"Komm, wir gehen in die Stadt!"

Bei Paul wird's den Gästen nie zu bunt

Paul Dröge in seinem Element.

Lüdenscheid - Paul Dröge muss sein Hotel an die Stadt verkaufen. Es soll abgerissen werden, weil es dem geplanten Rathaustunnel im Weg steht. Das Dumme ist nur: Der Tunnel nimmt einen ganz anderen Verlauf. Und Paul Dröge fühlt sich – gelinde gesagt – veräppelt.

Neues von Gestern: Mit der LN-Serie „Komm, wir gehen in die Stadt!“ setzt Autor Fabian Paffendorf seinen erzählerischen Rundgang durch das Lüdenscheid der 1960er- bis 1990er-Jahre fort. Kult-Kneipen, prominente Gewerbeimmobilien und der Einzelhandel stehen im Mittelpunkt der Reihe. In Folge 6 macht die Stadt Lüdenscheid dem Gastronomen Paul Dröge ein Angebot, das er kaum ausschlagen kann. Dröges Haus steht laut der Verwaltung dem Bau des Rathaustunnels im Wege. Damit die Querspange gebaut werden kann, müssen mehrere Häuser im Stadtzentrum fallen. Anstatt es auf eine Zwangsenteignung ankommen zu lassen, einigt sich Dröge mit der Stadt auf einen Verkauf des Grundstücks. Das Hotel an der Bahnhofstraße 16/Niemöller-Straße wird 1970 Opfer der Abrissbagger.

Abgerissen wird das Gebäude mit der Adresse Bahnhofstraße 16 trotzdem. Mittlerweile erhebt sich an seiner Stelle seit 1989 der großflächige Telekom- und Betriebshof-Anbau des ehemaligen Hauptpostamtes.

Keine 100 Jahre stand das Haus, das viele Lüdenscheider heute noch mit der Gaststätte Marktschänke verbinden. Ein Blick auf die kurze Geschichte der Gastronomie dort, die von Gustav Pieper, Otto Näther und der Familie Dröge geprägt wurde:

Im Jahr 1875 beauftragt Gustav Pieper die Planung eines Wohnhauses, das an der Poststraße (heute Martin-Niemöller-Straße auf Höhe des Einfahrtbereichs zum Betriebshof der Post) errichtet werden soll. Bis zur Umsetzung des Bauvorhabens dauert es jedoch noch einige Jahre. Erst um 1890 ist das Gebäude bezugsfertig.

1897 wird der Bereich im Erdgeschoss zu einem Restaurant ausgebaut. 1904 und 1913 finden weitere Baumaßnahmen statt, um den Restaurantbereich mit seinem Gesellschaftszimmer zu vergrößern. Nach dem Tod von Gustav Pieper in den 1930er-Jahren wird das Restaurant von dessen Sohn Wilhelm nicht weitergeführt. Er verpachtet den Restaurant-Bereich nach einem Umbau zur Gaststätte an Otto Näther.

1956 interessiert sich eine Familie aus dem Hochsauerland für das Haus Bahnhofstraße 11. Das Ehepaar Paul und Anita Dröge, das einen Lebensmittelmarkt in Kückelheim (ab 1975 Ortsteil der Gemeinde Eslohe) betreibt, zieht’s mit den beiden Töchtern Angela und Jutta nach Lüdenscheid.

19-Stunden-Tage für junges Ehepaar

Dröges erwerben das Gebäude durch einen Kaufvertrag nach Erbpachtrecht von Wilhelm Pieper und bauen es nach Plänen des Architekten Karl Bracht in Teilen zu einem Hotel mit zwölf Betten um. Die Familie bezieht eine Wohnung über der Gaststätte des Hauses.

Familie Dröge mit den Kindern circa 1959.

Im März 1957 sind die ersten Umbauarbeiten abgeschlossen. Paul und Anita Dröge übernehmen zudem die Bewirtung der Gäste im Wirtshausbereich, der nun den Namen Marktschänke (zeitweise wird auch die Schreibweise Marktschenke geführt) trägt. Von morgens um sechs Uhr bis nachts um ein Uhr stehen die Wirtsleute hinterm Tresen.

Nur im Februar 1958 muss der Hausherr drei Tage hintereinander allein zapfen. Die Gattin muss sich von der Geburt des Sohnes Paul Junior erholen. Der stolze Vater hat in der Kneipe eine Freibierparty ausgerufen. Als viertes Kinder der Dröges erblickt Christa 1960 das Licht der Welt.

In der Marktschänke treffen sich regelmäßig die Wochenmarkthändler und der Clubber-Jazz-Stammtisch. Außerdem wird die Gaststätte zum Vereinslokal der Sportfreunde 08. In den 1960er-Jahren halten „moderne Zeiten“ Einzug in die Marktschänke: In Dröges Wirtschaft steht der erste Farbfernseher in einer Lüdenscheider Gaststätte. Dass dort jetzt Fußballspiele in Farbe in geselliger Runde zu genießen sind, spricht sich schnell herum, und so strömen die Gäste nur so herbei.

Die Marktschänke war bei den Lüdenscheidern ein beliebter Treffpunkt.

Fußball ist eine große Leidenschaft von Paul Dröge senior. Der Gastwirt, der mittlerweile im Vorstand der Sportfreunde 08 Lüdenscheid ist, lädt sogar 1965 eine Mannschaft von Real Madrid zu einem Freundschaftsspiel in die Bergstadt ein.

Paul Dröge

Dem Spaß bei Pilsken und Pinnchen in der Marktschänke droht wenige Jahre später das Aus. Und das, obwohl der Wirt sich schon längst mit weiteren Um- und Ausbauplänen für sein Haus beschäftigt. Ab 1967 werden die Überlegungen konkreter, Dröge stellt eine Bauvoranfrage an die Stadt. Die Verwaltung erteilt dem Vorhaben des Wirts noch keine klare Absage, weshalb er seine Pläne weiterverfolgt, jetzt den Architekten Hans Matthies hinzuzieht. In einem mit dem Bauaufsichtsamt geführten Briefwechsel im April 1967 schreibt Stadtbaurat Schulze-Bramey an Matthies zum Thema Hotelausbau Dröge, dass „zum gegenwärtigen Zeitpunkt die planerischen Notwendigkeiten noch nicht zu übersehen sind“.

1968 will die Stadt Lüdenscheid die Häuserzeile am sogenannten Eselsrücken – dem Bereich entlang der Bahnhofstraße, der Martin-Niemöller-Straße mit der oberen Altenaer Straße verbindet – in ihren Besitz bringen. Die Häuser sollen für den Bau des Rathaustunnels abgerissen werden. Um der Zwangsenteignung zu entgehen, nimmt Paul Dröge senior das Angebot der Stadt an, verkauft sein Haus.

Im Dezember 1969 schließt Paul Dröge senior die Marktschänke ab. Die Wohnung der Familie über der Gastwirtschaft wird zwei Wochen vor dem Weihnachtsfest geräumt. Man zieht um zum Sonnenhang 6. Die Monate danach zieht es Dröges Sohn immer wieder zurück zu seinem Geburtshaus. „Fast täglich habe ich mich aufs Mofa gesetzt und bin zum Haus gefahren, habe es mir von außen angesehen“, erzählt Paul Dröge Junior.

Erst Obdachlose und dann der Abriss

Das Haus der Marktschänke soll eigentlich erst im Herbst 1970 abgerissen werden, jedoch tritt eine Entwicklung ein, die die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung schon im Mai des Jahres zu einer Planänderung zwingen. Wie auch in vielen weiteren Innenstadtimmobilien, die für die Neugestaltung der Lüdenscheider Mitte abgerissen werden sollen, haben sich in der Marktschänke nämlich Obdachlose illegal häuslich eingerichtet. So berichten die LN im Mai 1970 davon, dass das Haus Bahnhofstraße 11 zu einer „erstklassigen Unterkunft“ für Stadtstreicher geworden sei. Dort lasse es sich „vorzüglich pennen – und noch einiges mehr!“

Unter jenen Nichtsesshaften der Bergstadt habe man jüngst zahlreiche neue Gesichter entdeckt. Als „schlechte Visitenkarte der jungen Kreisstadt“, empfänden die Bürger jene Tippelbrüder, die ihnen zudem die „schönen Sitzplätze am Rathaus“ wegnähmen, um dort Alkoholgelage zu feiern.

Das Haus fiel den Tunnel-Plänen zum Opfer.

Nach dem Abriss der Marktschänke folgen die anliegenden Gebäude des Eselsrückens – das Atelier der Fotographischen Anstalt Huth sowie Teile der ehemaligen Fabrik Friedrich Turck. Lediglich das um 1860 errichtete Turck-Haus Altenaer Straße 13/15 übersteht den Kahlschlag.

Als Ende 1970 die eigentlichen Arbeiten am Rathaustunnel beginnen, wird ersichtlich, dass dessen Verlauf keineswegs so ausfällt, wie die Verantwortlichen innerhalb der Planungsphasen in den späten 1960er-Jahren behauptet hatten. Der Grundstücksbereich des früheren Eselsrückens schneidet die Strecke der Untertunnelung zwischen Altenaer Straße und Sauerfelder Straße gar nicht.

Ein neues Hotel in Solingen

Folglich fühlt sich Paul Dröge senior von der Stadtverwaltung getäuscht. Es folgt ein über zwei Jahre andauernder Rechtsstreit mit der Stadt Lüdenscheid. Dröge klagt auf einen Schadensersatz über 1064,10 Mark. Diese Summe entspricht seinen Kosten für statische Berechnungen des geplanten Anbaus seines Hotels. Er wirft der Stadt vor, man habe ihn bei der Beauftragung der Architekten im April 1968 im Unklaren darüber gelassen, ob der Tunnelbau überhaupt entlang seines Grundstückes führe. Denn mit entsprechender Planungssicherheit, hätte er diese Ausgaben nicht gehabt.

Die Stadt argumentiert dagegen, dass die endgültige Trassenführung des Tunnels erst im Dezember 1968 festgestanden habe.

Im Sommer 1972 urteilt das Gericht, dass zumindest ein Teil des Geldes durch die Stadt erstattet werden muss, weil ein Fehlverhalten der Planer nicht gänzlich auszuschließen sei.

Mit dem Geld aus dem Hausverkauf baut Dröge in Solingen ein neues Hotel. Dieses eröffnet 1973 und wird fortan unterverpachtet. Dröge senior bleibt bis zu seinem Tod 1981 unentwegt geschäftstüchtig, auch wenn er nicht mehr hinter dem Zapfhahn steht.

In die Fußstapfen seines Vaters steigt Paul junior. Er absolviert eine Ausbildung zum Koch im Haus Feldmann in Solingen. Nach dem Wehrdienst kocht er ein Jahr lang wieder in Lüdenscheid: Im Deelenkrug lernt er seine spätere Frau Doris kennen. Das junge Paar verlässt die Bergstadt wieder, geht nach Viernheim, wo beide in einem Hotel der Holiday-Inn-Gruppe arbeiten. Paul wird zum Küchenchef befördert.

Von 1981 bis 1991 ist Paul Dröge dann Küchenchef der Gastronomie im Kulturhaus. Seitdem ist der „kleine Paul“ Küchenleiter bei Busch-Jaeger Elektro. 2011 verstirbt nach langer und schwerer Krankheit Marktschänke-Wirtin Anita Dröge.

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