Mehr Scheidungen auf dem Rücken der Kinder

LÜDENSCHEID ▪ Wenn ein Ehestreit auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird, „dann bewegt mich das“, sagt Rechtsanwältin Barbara Tiedemann-Keil (58). Und beugt sich am Schreibtisch kurz und energisch nach vorne. „Da muss man einschreiten! Sonst bleiben die auf der Strecke.“

Das klingt wie ein Glaubensbekenntnis. Und hat für die Familienrechtlerin oberste Priorität. 30 Jahre ist es her, dass die gebürtige Lüdenscheiderin ihre Zulassung bekam. 30 Jahre, in denen der Gesetzgeber das Scheidungsrecht dem rapiden sozialen Wandel anzupassen versucht hat.

Wie gut das gelungen ist, darüber herrschen unterschiedliche Auffassungen. Unterhalt zahlende Männer werden die Folgen der rechtlichen Lage anders einschätzen als unterhaltsberechtigte Frauen. Und doch habe sich die Entwicklung dem alten Grundsatz „Justitia fiat“ („Es soll Gerechtigkeit geschehen“) weitgehend angenähert, sagt die Juristin. „Dieser alte Grundsatz ‘Einmal Chefarzt-Gattin, immer Chefarzt-Gattin’, der gilt schon längst nicht mehr.“

Als Barbara Tiedemann-Keil 1982 als Angestellte in die Kanzlei des Rechtsanwalts Karl-Werner Lohmann an der Philippstraße einstieg, war die allgemeine Rollenverteilung zwischen Eheleuten klar festgelegt. „Das klassische Alleinverdiener-Modell.“ Der Großteil der Bevölkerung habe sich nach einer Scheidung „nicht gesellschaftsfähig“ gefühlt, erinnert sich Tiedemann-Keil. Dass sich Eheleute trennen, galt demnach nicht nur in einer Kleinstadt als Skandal und sprach sich in Windeseile herum.

Warum sich die Anwältin, die anfangs alle Fälle „quer durch den Garten“ bearbeitet hat, ausgerechnet das Familienrecht als Spezialgebiet ausgesucht hat, hat sie schnell erklärt. „Der Bedarf zeichnete sich mehr und mehr ab.“ Und klar war auch: Frauen konsultieren in Scheidungsangelegenheiten lieber Rechtsanwältinnen. Rund 60 Prozent ihrer Klienten, sagt Barbara Tiedemann-Keil, sind weiblich.

Ob Männlein oder Weiblein – die Familienrechtlerin macht nach 30 Jahren Praxis stets ähnliche Beobachtungen. „Jede Scheidung geht ihren Weg. Erst sind Mandanten wie gelähmt, dann wieder hochgepuscht und voller Aggression. Im Laufe der Zeit geht die Kurve dann wieder runter.“

Aber Zeit, auch das hat die Rechtsanwältin erfahren, Zeit heilt eben nicht alle Wunden. „Sondern nur, wenn man sich mit seinem neuen Leben arrangiert und für sich nach vorne schaut.“

Das ist für Kinder schwerer zu verstehen, trotz modernerer Unterhalts- und Sorgerechtsregeln. Aber Gerichte gehen schonender mit Kindern um als noch vor 30 Jahren. Barbara Tiedemann-Keil: „Ich erinnere mich an ein Verfahren, da saß ein 14 Jahre junges, völlig eingeschüchtertes Mädel auf dem Zeugenstuhl mitten im Gerichtssaal und sollte eine Aussage machen. Rechts saß der Vater, links die Mutter.“ Und nach dem Prozess stand die Rechtsanwältin auf dem Flur, „und da habe ich erstmal einen Streifen geheult“.

Generell erscheine es ihr, dass „Machtkämpfe zwischen Scheidungsgegnern über das Sorge- und Umgangsrecht ausgetragen werden“, sagt die 58-Jährige. Der Trend zeige, dass ein Jugendamtsbericht als Entscheidungshilfe nicht mehr reiche. „Die wechselseitigen Vorwürfe sind immer häufiger so immens, dass wir allein aufgrund mündlicher Verhandlung mit Anhörung des Jugendamtes nicht mehr um ein familienpsychologisches Gutachten herumkommen.“ Das sei sicherlich schonender als ein Auftritt von Kindern und Jugendlichen vor Gericht. „Im Prinzip“ seien die Entscheidungen des Familiengerichts „gerechter“ geworden, sagt die Juristin.

Der tägliche professionelle Umgang mit Menschen, die gestresst sind oder enttäuscht oder die sich betrogen fühlen, hat Barbara Tiedemann-Keil geprägt. Und hat ihr, die seit 29 Jahren „sehr glücklich“ verheiratet ist, etwas über Grundregeln des Zusammenlebens aufgezeigt. „Natürlich müssen die Gefühle füreinander noch da sein. Und dann ist es sehr wichtig, sich im Alltag und darüber hinaus gegenseitig unbedingt zu respektieren.“ Auch das entspricht dem Grundsatz: „Justitia fiat!“

Olaf Moos

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