfe versetzt wurde, konnte der Bistumssprecher nicht sagen. Zumindest die zwei Fälle in den 1980er-Jahren hatten für den Priester keine Konsequenzen. Er war dort anschließend noch mehrere Jahre tätig. 

Weitere Taten 

„Ich kann nicht ausschließen, dass es weitere Taten gegeben hat“, sagt Lota heute. Damals habe das Bistum aber „alles richtig gemacht“, die Verfahren und Befragungen wurden gemäß der damals geltenden kircheninternen Regelung durchgeführt. Polizei und Staatsanwaltschaft wurden nicht informiert. Das bedeutete auch: Nach der Leugnung des Priesters gab es aus Sicht des Bistums keinen Beweis für einen Missbrauch. 

In seiner Amtszeit in Lüdenscheid hatte der Pfarrer „im besonderen Dienst“ unter anderem Messvertretungen in nahezu allen Gemeinden des Kreisdekanats übernommen. In der Jugendarbeit war der Priester in Lüdenscheid nicht mehr aktiv. Missbrauchsvorwürfe gegen ihn sind aus dieser Zeit nicht bekannt. 

Erneute Vorwürfe 

Die Vergangenheit holte den Geistlichen schließlich doch noch ein. Nach Fällen von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche und in Privatschulen hatte die Bundesregierung einen „Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen“ ins Leben gerufen. 

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Im Zuge der Berichterstattung über die Skandale erneuerten Missbrauchsopfer gegenüber dem Bistum ihre Vorwürfe aus den 1960er-Jahren – und lösten damit ein erneutes Verfahren gegen den Mann aus. Nach Bekanntwerden der Anschuldigungen wurde der Lüdenscheider Priester sofort beurlaubt. 

Das Bistum schaltete die Staatsanwaltschaft Essen ein, die wegen Verjährung erwartungsgemäß nicht weiter ermittelte. Gleichzeitig wurde durch das Bistum eine kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet, in deren Verlauf der Priester die Taten schließlich zugab. 

Kirchliches Urteil 

Das abschließende Urteil fällte die Glaubenskongregation in Rom. Sie erließ ein Dekret, das dem Mann untersagte, weiter als Priester tätig zu sein oder aufzutreten. Er wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und muss sich bis zu seinem Lebensende an strenge Auflagen halten. So darf er unter anderem Einrichtungen oder Gebäude der katholischen Kirche nicht mehr betreten. 

Ganz gekappt ist die Verbindung zum einstigen Dienstherrn aber nicht, wie Bistumssprecher Ulrich Lota deutlich machte. Er bekomme Altersbezüge und stehe weiterhin unter kirchlicher Führungsaufsicht – „um die Einhaltung der Auflagen zu kontrollieren.“ 

Spirale der Einsamkeit 

Johannes Broxtermann hält noch losen Kontakt zum suspendierten Kollegen, der nicht mehr in Lüdenscheid wohnt. Die überführten Täter gerieten in eine Spirale der Einsamkeit, hat der Lüdenscheider Pfarrer i.R. festgestellt. Sie würden vielfach als „Monster“ wahrgenommen und von Kirche und Gesellschaft ausgestoßen. „Gerade sie brauchen Seelsorge. Sie hören ja nicht auf, Menschen zu sein“, sagt der langjährige Dechant. 

Besonders betroffen gemacht hat ihn – bei allem Lob und Verständnis für die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals – ein Nachruf des Bistums auf einen kürzlich verstorbenen Priester, der ebenfalls als Täter gilt. Broxtermann: „Meist gibt es dann lange Nachrufe über zwei Seiten. Diesmal standen dort aber nur zwei Sätze – und es fehlte der sonst obligatorische Hinweis, für ihn zu beten.“ Das zeige das ganze Dilemma, in dem sich das Bistum bei der Aufarbeitung der Schuld auch heute noch befinde.

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