Viele Familien stehen vor großen Problemen

Mann kann wegen Corona nicht arbeiten: Gewaltausbruch vor den Kindern

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Das Risiko für Stress- und Konfliktsituationen war bei einem weitgehend abgeschotteten Zusammenleben überall groß, aber wie musste es erst für Frauen und Kinder sein, die in häuslichen Gewaltbeziehungen leben? (Symbolfoto)

Lüdenscheid – Die Wochen des Lockdowns bedeuteten für viele Familien eine besondere Herausforderung. In einem Fall wurde das bei einer Familie zu einem großen Problem - ein Nachbar alarmierte die Polizei.

Das Risiko für Stress- und Konfliktsituationen war bei einem weitgehend abgeschotteten Zusammenleben überall groß, aber wie musste es erst für Frauen und Kinder sein, die in häuslichen Gewaltbeziehungen leben?

Das Team der Frauenberatungsstelle MK ist überzeugt, dass sich das Risiko für die Häufung und die Intensität von häuslicher Gewalt in Paarbeziehungen und Familien deutlich erhöht hat, zumal Spuren von Gewalt durch fehlende soziale Kontakte über die Familie hinaus fehlten. Bislang habe es aber keinen erhöhten Beratungsbedarf gegeben, sagt die Leiterin der Beratungsstelle, Stefanie Seppelt. „Aber ich glaube, das kommt noch.“ 

Streit um offene Rechnungen und Schulden

Stefanie Seppelt erzählt von einer Frau, die selbst von Kurzarbeit betroffen ist und ihre drei kleinen Kinder zu Hause betreuen und unterrichten musste. Außerdem war der Ehemann, der eine kleine Gastronomie betreibt, die corona-bedingt geschlossen war, nun den ganzen Tag zuhause. 

Bei einem Streitgespräch um offene Rechnungen und Schulden sei es zum Gewaltausbruch vor den Augen der Kinder gekommen. Ein aufmerksamer Nachbar habe die Polizei alarmiert, die den Ehemann für zehn Tage aus der Wohnung verwiesen hat. 

Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle haben in mehreren telefonischen Beratungsgesprächen gemeinsam mit der Frau nach Lösungen gesucht. Wobei diese hin und her gerissen gewesen sei, sich aus der Gewalt-Beziehung zu lösen, und dem Verantwortungsgefühl für den Ehemann. Sie habe sich schließlich entschlossen, mit den Kindern einen sicheren Ort aufzusuchen. 

Nicht alle Betroffenen holen sich Hilfe

Solche Situationen und Fragestellungen seien ganz typisch, insbesondere für diese Zeit, erklären die Beraterinnen: Wo soll der Ehemann hin, wenn doch Kontaktsperre herrscht? Was wird aus den Schulden? Dazu Selbstzweifel, weil die Betroffenen gereizt und die Kinder in dieser schwierigen Situation zusätzlich angespannt sind. 

Die Beraterinnen wissen aber auch, dass nicht alle Betroffenen es schaffen, sich Hilfe zu holen. Stefanie Seppelt und Jessica Mäkilä appellieren an eine insgesamt erhöhte gesellschaftliche Achtsamkeit. „Hilfreich ist es, wenn Kontaktpersonen, zum Beispiel Nachbarn, ein offenes Ohr haben, Hilfen anbieten und notfalls die Polizei rufen.“

Häusliche Gewalt gibt es in allen Schichten

Mit den Lockerungen hätten die Frauen wieder leichter die Möglichkeit, sich Hilfe zu holen. Grundsätzlich komme häusliche Gewalt in allen gesellschaftlichen Schichten vor, betont Seppelt. In Familien, in denen es schon vor der Pandemie belastende Faktoren gab, sei das Risiko sicher besonders hoch, dass sie vermehrt und in massiverer Form stattfindet. 

Aber es dürften auch Familien hinzu kommen, in denen es aufgrund der besonderen Corona-bedingten Lebenssituation zum ersten Mal zu häuslicher Gewalt gekommen sei. Auch während der Kontaktsperre war das Team der Beratungsstelle per Telefon und E-Mail erreichbar - die Zahlen für Beratungen seien in etwa konstant geblieben. Da persönliche Treffen nicht möglich waren, wurden vereinbarte Gesprächstermine, sofern möglich, per Telefon wahrgenommen. 

Was auch für die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle eine neue Situation war, wie Stefanie Seppelt und ihre Kollegin Jessica Mäkilä erklärten. „Man muss auf andere Dinge achten und gut hören, was zwischen den Zeilen mitschwingt“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle. 

Der Druck in Familien ist gestiegen

Inzwischen sind - unter Hygieneschutzauflagen - wieder persönliche Beratungsgespräche möglich. Dennoch arbeiten die Mitarbeiterinnen momentan daran, eine datensichere Form von Chat-, Mail und Videoberatung anbieten zu können. Gerade Erstkontakte in akuten Fällen, in denen die Polizei nach Einsätzen wegen häuslicher Gewalt mit Einwilligung der Betroffenen die Beratungsstelle informiert hätte, habe es nach wie vor gegeben. 

Stefanie Seppelt (links), Leiterin der Beratungsstelle, und Mitarbeiterin Jessica Mäkilä unterstützen Frauen in schwierigen Sitationen. Bislang bemerken sie durch die Corona-Folgen noch keinen Anstieg des Hilfebedarfs bei häuslicher Gewalt.

In den Gesprächen hätten sich zudem viele neue Probleme und Fragestellungen aufgetan. Zum Teil hätten die Beraterinnen selbst erst recherchieren müssen, beispielsweise nach Öffnungszeiten oder Ansprechpartnern in Corona-Zeiten oder rechtlichen Rahmenbedingungen. Bei getrennt lebenden Paaren mit Kindern ging es zum Beispiel darum, wie sich das Umgangsrecht während der Kontaktsperre realisieren lässt. 

Aber auch die Belastungen, die zu Krisen führten, seien andere gewesen. Der große Druck, weil Familien so eng aufeinander saßen und aufeinander angewiesen waren, Homeoffice, Homeschooling, finanzielle Sorgen durch wegbrechende Einkommen. Vieles ließ sich durch ein einzelnes Telefonat klären, aber das ist nicht die Regel. 

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