Lust am Suchen und Finden: Wolfgang Schumacher 70

Sammler Wolfgang Schumacher feiert 70. Geburtstag.

LÜDENSCHEID ▪ In die nächsten Lebensjahre reist er mit leichtem Gepäck. Er braucht nicht mehr viel. Er hat alles gehabt. Er ist zufrieden. Deshalb hat Wolfgang Schumacher im Vorfeld seines 70. Geburtstages am 5.

Mai den Lüdenscheidern ein Geschenk gemacht: Er übergibt seine umfangreiche Sammlung aus Lüdenscheid-Postkarten und historischen Fotos, seine Fachliteratur und den Bestand an Philatelie schrittweise der Stadt. So gibt er der Öffentlichkeit zurück, was er der Privatheit entreißen konnte. In vielen Gesprächen, durch Kontakte oder Zufall, indem er unzählige Schuhkartons durchstöberte, auch über Sammlerkanäle füllte er in 55 Jahren viele Alben und einige Schrankmeter mit Erinnerungen, mit dem Gedächtnis seiner Stadt. 5500 Ansichtskarten in 41 Alben sind vor ein paar Tagen umgezogen – das war der erste Schwung. Vier Bleistifte hat er runtergeschrieben, um die Karten zu beschriften.

Sammelsurien zur Sammlung zu verdichten, diese Aufgabe erfordert einen bestimmten Typ Mensch: zielstrebig mit leichtem Hang, sich zu verästeln; pedantisch mit Mut zur Lücke. Leidenschaftlich, aber nicht um jeden Preis. Die Karriere im Amt, der Beruf als Rathausbeamter, zuletzt im Rechtsamt der Stadt, schärfte den Blick für Ordnung, Ablagesysteme, Zusammenhänge. Handwerkliches Geschick hat er hingegen nicht geerbt. Der Vater war Graveurmeister; der Junge von der Kölner Straße besuchte die Overbergschule, die Realschule an der Kluser Straße und die Höhere Handelsschule in Hagen.

Was der Zwölfjährige mit Briefmarken begann, dehnte sich zeitweise auf die heimische Postgeschichte mit ihren Verzweigungen in Sammelgebiete aus, von deren Existenz der Laie nichts ahnt. In guten Zeiten gab Wolfgang Schumacher 100 Mark im Monat an Porto aus. Heute schreibt der gelernte Stenotypist vor allem E-Mails: „Da habe ich mich freigeschwommen.“ Das dauerte seine Zeit. Denn wer erst mit 28 Jahren das Schwimmen lernt, ist einer, der nichts überstürzt.

Er dokumentiert gerne, setzt Daten und Namen in Bezug, stellt Zusammenhänge her. Seine Geburtstagsgäste werden erfahren, dass er seine Kommunion 1951 im kurzen blauen Anzug und hohen braunen Schuhen gefeiert hat. Sie werden hören, dass seine erste Fernsehübertragung 1953 die Krönung Elisabeth II. zeigte und dass er 1995 seinen ersten eigenen Fernseher erbte. Sie feiern mit ihm sein zehntes Jahr als Privatier und freuen sich, dass er hochgerechnet fünf Monate davon mit 23 Busreisen auf der Straße verbracht hat. Und sie werden an den wichtigsten Tag seines Lebens erinnert, den 5. März 1965. Damals, bei der Vorbesprechung zur Einweihung des Rathauses, lernte er seinen Lebensgefährten kennen. Mit dem besiegelte er 2004, zwei Jahre vor dessen Tod, eine eingetragene Lebenspartnerschaft. Seitdem teilt sich die Zeit in ein Davor und ein Danach. Vieles ist einfach nicht mehr wichtig.

Noch dürfen die LN-Leser mit dem Reisefreudigen in die Vergangenheit reisen, aber auch hier zieht er bewusst einen Schlussstrich. Seine letzte LN-Serie „1000 Grüße“ endet im März 2013 mit der 500. Ausgabe.

Natürlich juckt’s zwischendurch in den Sammlerfingern, wenn dem Lüdenscheid-Spezialisten ein Gebiet auffällt, das Aufmerksamkeit verdient hätte. „Die Gastronomie in Ansichtskarten ist ein unaufgearbeitetes Kapitel“, sagt er und die Augen leuchten auf. Darum sollen sich andere kümmern. Doch Sammler werden selbst selten. Lebenslange Lust an der Suche nach dem einen, fehlenden Stück – wer macht das noch? Das eine Stück fehlt auch dem Ur-Bergstädter: Es gibt keine Lüdenscheider Ansichtskarte mit seinem Geburtshaus – „weil ich in Werdohl geboren bin“.

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