Lizenz zur Hofschlachtung

Ohne Massentierhaltung, ohne Tiertransporte: Rinder-Steaks aus dem MK

Rinder auf der Weide
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Glückliches Rinderleben: Auf dem Hof Link zwischen Fernhagen und Belkenscheid soll es den Rindern aus der Limousin-Kreuzung an nichts fehlen.

Auf dem Hof Link zwischen Fernhagen und Belkenscheid steht das Tierwohl im Vordergrund. Die Rinder sollen einen glückliches Leben haben - und keinen Stress vor dem Gang ins Schlachthaus.

Lüdenscheid/Kierspe – Auf der Suche nach dem glücklichen Rind und dem besonders gesunden, wohlschmeckenden Steak von diesem Rind ist es möglich, sich der Sache von zwei Seiten aus zu nähern. Von der Volmestraße aus zwischen Oberbrügge und Kierspe natürlich, aber eben auch von Lüdenscheid aus über die Homert. Irgendwo im Nirgendwo zwischen dem kleinen Örtchen Fernhagen und dem nicht viel größeren Örtchen Belkenscheid liegt ein wenig im Tal der alte Hof Viebahn, der nun der Hof Link ist. Zielort erreicht. Hier wartet es, das glückliche Rind.

Es ist einer dieser Natur-Pur-Wohlfühlorte, in direkter Nachbarschaft noch tiefer im Tal schaut der Gast auf einen Fischteich. Die reine Idylle, doch an diesem Nachmittag schüttet es in einem durch. Der Boden ist tief. Die Rinder stehen auf der Weide, und sie sehen – nun ja – bemitleidenswert aus. Auch glückliche Rinder haben weniger glückliche Stunden. Kein Tag ist wie der andere.

Tanja Link wartet mit dem Nachwuchs und den beiden Hofhunden schon. Den Vierbeinern scheint die Nässe nichts auszumachen, sie sind Energiebündel. Während ihr Mann Florian die Landwirtschaft, Forstwirtschaft und den Hof im Nebenerwerb mitbetreibt, ist Tanja Link die „Chefin“ des Hofes. Eines Hofes mit inzwischen 50 Rindern und einer Tonne verarbeitetem Fleisch pro Woche. Ein Wachstumsmarkt.

Glückliches Rind: Nur 80 Meter bis ins Schlachthaus

„Angefangen haben wir mit zwei Tieren, einem Hektar Land und einem 35-PS-Trecker“, sagt Florian Link, der selbst von einem Bauernhof an der Homert kommt. Dort wohnt die Familie – Vater, Mutter, drei Kinder und der zwei Jahre alte Jasper, eine Seele von Hund – derzeit auch noch, doch der Umzug zum Hof in Fernhagen ist fürs Jahr 2022 fest geplant. Schon bald soll hier ein neues Wohnhaus entstehen neben dem alten Hof, in dem die 85-jährige Seniorin Viebahn mit ihrer Hündin wohnt. Rüstig und engagiert wie eh und je, bekocht sie das Personal täglich. Die Links wissen, was sie an ihr haben…

Doch zurück zum lieben Vieh, also zu den Rindern. Limousin-Kreuzungen sind es hier zwischen Fernhagen und Belkenscheid. Und die Idee am Hof Link ist eine, die in die Zeit passt: Die Großproduktion, die Großmetzgereien sind immer mehr in Verruf geraten. Die Links wollen mit dem Gegenansatz punkten: Rindfleisch ohne Massentierhaltung, fragwürdige Ernährung, ohne Stress vorm Schlachten. Der Kunde soll das schmecken können.

Vor zwölf Jahren war es, als die Links den Hof übernommen haben. Der Hof wuchs, hatte immer mehr Rinder, die aber zum Schlachten weiterhin in ein Schlachthaus gefahren werden muss. Nach einem noch so glücklichen Leben bedeutet diese Fahrt fürs Tier vor alleim eines: Stress. Und Stress bedeutet eine Minderung der Fleischqualität.

Familie Link und der Rinder-„Kindergarten“ im 2019 gebauten Kaltklimastall: In den Wintermonaten finden die Rinder hier bei fünf Grad Celsius und windgeschützt optimale Bedingungen vor.

Also entwickelten Tanja und Florian Link einen Plan: Im ersten Schritt bauten sie im Jahr 2019 einen neuen Kaltklimastall für ihre Rinder, hochmodern mit Massagebürsten fürs liebe Vieh, dem es an nichts fehlen soll. Hier trifft man gerade unter anderem den „Kindergarten“, wie Florian Link die Abteilung mit den Jungrindern nennt. Es ist an diesem Tag zu nass, sie dürfen nicht auf die Weide. Der Kaltklimastall bietet für den Winter optimale Bedingungen. Windgeschützt bei fünf Grad Celsius fühlen sich die Rinder hier am wohlsten in dieser Zeit.

Nach dem ersten Schritt folgte 2020 der zweite: Auf dem Areal des alten Stalls und der Bodenplatte entstand ein neues, EU-zertifiziertes Schlachthaus mit angrenzendem Kühlhaus. Mitten in der Landschaft kann nun geschlachtet, zerlegt und gekühlt werden. Zum Teil finden auch Lohnschlachtungen von Kunden aus Hagen oder Olpe statt, vor allem aber natürlich die Schlachtungen für den eigenen Bedarf. „Damit hat das Rind von der Weide bis zum Schlachthaus noch 80 Meter“, sagt Florian Link. Kein Transport mehr, der Stress bedeutet. „Und wenn ich das Gefühl habe, dass die Situation dem Tier gerade Stress macht, dann kann man die Schlachtung auch einen Tag verschieben. Der Schlachtprozess sollte so stressfrei wie möglich ablaufen. Es hilft ja nichts, wenn die Rinder eineinhalb Jahre ein gutes Leben haben und dann direkt vor dem Schlachten Stress. Das Tierwohl steht an erster Stelle.“

Der Schlachtprozess sollte so stressfrei wie möglich ablaufen. Es hilft ja nichts, wenn die Rinder eineinhalb Jahre ein gutes Leben haben und dann direkt vor dem Schlachten Stress.

Florian Link

Fürs Schlachten und Zerlegen haben die Links inzwischen ein bewährtes dreiköpfiges Metzgerteam. Sie selbst sind da nicht vom Fach. Das Kommissionieren, Vakuumieren und in Pakete verpacken übernimmt Tanja Link danach aber selbst. Ihr Mann Florian ist mit einem weiteren Angestellten eher im Bereich der Land- und Forstwirtschaft auf inzwischen 60 Hektar Fläche aktiv. Auch dies mit Bewandtnis für das glückliche Leben der Rinder, denn alles, was verfüttert wird, zieht Florian Link selbst aus seiner Landwirtschaft. Inzwischen mit größeren Maschinen, die es ihm ermöglichen, zur besten Ernteschnittzeit das Futter für die Rinder zu generieren.

Und der Verkauf? Irgendwann, wenn das Wohnhaus fertig ist, wollen die Links das Projekt Hofladen in Angriff nehmen, eins nach dem anderen. Aktuell verkauft Tanja Link direkt aus dem Schlachthaus heraus – die Kunden melden sich telefonisch. Ein bisschen Werbung in lokalen Blättern, ein bisschen auf dem Internetportal landservice.de, der Homepage des Landwirtschaftsverbandes. Dazu jede Menge Mund-zu-Mund-Propaganda.

So ging es über Jahre, so wuchs das Geschäft. Und als auf dem Hof Link das Schlachthaus gebaut wurde und der Verkauf ein Jahr brachlag, da folgte danach im Herbst 2020 mitten in der Corona-Pandemie ein Neustart, der alle Erwartungen übertraf. „Wir hatten direkt den doppelten Absatz gegenüber vorher“, sagt Tanja Link, „mittlerweile kennen wir nicht mehr jeden Kunden persönlich…“ Wie auch? Die Kunden kommen zwar vielfach aus Lüdenscheid und Kierspe, aber eben auch aus Castrop-Rauxel und sogar aus Bayern. Neben dem eigenen Rindfleisch und den Eiern von 30 freilaufenden Hühnern, die die Links im Garten des Hofes an der Homert halten, gibt es auch Nudeln, Öl und Weizenprodukte aus der Region. Honig und Käse sollen für den Hofladen irgendwann dazukommen. Regionale Produkte eben.

Roastbeef und Rouladen zum Weihnachtsfest hoch im Kurs

„Die Corona-Zeit hat gezeigt, dass die Leute selbst wieder mehr kochen, vor allem aber haben sie am Hof anonym und stressfrei einkaufen können“, sagt Florian Link, „ein Anruf, ein Kilogramm Hackfleisch – alles unkompliziert.“ Ehefrau Tanja ergänzt: „Früher haben die Kunden mehr auf einmal gekauft, heute kaufen sie weniger, kommen aber öfter…“ Es bedeutet, dass vieles schwerer zu kalkulieren ist als früher. Zwar können sie sehr flexibel auf Anfragen reagieren und schlachten.

„Aber das Fleisch muss immer 14 Tage abhängen“, sagt Florian Link – von heute auf morgen geht nichts. Tanja und Florian Link – sie haben sich jedenfalls mit dem Hof ihren Traum erfüllt oder sind zumindest auf dem Weg dorthin. Sie planen den Hausbau, den Hofladen, doch danach wartet schon die nächste Herausforderung: Es fehlt angesichts des Wachstums an Lagerflächen.

Eins nach dem anderen, und zwischendurch Weihnachten. Das ganz besondere Geschäft, wenn die Kunden neben Wurst und Hackfleisch auch vermehrt Rouladen und Roastbeef anfragen, auch Gutscheine und Geschenke. Ein Stück Fleisch vom glücklichen Rind, schön verpackt. Es soll das Glück weitertragen zum Beschenkten. Aus der Idylle zwischen Fernhagen und Belkenscheid hinaus in die Stadt und auf den Teller. Ganz früher war das auch mal so: Vom Bauernhof ging es zum vornehmen Kunden, der es sich schmecken ließ. Die Zukunft, sie ist gar nicht so neu, sie kommt aus der Vergangenheit.

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