Marihuana-Plantage für den Eigenverbrauch

LÜDENSCHEID ▪ Die Klasse 8 b des Zeppelin-Gymnasiums hat Politikunterricht – und lernt mal wieder fürs Leben, nicht für die Schule. 28 Mädchen und Jungen sitzen im Zuschauerraum und schauen dem Schöffengericht bei der Arbeit zu. Lehrerin Gabriele Odelga-Luft zischt, damit Ruhe einkehrt. Doch spätestens nach Verlesung der Anklageschrift ist das nicht mehr nötig. Gebanntes Schweigen in der 8 b.

Der Angeklagte, ein 42-jähriger Schweißer, ist überzeugter Kiffer. Und hat Angst, vergiftet zu werden. „Es hat schon einen Toten gegeben, weil Blei im Marihuana war“, klärt er den Vorsitzenden Richter Jürgen Leichter auf. Also hat er selbst „Gras“ angebaut, um weiterzuleben. „Ich habe ja schließlich fünf Kinder.“

Und im Kinderzimmer hat er im Frühjahr ’09 ein Loch in den Fußboden gebohrt, bis hinunter in den Keller. Die 400-Watt-Pflanzenlampen brauchten Strom. Lüfter und Ventilator, Wärmefolien, Zeitschaltuhren, stapelweise Torfquelltöpfchen, Abluftschläuche, Dünger, Läusegift – die Polizei fand allerlei Gerätschaften in dem kleinen Verschlag im Keller des Mietshauses. Das Landeskriminalamt nennt das in einem detaillierten Gutachten „sachgemäße Indoor-Zucht“.

Jürgen Leichter spricht von einem „aufwändigen Hobby“. Zwei Aufzuchten misslingen dem Schweißer, zwei schaffen es bis zur Erntereife – 125 Gramm „Gras“, angeblich nur für den Eigenverbrauch. Und eine Portion entsorgt der Familienvater im Wald. „Ich hatte Angst, erwischt zu werden.“ Die Polizei findet kein Pflänzchen mehr.

Doch ein stämmiger Heizungsbauer hatte zuvor eine feine Nase. Als er für Wartungsarbeiten in den Keller hinuntergestiegen war, „war da ein komischer Geruch“, sagt er im Zeugenstand. Und durch die Ritzen eines Verschlages drang Licht. Ehrensache, dass ein aufrechter Handwerker da ’mal genauer hinschaut. So war die Sache für die Drogenfahnder ins Rollen gekommen.

Rechtsanwältin Julia Kusztelak meint, ihr Mandant habe schon genug gelitten. Dessen Ehefrau hat sich von ihm getrennt, „auch wegen dieser Sache“. Das Gericht hat ein Einsehen. Das Urteil lautet: 18 Monate auf Bewährung, 500 Euro Geldstrafe.

Die Klasse 8 b weiß jetzt, wie’s am Gericht zugeht. Und wie man Marihuana anbaut.

Olaf Moos

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