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Mann stirbt im Krankenhaus - Todesnachricht kommt vom Ordnungsamt

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Von: Thomas Machatzke

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Bild vom Krankenhaus Außenansicht
Achim Escherlohr ist am 25. März im Klinikum in Hellersen verstorben. Seine Verwandten erfuhren erst fünf Tage später von seinem Tod. © Cedric Nougrigat

Ein Mensch verstirbt im Krankenhaus, aber niemand sagt den Angehörigen Bescheid. Niemand vom Krankenhaus jedenfalls. Stattdessen meldet sich Tage später das Ordnungsamt wegen des Leichnams. Unglaublich? Ja, aber im Klinikum Hellersen ist es so geschehen.

Lüdenscheid – „Für mich ist das eine Frechheit“, sagt Detlef Escherlohr. Doch die Geschichte, die er erzählt, ist sogar viel mehr. Es ist die Geschichte von einer Unterlassung, von einer Pflichtvergessenheit, die im Gewand einer unerhörten Pietätlosigkeit daherkommt. In jenem Moment, in dem ein leidlich ungeduldiger Mitarbeiter des Ordnungsamtes die schlimmste aller Nachrichten überbringt. Die Nachricht vom Tod eines lieben Verwandten. Einem Moment, in dem der Mitarbeiter des Ordnungsamtes gar nicht weiß, dass er der Überbringer dieser Nachricht ist. Das alles klingt unglaublich, und wahrscheinlich ist es das auch. Aber Detlef Escherlohr, seine Frau Michaele und seine Schwester Ulrike Küthe haben es genauso erlebt. Frechheit ist da ein zu schwaches Wort.

Es ist der 21. März, als Heinz Joachim Escherlohr, den alle nur Achim rufen, ins Krankenhaus kommt. Er ist der Jüngste der drei Geschwister, 61 Jahre alt. Die Hausärztin des inzwischen in Kierspe lebenden Halveraners hat ihm dazu geraten. „Der Schrittmacher sollte neu eingestellt werden“, sagt Detlef Escherlohr. Sein Bruder bekommt schlecht Luft, ist bei leichten Belastungen angestrengt.

Also geht es an diesem Tag ins Klinikum in Hellersen. Dort wird der Bauchraum punktiert, zweieinhalb Liter Wasser werden herausgezogen. Das entlastet ungemein. Die Lunge ist frei. In Hellersen besucht ihn Detlef Escherlohr am Mittwoch, es ist der 23. März. Ein Besuch mit vielen Ärgernissen, angefangen davon, dass anders als von ihm erwartet die 3G+-Regelung für Besucher angewandt wird, nicht die 3G-Regel. Detlef Escherlohr muss sich testen lassen und braucht an diesem Tag eineinhalb Stunden, bis er überhaupt im Klinikum ist. Dort findet man den Bruder anfänglich im System nicht. Aber schließlich kämpft sich Detlef Escherlohr doch durch und findet den Patienten, dem es „relativ gut“ geht, wie Escherlohr später in einem Brief dem Klinikum, aber auch der Ärztekammer Westfalen-Lippe schreibt.

Mann stirbt im Krankenhaus - Todesnachricht kommt vom Ordnungsamt

„Wie er so war, hatte er auch wieder lustige Sprüche auf den Lippen“, stellt Detlef Escherlohr fest. Am Tag danach meldet sich Achim Escherlohr bei seinen Verwandten. Man habe ihn positiv auf das Coronavirus getestet. Er müsse nun auf die Isolierstation, dürfe keinen Besuch mehr empfangen.

Achim Escherlohr spricht an diesem Tag mit seiner Schwester Ulrike, die auch als erste Kontaktperson angegeben ist. Weil sie mit ihrem Ehemann eine Spedition betreibt, sind beide eigentlich immer erreichbar. Es ist das letzte Gespräch mit dem Bruder. Dass der am Freitagmorgen gegen 8.30 Uhr von der Isolierstation auf die Intensivstation verlegt wird, erfahren die Hinterbliebenen erst sehr viel später. Auch, dass er an diesem Freitag, es ist der 25. März, um 10.32 Uhr verstirbt. So steht es im Totenschein. Die Todesursache? Die Familie kennt sie bis heute nicht. „Die Beschwerdestelle des Krankenhauses hat uns mitgeteilt, dass es einen Arztbrief an die Hausärztin geben wird“, sagt Michaele Escherlohr-Spettmann, die am Dienstag vergangener Woche (10. April) mit der Beschwerdestelle gesprochen hat.

Doch zurück zum 25. März. Ulrike Kühne und ihre Tochter aus Hannover versuchen es – natürlich im Glauben, Achim Escherlohr lebe noch – immer wieder, Informationen vom Krankenhaus zu bekommen. Zum Teil werden sie auf die Station durchgestellt, doch eine Auskunft erhalten sie nicht. Das Handy ist aus. So wiederholt es sich täglich bis zum Dienstag. Viele Versuche, kein Erfolg. Die Geschwister sorgen sich um den Bruder. Sie meinen zu wissen, wo er ist, aber es ist kein Herankommen an Informationen über seinen Zustand. Alles bleibt ungewiss.

Wir sind sprachlos und können es einfach nicht verstehen, was da passiert ist!

Detlef Escherlohr im Schreiben ans Klinikum und an die Ärztekammer

Bis zum Mittwochmorgen. Ein Anruf, aber nicht vom Krankenhaus. Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes in Lüdenscheid ist es, der sich bei Ulrike Kühne meldet. Er fragt, „wann denn nun endlich der Leichnam abgeholt werde“. Wann – denn – nun – endlich – der – Leichnam – abgeholt – werde: Worte können so verletzend sein, so erschütternd. Sie können einem den Boden unter den Füßen wegreißen. „Meine Schwester ist bald vom Hocker gefallen, da bisher keiner wusste, dass mein Bruder verstorben war“, schreibt Detlef Escherlohr später, der selbst an diesem Mittwoch direkt mit seiner Frau ins Krankenhaus fährt, um die Sachen abzuholen. Die Sachen sind auf zwei Stationen verteilt, aber es geht ihm nicht nur um die Sachen.

Er will vor allem wissen, was passiert ist, woran sein Bruder verstorben ist. Er fragt nach, aber niemand kann ihm helfen. Das Personal kennt seinen Bruder in Teilen gar nicht, es hat gewechselt. Wieder zu Hause, stellt Detlef Escherlohr fest, dass Geldbörse, Ausweis, Handy und Krankenkassenkarte fehlen. Er fährt noch einmal nach Hellersen und findet diese Dinge auf der Covid-Station. Wieder die Nachfrage: Was ist passiert? Wieder weiß es niemand zu sagen.

Die Geschwister und Angehörigen wissen bis jetzt nicht, was am 25. März passiert ist. Michaele Escherlohr-Spettmann sagt, dass sich die Beschwerdestelle bei ihr entschuldigt habe, dass man dem Ganzen auf den Grund gehen wolle. Vielleicht, hat die Dame von der Beschwerdestelle gesagt, habe man an diesem 25. März erfolglos versucht, die Schwägerin zu erreichen. Escherlohr-Spettmann glaubt das nicht, die Spedition wird prüfen, ob es einen unbeantworteten Anruf gegeben hat. Alle Anrufe sind dort gespeichert.

Das Fahnden nach der Todesursache geht weiter

Aber selbst wenn: Die Benachrichtigung der Angehörigen eines Verstorbenen ist keine Aufgabe, bei der man nach einem missglückten Versuch aufgibt. Keine Aufgabe, die irgendwann später erledigt werden kann. Sie ist elementar. Bei aller Ursachenforschung, bei allem Arbeitsaufkommen und aller Überforderung des Personals dieser Tage bleibt ein Fakt übrig: Dass es aus dem Klinikum eine Information ans Ordnungsamt gegeben hat, nicht aber an die Angehörigen.

Der Umstand, dass die Beschwerdestelle am 10. April die Nachfragen nach der Todesursache, die in einem Schreiben vom 2. April klar formuliert sind (mit der Bitte um kurzfristige Beantwortung), nicht klar zu beantworten weiß und auf den Arztbrief verweist, rückt die Dinge auch nicht in ein besseres Licht. Empathische Schadensbegrenzung geht anders.

„Wir sind sprachlos und können es einfach nicht verstehen, was da passiert ist“, hat Detlef Escherlohr in seiner Beschwerde geschrieben, „wir empfinden es als menschenunwürdig. Gerne hätten wir noch mit ihm gesprochen, wenn auch nur telefonisch, oder ihn noch einmal gesehen beziehungsweise Abschied von ihm genommen. Da er aber schon sechs Tage verstorben war, hat uns das Beerdigungsinstitut davon abgeraten, da eine Veränderung des Leichnams schon gravierend ist.“ Die Beisetzung in der nächsten Woche findet am 22. April statt.

Stellungnahme des Klinikums: „„Anrufe leider erfolglos“

„Unser ganzes Mitgefühl gilt selbstverständlich den Angehörigen, denen wir in aller Form unser Beileid aussprechen. Es ist schmerzhaft, sich von einem geliebten Menschen in seinen letzten Stunden nicht mehr verabschieden zu können. Leider ist es nicht gelungen, dass die behandelnden Ärzte trotz mehrfacher Versuche die Angehörige telefonisch nicht erreichen konnten.

Heinz Escherlohr hatte uns als Kontaktperson seine Schwester Frau Ulrike Küthe genannt. Wunschgemäß haben wir die Festnetznummer von Frau Küthe in unseren Unterlagen dokumentiert und hinterlegt. Am Morgen des 25. März versuchte der behandelnde Arzt mehrmals, die Schwester über diese Festnetznummer zu erreichen, um sie über die Verschlechterung des Gesundheitszustandes ihres Bruders zu informieren und Gelegenheit zur Verabschiedung zu geben. Am Abend des gleichen Tages, gegen 23.20 Uhr (Herr Escherlohr war um 22.30 Uhr verstorben), versuchte der betreuende Arzt, Frau Küthe zu erreichen, um sie über das Versterben ihres Bruders zu informieren. Auch diese Anrufe blieben leider erfolglos. Unsere Mitarbeiter nehmen ihre Verantwortung gegenüber Angehörigen sehr ernst, um einen würdevollen Abschied zu ermöglichen.“

Dr. Norbert Jacobs, Pressesprecher Klinikum

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