Lutz Görner: Stationen eines Lebens

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Er haucht seinen Worten mit Gestik und Mimik Leben ein: Lutz Görner im Kulturhaus Lüdenscheid.

LÜDENSCHEID - Es gibt Rezitatoren, die ihr Hand- oder besser Mundwerk über drei Jahrzehnte zwar perfektionieren, nicht aber wesentlich verändern. Lutz Görner ist so einer. Mit 35 Jahren und seinem „Goethe für alle“-Programm öffnete er sich selbst die Türen der öffentlichen Theater dieser Republik. Heute ist er 68 Jahre alt – und nicht wirklich leiser.

Er schreit, er jammert, verzieht das Gesicht, er poltert, „spricht“ mit seinen Händen, aber im Grunde zitiert er an diesem Abend im Kulturhaus nur aus Briefen, die der Komponist Richard Wagner an Franz Liszt schreibt. Wagner, der geniale, der umstrittene Musiker, der Antisemit, dessen Werke auch heute noch vom israelischen Rundfunk boykottiert werden. Ein ungeliebtes Kind, klein, hässlich und so unscheinbar, dass die eigene Familie ihn beim Umzug nach Prag in der alten Heimat Dresden schlichtweg vergisst. Keine Ausdauer, kein Fleiß, was das Erlernen eines Instrumentes angeht. Aber ein Autodidakt, der sich selbst die Welt der Musik erschließt und der 1843 zum Königlich-Sächsischen Kapellmeister an der Dresdner Hofoper ernannt wird.

Der Briefwechsel mit Franz Liszt ist ein Teil der Reihe „Kosmos Liszt“, die Lutz Görner aufgelegt hat. Er ist für das Leben Liszts, seine Begleiterin Elena Nesterenko für die Musik zuständig. Nesterenko ist gebürtige Russin, studierte in Holland und München. Eine kleine, zierliche Person, der man auf Anhieb nicht unbedingt zutraut, die gewaltige Musik eines Richard Wagners zu intonieren. Doch weit gefehlt. Schon das „Entrée“ in den Abend, die „Fantasien“ aus der Rienzi-Oper Wagners, hallen gewaltig durch den nur spärlich besetzten großen Saal. Natürlich spielt Nesterenko ohne Notenblätter. Alles andere hätte auch irgendwie nicht gepasst. Die großen Wagner’schen Kompositionen folgen – das Lied vom Abendstern aus „Tannhäuser“, Elsas Traum, das Spinnerlied aus dem „Fliegenden Holländer“, der Einzug der Götter in Walhall. Dazwischen liest Görner aus dem Briefwechsel zweier Männer, die eine tiefe Freundschaft verbindet. Wagner lebt nach den politischen Querelen seiner Zeit im Exil in der Schweiz, einsam und verbittert, während Liszt in Weimar stetig bemüht ist, die Wagner’schen Opern gesellschaftsfähig zu machen.

Nach der Pause schließlich Nesterenkos Meisterstück: 17 Minuten lang spielt die Pianistin die Ouvertüre aus „Tannhäuser“ in einer Fassung von Franz Liszt. Als sie endet, applaudiert das Publikum stehend und mit „Bravo“-Rufen. Aber Görner wäre nicht Görner, wenn er nicht irgendwie noch eins draufsetzen könnte. So endet die Darstellung des Lebens Wagners zunächst mittendrin – in einer Silvesternnacht, in der sich Wagner und Liszt zerstreiten. Görner mimt den Komponisten voll des süßen Weines, der mal wieder um Geld bettelt. Und so wie der Rezitator den Worten Leben einhaucht, ist es nicht schwer, sich im Kopf das Bild des verbitterten Richard Wagners zu machen, wie er da mit seiner Gesichtsrose so sitzt und die „Nibelungen“ komponiert. Und plötzlich ist Schluss mit dem Lebenslauf. Die Görner’sche Zugabe besteht aus dem Rest der Geschichte. Stehende Ovationen folgen, ein, zwei Verbeugungen – und weg sind sie. Die ganz große Entgegennahme der Huldigungen war noch nie so sein Ding.

- Jutta Rudewig

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