Ungewöhnlich milde Strafe am Landgericht

Holländer mit 200 Gramm Heroin unterwegs - Ziel: ein Schrebergarten in Lüdenscheid

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Symbolbild

Lüdenscheid - Er hat als Drogenkurier 200 Gramm Heroin aus den Niederlanden in einen Lüdenscheider Schrebergarten geliefert. Trotzdem gewährt das Hagener Landgericht dem 49-Jährigen aus Enschede noch eine Bewährungschance.

Der holländische Drogenkurier (49) ist mit Gepäck zum Landgericht angereist. Er braucht es aber allenfalls für eine Übernachtung vor der Rückreise nach Enschede – nicht für den Knast. 

Denn obwohl er 200 Gramm Heroin zu einem Schrebergarten in Lüdenscheid gebracht hat, kommt er mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren davon. 

Chronologie eines Ermittlungsverfahrens

22. Juni 2017: Die Ermittler sind einem Pärchen per Telefonüberwachung auf die Spur gekommen. Es hat in den Niederlanden bei einem Dealer eine Ladung „Schokolade“ bestellt – in der Drogenszene ein Synonym für Haschisch. 

Der Dealer gibt einem Taxifahrer die Adresse und eine Tasche und schickt ihn los. „Ich dachte, ich transportiere Marihuana“, sagt der Angeklagte zu Richter Jörg Weber-Schmitz. In die Tasche habe er gar nicht reingeguckt. 

Als er seinen Auftrag erledigt hat – 400 Euro hat ihm der Dealer bezahlt – schlägt die Kripo zu. Das Pärchen und der Kurier wandern in U-Haft, das Heroin und 1800 Euro aus dem Volvo des Holländers werden sichergestellt. 

Dann hat der 49-Jährige Glück: Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Dirk Löber, beantragt wenige Tage nach der Festnahme einen Haftprüfungstermin. Doch die Ermittlungsakte liegt weder dem Verteidiger noch dem Haftrichter vor. Was soll man da prüfen? Amtsrichter Andreas Lyra lässt den Beschuldigten laufen. 

Volles Geständnis veranlasst zu mildem Antrag

Zum Prozess gegen die Abnehmer der illegalen Fracht erscheint der Drogenschmuggler nicht. Das Pärchen wird zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Jetzt, knapp zwei Jahre nach dem Zugriff der Polizei, sitzt der Mann aus Enschede auf der Anklagebank, bemüht sich um einen guten Eindruck und legt kleinlaut ein volles Geständnis ab. 

Das und seine bisher blütenreine Weste veranlassen Staatsanwalt Jörn Esken zu einem ungewöhnlich milden Antrag: zwei Jahre mit Bewährung wegen Beihilfe zum Drogenhandel und illegaler Einfuhr von Rauschgift in nicht geringer Menge. 

Das strafrechtlich als noch geringe Menge deklarierte Maß ist laut Esken um das 65-fache überschritten. Die Kammer erkennt trotzdem auf eine Strafe „am untersten Rand“, wie der Richter in seiner Urteilsbegründung sagt. 

Lebensgeschichte eines gescheiterten Buchhalters 

Ob der Verurteilte seine Kontakte zur Drogenszene abgebrochen hat, wird nicht erörtert. Klar ist aber: Er ist kein Taxifahrer mehr. Der gelernte und hoch verschuldete Buchhalter schiebt Nachtschichten als Transportarbeiter. 

Vor acht Jahren, berichtet er, habe er alles hinter sich lassen wollen – und wanderte mit seiner Freundin nach Kanada aus. „Aber sie hat dort nach zweieinhalb Monaten Schluss gemacht.“ 

Er kehrte nach Enschede zurück, der Kontakt zu Eltern und Geschwistern erstarb „irgendwie“. In Kanada wurde seine Tochter geboren. „Ich habe das Kind noch nie gesehen.“ 

Der Richter will mehr über die derzeitige Stelle des 49-Jährigen wissen. Er berichtet, dass er Lastwagen belädt, die die Gastronomie beliefern. Weber-Schmitz: „Aha! Also Ketchup, Senf und Mayo für die Frikandels Speciaal, nehme ich an.“ 

Der Kurier lächelt. Dann rafft er sein Gepäck zusammen und fährt wieder nach Hause.

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