Überraschende Zahlen

Mehr Prostituierte in MK: Der Grund ist ein deutschlandweit agierender Escort-Service

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Frauen aus Südosteuropa, die im Rotlichtgewerbe arbeiten, kommen zumeist aus schwierigen Lebensverhältnissen und sind oft Analphabeten.

Lüdenscheid - Ende 2018 waren im Märkischen Kreis mehr als 100 Prostituierte gemeldet. Die hohe Zahl überraschte selbst den Mann vom Fachdienst Gesundheit und Soziales.

„Gut gemeint ist nicht unbedingt auch gut gemacht.“ Rudolf Mann, im Fachdienst Gesundheit und Soziales beim Märkischen Kreis unter anderem zuständig für die „verpflichtetende Beratung nach dem Prostituiertenschutzgesetz“, sieht dessen Auswirkungen doch eher kritisch. Das seit Mitte 2017 geltende Gesetz sollte die Rechte und Positionen der „Dienstleisterinnen im sexuellen Gewerbe“ stärken, doch tatsächlich würden immer mehr Frauen in die Illegalität getrieben.

In dem rund einstündigen Gespräch solle zum Beispiel abgeklärt werden, ob die Dienstleistung freiwillig angeboten werde. „Keiner sagt doch in der ersten Stunde, das mache ich nicht freiwillig.“ 2017 erfolgten 38 Beratungen im Gesundheitsamt, ein Jahr später waren es schon 73, in diesem Jahr erfolgten bereits elf Beratungen. 

Die Anmeldung als Prostituierte gilt für zwei Jahre, der Austausch mit dem Gesundheitsamt muss jährlich erfolgen. „Ende vergangenen Jahres hatten wir im Kreisgebiet 111 Damen angemeldet“, so Mann, der seit vielen Jahren als Fachmann für die Aids-Beratung tätig ist und in vielen öffentlichen Veranstaltungen immer wieder für das Thema sensibilisiert. Die hohe Zahl habe ihn selbst überrascht, sei aber einfach zu erklären und lasse überhaupt keine Rückschlüsse auf die Situation vor Ort zu.

Von Kiel bis Berchtesgaden

Denn: Die Damen eines Escort-Services mit Sitz in Lüdenscheid mussten sich seinerzeit noch im Kreishaus beraten lassen. „Die Frauen kamen von Kiel bis Berchtesgaden hierher“, erinnert sich Mann. Tatsächlich habe es sich vor Ort nur um das Büro gehandelt, die Vermittlungen liefen bundesweit übers Internet. Inzwischen erfüllten alle Bundesländer die Gesetzesanforderungen zur Beratung, sodass die Dienstleisterinnen künftig das Prozedere an ihrem Wohnsitz erledigen können und dafür nicht mehr das Kreishaus aufsuchen. „Das läuft jetzt aus wie eine Welle.“ 

Die Gespräche, so Mann, behandelten nicht nur die Themen Gesundheit und Vorsorge, sondern auch bürokratische Erfordernisse: die freiwillige Krankenversicherung mit der Anmeldung beim Ordnungsamt und schließlich auch die Meldung an die Finanzbehörde mit der Pflicht, Steuern zu zahlen. „Damit erreichen wir nicht die, die wir eigentlich ansprechen wollen.“ Gerade Frauen aus Südosteuropa kämen vermehrt aus prekären Verhältnissen und seien oft Analphabeten, die nicht ihren Namen schreiben könnten. „Solche Personen gleiten schnell ins Illegale ab.“

Klarnamen bei Behörden

 Insgesamt gebe es im Kreis 15 Traditionsbetriebe – kleine Clubs und die „klassischen Zimmervermieter“. Zur zweiten Kategorie habe auch die bekannte „Miss Sophie“ aus Altena mit ihren beiden tischhohen Doggen gezählt“, erinnert sich Mann. „Sie verkaufe lediglich Getränke, die Freizeitbeschäftigung der Damen gehe sie nichts an“, war der Standardspruch. Mittlerweile sei das Gebäude abgerissen und über den Verbleib von „Miss Sophie“ sei nichts bekannt.

 Die Klarnamen der Anbieterinnen aus dem horizontalen Gewerbe sind den zwar Behörden bekannt, auf den ausgestellten amtlichen Bescheinigungen tauche dann aber nur ihr „Künstlername“ auf. „So wird verhindert, dass die Frauen erpressbar werden.“ Insgesamt, sagt Mann, ist die Szene extrem mobil – erst recht durch das Internet. „Wir bekommen auch nicht alles mit."

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