Tatverdächtiger ist tot

Missbrauch in Lüdenscheid: Krisenstab der Kirche will den Fall jetzt aufklären

Kirchendach mit Kreuz im Gegenlicht
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Missbrauch in einer evangelischen Kirchengemeinde in Lüdenscheid.

Den Missbrauchsvorwürfen von mindestens fünf Opfern gegen einen ehrenamtlichen Jugendbetreuer in Lüdenscheid wird auch nach dem Tod des Tatverdächtigen nachgegangen. Der Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg verspricht Aufklärung.

  • Missbrauchsverdacht gegen ehrenamtlichen Jugendbetreuer
  • Missbrauchsvorwürfe: Tatverdächtiger ist tot - Ermittlungen eingestellt
  • Krisenstab will die Aufarbeitung weiter vorantreiben

Lüdenscheid - Nach dem Freitod des Beschuldigten am Donnerstagabend haben Polizei und Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen einen ehrenamtlichen Jugendbetreuer wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Jugendlichen eingestellt. Nun will der Krisenstab des Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg den Vorwürfen von mindestens fünf Betroffenen nachgehen. Mittags hatte der Krisenstab die Evangelische Kirchengemeinde Brügge/Lösenbach, in der der Verstorbene tätig war, in einer Gemeindeversammlung im Gemeindezentrum Lösenbach informiert. Am Nachmittag lud der Kirchenkreis dann zur Pressekonferenz.

Missbrauch von Jugendlichen in Lüdenscheid: Tatverdächtiger ist tot

Dabei stellte sich der neue Leiter des heimischen Krisenstabs vor. Es ist Alfred Hammer, bis Ende 2018 Superintendent des Kirchenkreises Arnsberg und jetzt im Ruhestand. Am vergangenen Montag habe ihn Präses Annette Kurschus gebeten, den Krisenstab in dem Lüdenscheider Fall zu leiten – weil Superintendent Klaus Majoress am Montag (31. August) selbst in den Ruhestand geht. Nach eigenen Worten seit Mittwoch steht Alfred Hammer dem Gremium vor, dem neben Experten der Landeskirche, Vertreter der Kirchengemeinde Brügge/Lösenbach und des CVJM Lüdenscheid-West angehören.

Gemeindemitglieder fragen: „Habt Ihr weggeguckt?“

Hammer betonte den Willen zur Aufarbeitung im Krisenstab, die Zuwendung zu den bislang bekannten Betroffenen und Hilfe und Unterstützung für die Gemeinde. In der gestrigen Gemeindeversammlung, an der rund 100 Gläubige teilnahmen, habe er „Menschen in einer Schocksituation“ erlebt, berichtet Hammer. Gleichzeitig lobte er die Sachlichkeit der Diskussion und die kritischen Nachfragen der Gemeindemitglieder, wie zum Beispiel „Habt Ihr weggeguckt?“ Dieser Frage werde man nachgehen, versprach Hammer den Gemeindemitgliedern.

Alfred Hammer, ehemaliger Superintendent im Kirchenkreis Arnsberg, leitet den Krisenstab im Missbrauchsfall von Lüdenscheid.

Die Jugendarbeit in der betroffenen Jugendgruppe ruht bis auf Weiteres. Man werde aber für die Jugendlichen da sein und schnellstmöglich wieder ein betreutes Angebot machen, sagte Hammer. In der Gemeindeversammlung waren auch Experten des Märkischen Kinderschutz-Zentrums und der Psychologischen Beratungsstelle Lüdenscheid zugegen. Die Frage, warum sich die Betroffenen erst nach teilweise mehr als 30 Jahren melden, begründeten sie nach den Worten von Hammer mit „Angst und Scham, darüber zu sprechen.“

Missbrauchsverdacht: Keine Antwort auf die Frage nach möglichen weiteren Opfern

Inhaltlich blieb der neue Krisenstabsleiter vage: Ob dem Krisenstabsleiter weitere Hinweise auf Missbrauchsfälle vorliegen, ließ er ebenso unbeantwortet wie die Frage nach möglichen weiteren Opfern. Wohlgemerkt: Er verneinte die Fragen nicht, gab aber auch sonst keine Auskünfte – übrigens auch nicht in der Gemeindeversammlung, wie Teilnehmer bemerkt hatten.

Kirchenkreis wollte nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe Gemeinde informieren - Polizei war dagegen

Transparent machte Kirchenkreis-Sprecher Matthias Willnat aber die Kommunikationswege seit Gründung des Krisenstabs am 23. Juli. Man habe die Gemeinde bereits Anfang August über die Missbrauchsvorwürfe gegen den Ehrenamtlichen informieren wollen. Dafür habe es bereits konkrete Pläne gegeben. Aufgrund der dringenden Bitte der Polizei, die die Ermittlungen durch eine Information innerhalb der Gemeinde gefährdet sah, habe man darauf verzichtet. Am Donnerstagvormittag (27. August) machte die Polizei in einer knappen Mitteilung die Missbrauchsvorwürfe in einem Lüdenscheider Jugendverband öffentlich. Wenig später bestätigte der Kirchenkreis, dass sich die Vorwürfe auch auf die Zeit beziehen, als der Betreuer für die Kirchengemeinde tätig war.

Tatverdächtiger wurde über die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn informiert

Unklar blieb am Sonntag, ob der inzwischen verstorbene Tatverdächtige durch die Polizei zu den Vorwürfen befragt worden war. Er war durch Kirchenvertreter Ende Juli über die Anschuldigungen gegen ihn informiert worden. Der Ehrenamtliche musste daraufhin seinen Schlüssel abgeben und erhielt ein Hausverbot. Die von ihm organisierte Jungen-Freizeit fand ohne ihn statt.

Krisenstab steht am Anfang der Aufarbeitung - Berichte der Opfer glaubwürdig

Der Krisenstab stellt die Berichte der Betroffenen nicht infrage. Krisenstabsleiter Hammer machte deutlich, dass man noch am Anfang der Aufarbeitung stehe. Es werde sich erst noch zeigen, welche Lehren man aus den Ereignissen in Lüdenscheid ziehen kann. Die nächste Sitzung des Krisenstabs ist am Dienstag (1. September).

Missbrauch in der Katholischen Kirche: Bistum Essen bestätigt acht Fälle

Auch die Katholische Kirche hat immer wieder mit dem Bekanntwerden von Missbrauchstaten oder Ermittlungen gegen Pfarrer zu tun. Der Missbrauchsskandal im Bistum Essen hat auch den MK erreicht. Acht Fälle wurden bekannt. Bei einem Pfarrer im MK wurden Kinderpornos gefunden, er wurde verurteilt. Wie ein Missbrauch sich auf das Leben auswirkt, kann Marlies aus dem MK (Name geändert) beschreiben.

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