„Jetzt kann ich loslassen“

Marlies Körner verlässt Schwangerenberatung bei donum vitae

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Marlies Körner leitete 15 Jahre donum vitae. Eine Packung mit Taschentüchern stand immer bereit.

Lüdenscheid - „Ich habe immer alles an der Tür abgegeben. Ihren Selbstwert müssen die schwangeren Frauen nicht durch meine Brille erkennen. Ich habe sie immer so genommen wie sie sind“, sagt Marlies Körner. „Und sie haben ja alle auch was geschafft, bei allen Selbstzweifeln und Herausforderungen, die ihre Schwangerschaft mit sich bringt.“

Jetzt schließt die 58-Jährige diese Tür hinter sich ab und hört nach 15 Jahren Schwangerenberatung bei donum vitae auf. „Ich habe mit vielen geheult und gelacht. Hier war für viele der Ort, an dem sie sich alles von der Seele reden konnten. Weil sie keinen hatten, mit dem sie über ihre Probleme reden konnten.“ Ein hohes Maß an Vereinsamung habe sie bei den Frauen wahrgenommen in diesen Jahren. „Keiner war da – ob in der Familie oder unter Freunden –, der ihnen exklusiv zuhörte.“

Marlies Körner, Diplom-Sozialpädagogin, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin und Heilpraktikerin (Psychotherapie) hörte ihnen zu, arbeitete daran, in Gesprächen kleine Erfolgsschritte zu erspüren, sie den Frauen bewusst zu machen, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken. „Sie fühlen sich ja manchmal selbst noch so klein, brauchen selbst noch Erziehung.“ Das war die eine Aufgabe, die andere betraf den Schutz der kleinen Lebewesen, die noch gar nicht auf der Welt waren. „Ich spreche für die dritte Person, die nichts sagen kann.“ Letztlich sei es aber die Entscheidung der Frauen, ein Kind zur Welt zu bringen oder nicht. 99,9 Prozent träfen diese Entscheidung nicht leichtfertig. Die Gründe, warum sie donum vitae aufsuchen sind vielfältig: Armut, Bezug von Hartz V, keine Ausbildung, alleinerziehend, die Herkunftsfamilie fehlt, Religion, Überforderung, weil schon Kinder da sind, Probleme mit dem Partner. Es gibt tausende von Gründen. „Ich weiß meistens nicht, was nach der Beratung dann passierst. Sie bekommen den erforderlichen Beratungsnachweis und ich erfahre nicht, wie es ausgeht. Manchmal kommen nach Jahren Mütter und stellen mir ihre Kinder vor“, sagt Marlies Körner.

Es bleibt aber nicht immer bei einem Gespräch. Manche Frauen benötigen dauerhafte Unterstützung. So können nach Monaten oder Jahren noch einmal Dinge aufbrechen, mit denen man nicht gerechnet hat, die man eigentlich schon in einem Aktenordner im Kopf abgeheftet hat. „Plötzlich öffnet er sich wieder. Ein Abbruch oder eine Fehlgeburt lassen Trauer und Schuldzweisungen und Selbstzweifel aufkommen. Jeder trauert anders und man muss ihn dabei so lassen, wie er ist.“

304 Beratungen im Jahr waren es, als Marlies Körner 2001 begann. Heute sind es 800. Marlies Körner hat als Leiterin mit ihrem Team – „das ist ein tolles Team hier“ – wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Schwangerenberatungsstelle an der Augustastraße etabliert hat. „Ich war immer mit viel Herzblut und Empathie dabei. Vieles berührt einen, und das kann man auch nicht so einfach wegdrücken. Man braucht dann Gesprächspartner, mit denen man darüber reden kann.“

Jetzt aber empfinde sie eine zunehmende Belastung und habe sich deshalb entschieden, aufzuhören. „Ich bin am Limit“, sagt sie. „Jetzt kann ich loslassen und möchte selbstbestimmter arbeiten.“ Ihre psychotherapeutische Praxis in Plettenberg will sie weiterführen, und was noch kommen mag, lässt sie offen. „Es soll sich finden, was ich weitermache. Es ist eine Chance, die ich mir erlauben kann“, sagt Marlies Körner.

Das Foto entsteht auf einem Sofa im Beratungszimmer. Vor ihr auf dem Tisch steht die Packung mit Taschentüchern. Ja, viel gelacht und geweint hat sie hier mit den schwangeren Frauen. Das Telefon klingelt. Sie geht noch einmal ran. Ein letztes Mal, bevor sie die Tür hinter sich schließt und demnächst bestimmt wieder eine neue für sich öffnet.

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