Milde Strafe für Räuber, weil Überfall-Opfer keine Patrone in der Pistole erkennen konnte

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Lüdenscheid/Hagen – Weil der Zeuge nicht mehr sicher gewesen ist, ob er tatsächlich eine Patrone in der auf ihn gerichteten Pistole gesehen hatte, kamen zwei Räuber, die eine Tankstelle in Lüdenscheid überfallen haben, mit einer geringeren Strafe davon.

Zwei Räuber, die am Ersten Weihnachtsfeiertag 2018 die Aral-Tankstelle an der Werdohler Landstraße überfielen, bekommen trotz unsicherer Erfolgsaussichten eine Therapiechance in einer Entzugsklinik. Sollten sie diese erfolgreich absolvieren, würde ein erheblicher Teil der verhängten Haftstrafen nach kurzer Haft und zwei Jahren Therapie in der „Geschlossenen“ zur Bewährung ausgesetzt.

Die Kammer verurteilte den 52-jährigen Angeklagten wegen schwerer räuberischer Erpressung zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und drei Monaten. Sein 36-jähriger Mittäter müsste ohne Therapieerfolg für fünf Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Bei ihm kamen noch weitere Straftaten hinzu: mehrfaches Fahren ohne Fahrerlaubnis und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort in zwei Fällen.

Bei beiden Angeklagten stellte sich die Frage, ob sie einen Mitarbeiter der Tankstelle mit einer geladenen Waffe bedroht hatten: Der Zeuge ist sich aber nicht mehr sicher gewesen, ob er tatsächlich eine Patrone in der auf ihn gerichteten Pistole gesehen hatte. Die Kammer ging deshalb nicht von einem besonders schweren Fall der räuberischen Erpressung aus, was die Mindeststrafe von fünf auf drei Jahre senkte.

Bei beiden Tätern gingen die Richter außerdem von einer verminderten Steuerungsfähigkeit aus: Durch jahrelangen intensiven Missbrauch harter Drogen drohten ihnen aus Geldmangel heftige Entzugserscheinungen. Die Täter hätten aber offensichtlich noch sehr genau gewusst, was sie taten: Als sie auf dem Weg zu einer Tankstelle in Schalksmühle geblitzt wurden, kehrten sie um und fuhren zu einem anderen Tatort. Einen minderschweren Fall nahm die Kammer nicht an. Die Vorsitzende Richterin Dr. Bettina Wendlandt mahnte, den Einsatz einer vermutlich ungeladenen Waffe nicht überzubewerten: Aus der Perspektive des Opfers gehe davon eine unverminderte Bedrohung aus.

Die Verlesung eines Urteils aus dem Jahr 2012 machte deutlich, warum der 52-Jährige wenige Wochen vor dem Überfall auf die Aral-Tankstelle aus der Haft entlassen worden war: Er hatte im August 2011 nach ähnlichem Muster den Toom-Markt in Lüdenscheid überfallen, einer jungen Kassiererin eine halbautomatische Waffe an den Kopf gehalten und war mit 550 Euro Beute im Auto einer Kundin geflüchtet, nachdem er auf eine Wand geschossen hatte. Nach einem Drogenkauf in Dortmund hatte er den Audi bei der Rückkehr nach Lüdenscheid bei einem Unfall schwer beschädigt.

Nach mehreren gescheiterten Therapie-Versuchen im Maßregelvollzug waren die Aussichten für den weiterhin drogenabhängigen 52-Jährigen, ein straffreies Leben zu beginnen, denkbar schlecht. Verteidiger Heiko Kölz kritisierte „fehlende Hilfestellungen“ für entlassene drogenabhängige Straftäter.

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