Bislang einmalige Dimension

Missbrauchsskandal im MK: Inzwischen mehr als 20 Opfer von Jugendbetreuer bekannt

Kirchendach mit Kreuz im Gegenlicht
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Die Missbrauchstaten erstrecken sich über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen einen Jugendbetreuer meldeten sich weitere Opfer. Inzwischen sind mehr als 20 Betroffene bekannt. Ein Ende ist nicht absehbar.

Lüdenscheid – Der Missbrauchsskandal von Lüdenscheid nimmt ein immer größeres Ausmaß an. Inzwischen liegen der Missbrauchsbeauftragten der Evangelischen Kirche von Westfalen, Daniela Fricke, Berichte von mehr als 20 Betroffenen vor. Sie gaben an, von ihrem Betreuer sexuell missbraucht worden zu sein. Die Taten erstrecken sich über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren. Aufgrund der Angaben der – bisher bekannten – Opfer geht Kirchenrätin Fricke „von noch deutlich mehr Betroffenen aus“.

Diese Dimension von sexuellem Missbrauch ist im Verantwortungsbereich der evangelischen Landeskirche bislang einmalig. Der Lüdenscheider Fall wird von Präses Annette Kurschus mit höchster Priorität behandelt – auch weil der Täter noch bis zum Sommer unter dem Dach der Kirche mit Jugendlichen arbeitete. Kurz nachdem die Vorwürfe öffentlich wurden, nahm sich der Beschuldigte das Leben. Die bisher bekannten Missbrauchstaten ereigneten sich in einer Lüdenscheider Jungenschaft, die zunächst vom CVJM (Lüdenscheid-West) und danach von der örtlichen Kirchengemeinde (Brügge) verantwortet wurde.

Der Täter war jahrzehntelang Leiter der Jungenschaft, organisierte Gruppenabende, Ausflüge und Ferienfreizeiten. Hier fand er seine Opfer. Unter ihnen sind ausschließlich Jungen, die zum Zeitpunkt der Übergriffe zwischen zwölf und 15 Jahre alt waren. Erste Taten datieren von Anfang der 1980er-Jahre, der jüngste bisher gemeldete Vorfall ereignete sich im Jahr 2009.

Einige Betroffene berichteten von einmaligen Übergriffen, andere wurden über mehrere Jahre immer wieder missbraucht. „Unter den mehr als 20 Personen gibt es Menschen, die zutiefst verstörende Erlebnisse hatten, unter denen sie zum Teil bis heute noch leiden“, sagt die Kirchenrätin, die seit Anfang 2019 als Landeskirchen-Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung tätig ist.

Sie spricht von einem System, „das der Täter über einen langen Zeitraum aufrecht erhalten hat.“ Dass der Missbrauch durch den Betreuer über so viele Jahre unentdeckt blieb, führt Fricke auch auf die „schillernde Persönlichkeit“ des Täters zurück, der als Presbyter in der Gemeinde tief verwurzelt war. Dennoch liegen inzwischen Hinweise darauf vor, dass das Verhalten des Betreuers schon damals innerhalb der Jungenschaft, aber auch außerhalb thematisiert worden ist.

Warum hat damals niemand reagiert? Diese Frage quält die Kirchengemeinde und beschäftigt auch das eingesetzte Interventionsteam. Um ein System von sexuellem Missbrauch zu verstehen, müsse man auf die strukturellen Bedingungen in einer Gemeinde, wie auch in einem Sportverein oder anderen Bereichen, schauen, weiß Fricke. „Den Hinweisen gehen wir mit den uns zur Verfügung stehenden kirchlichen Mitteln nach“, sagt Fricke. Das Problem: Sie können nur bei kirchlichen Angestellten angewandt werden. Auskunftspflichtig sind diese Personen allerdings nicht.

Die Aufklärung des Missbrauchssystems im Einflussbereich der Kirche geht weiter. Die Aufarbeitung müsse folgen, sagt Fricke. Die ersten Signale sind positiv. Die evangelische Landeskirche will den Fall in einer Studie durch unabhängige Experten wissenschaftlich untersuchen lassen, um Fälle wie in der Lüdenscheider Jungenschaft in Zukunft besser erkennen und verhindern zu können.

Und die Opfer? Sie haben auf Antrag Anspruch auf Leistungen aus dem „Fonds Anerkennung Leid“, der für Opfer sexualisierter Gewalt in der Verantwortung der evangelischen Kirche 2013 eingerichtet wurde. Die Höhe der Zahlung orientiert sich an den Schmerzensgeldtabellen der Gerichte, auch wenn Daniela Fricke einräumt: „Wiedergutmachen lässt sich da gar nichts.“ Sie hat festgestellt, dass das Darübersprechen für viele Opfer eine regelrechte Befreiung war. „Ich war häufig die Erste, die ihnen gesagt hat: Sie haben etwas Schreckliches erlebt.“

Anlaufstelle für Betroffene

Opfer sollen sich direkt an die dafür vorgesehene Stelle in der Evangelischen Landeskirche von Westfalen wenden. Für sie steht die Beauftragte der Landeskirche für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung zur Verfügung: Daniela Fricke, Kirchenrätin, Beauftragte der EKvW für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung Landeskirchenamt, Altstädter Kirchplatz 5, 33602 Bielefeld, Tel. 05 21 / 59 43 08, E-Mail: daniela.fricke@ekvw.de.

Der CVJM Lüdenscheid-West seinerseits arbeitet einen weiteren Missbrauchsfall in der Jugendarbeit auf. Es gibt nach jetzigem Kenntnisstand keine Verbindung zu dem Betreuer der Jungenschaft. Auch beim CVJM soll ein Jugendbetreuer Jugendliche sexuell missbraucht haben.

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