Mann aus Lüdenscheid verbreitet Angst und Schrecken - Wegsperren oder therapieren?

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Symbolbild

Lüdenscheid - Der Beschuldigte (38) kämpft. Er weiß, was auf dem Spiel steht. „Ich werde hier auf jeden Fall die Wahrheit sagen, ich werde nicht lügen.“ Ob ihm die verzweifelt klingende Ankündigung ein Leben hinter den Mauern einer Psychiatrie erspart, ob ihm Richter und die Staatsanwältin glauben, ob der psychiatrische Sachverständige eine andere Chance als die dauerhafte Unterbringung sieht – das alles soll bis Ende Oktober geklärt sein.

Wäre er gesund, ginge es nur um wenige Jahre Gefängnis. Die Anklägerin hält den in Kreuztal geborenen Mann für hinreichend verdächtig, acht Straftaten begangen zu haben: Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung, Widerstand, Exhibitionismus. 

Doch weil er zur Tatzeit als schuldunfähig galt, weil er alkohol- und drogensüchtig ist und laut Gutachten unter einer paranoiden Schizophrenie leidet und deshalb in einer Lüdenscheider Wohneinrichtung lebt, hat er jetzt ein Sicherungsverfahren am Hals. 

Teilgeständnis 

Neben Rechtsanwalt Thorsten Merz aus Hagen sitzt ein hagerer und fahrig wirkender Mann mit Glatze. „Ich habe keinen Seelenfrieden, ich kann nicht schlafen.“ Doch er habe keine paranoide Schizophrenie, „das weiß ich“. 

Dass er Polizisten und Mitarbeiter in der Einrichtung oft beleidigt hat, „das stimmt“. Eine Backpfeife gibt er auch zu, ebenso einen Tritt in den Rücken eines Betreuers. „Das war dumm.“ Dass er dem Mann bei einer plötzlichen Attacke ein Knie gebrochen hat, streitet er ab. „Der wollte den Helden spielen und ist über eine Bettkante gefallen.“ Mit der Faust habe er auch zugelangt, „aber nicht getroffen“. 

Und dass er vor einer Betreuerin die Hose heruntergelassen hat – „das ist gar nicht wahr“. Doch die ersten Zeugen belasten den Mann. Eine Polizistin sagt, sie sei angegriffen und „aufs Äußerste beleidigt“ worden. Eine Vertreterin der Einrichtung bezeichnet den Mann als „zunehmend unberechenbar“. Das Personal habe Angst vor ihm. 

Ihr Kollege berichtet, kein Mitarbeiter traue sich, allein in sein Zimmer zu gehen. Fast täglich sei der Bewohner aus der geschützten Abteilung entwichen, über den Zaun geklettert und in die Innenstadt gegangen. „Wenn er zurück kam, war er betrunken und bekifft.“ Und aggressiv. Baulich und personell sei das Haus nicht zur Betreuung des Beschuldigten geeignet. 

„Nicht therapiefähig“ 

Der Therapeut spricht sich für die Verlegung in eine Fachklinik aus, in der auch die Suchterkrankung behandelt wird. Doch der psychiatrische Sachverständige, Dr. Michael Mattes aus Dortmund, hält den Mann nicht für therapiefähig. 

Der Beschuldigte, inzwischen in der forensischen Klinik für psychisch kranke Straftäter in Lippstadt-Eickelborn untergebracht, gibt einen kurzen Einblick in sein Seelenleben. Er spricht über seine Selbstmordversuche, seine Sucht nach Drogen und Alkohol. „Manchmal habe ich zwei Flaschen Jägermeister und ein Sixpack Bier am Tag geschafft.“ 

Die 1. große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Jörg Weber-Schmitz wird weitere Zeugen vernehmen.

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