Neue Serie "Komm, wir gehen in die Stadt!"

Einzelhandel im Wandel: Batman und die Geschwister Leismann am Knapp

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Das SB-Center Anfang der 80er-Jahre.

Lüdenscheid - Totgesagte leben länger. Das beweist die Knapper Straße schon seit vielen Jahrzehnten. Zum Beispiel mit dem Grundstück, das unter der Hausnummer 34 zu finden ist.

Neues von Gestern: Mit der LN-Serie „Komm, wir gehen in die Stadt!“ setzt Autor Fabian Paffendorf seinen erzählerischen Rundgang durch das Lüdenscheid der 1960er- bis 1990er-Jahre fort (alle bisher erschienenen Folgen hier). Kult-Kneipen, prominente Gewerbeimmobilien und der Einzelhandel stehen im Mittelpunkt der Reihe. Folge 1 führt in die Knapper Straße, die in den 1960er-Jahren allmählich ihren Ausbau zur beliebten Einkaufsmeile erfährt. Ein Baumaterialhändler tut sich 1964 mit Einzelhändlern zusammen, um am Knapp eine Gemeinschaftsgewerbeimmobilie zu bauen. Ein wichtiger Baustein innerhalb Lüdenscheids Aufstieg zur Einkaufsstadt. Im Laufe der Zeit wird aus dem Kaufhaus allerdings ein Gesundheitszentrum.

Hinsichtlich städtebaulicher Aspekte ist die Knapper Straße zur Mitte des 20. Jahrhunderts alles andere als zeitgemäß. Die Meile zwischen Christuskirche und Straßenstern zerfällt durch ihre über die Zeit gewachsenen Strukturen gleichermaßen in Handel, Gewerbe, Gastronomie und Industrie-Areale.

Längst ist die Vielzahl der Firmen, die entlang der Straße beheimatet sind, nicht mehr zukunftsträchtig. Metallverarbeitende Betriebe, die es verpasst haben, ihre Produktion umzustellen, lassen sich nicht mehr wirtschaftlich sicher führen. Vertreter anderer Branchen verlagern ihre Produktionsstätten an andere Stellen der Stadt – und hinterlassen Brachen am Knapp.

Überall wird neu gebaut, Gewerbegebiete an den Stadträndern entstehen. Die Knapper Straße verändert ebenso stetig ihr Gesicht.

Vom Schandfleck zum Supermarkt

Als besonderen Schandfleck der Straße empfinden die Bergstädter in den 50ern das an der Knapper Straße/Ecke Herderstraße beheimatete Betriebsgelände der Baufirma Liemke. Das 1878 dort errichtete Firmendomizil mit der Adresse Knapper Straße 34 ist ein durch und durch zweckmäßiger Bau. Firmenchef Otto Liemke hat das Ohr am Puls der Zeit, sieht sich nach einem zukunfsträchtigen Konzept für eine Umnutzung des Fabrikareals um. 1964 tun sich Liemke, Erich Schneider, der Gesellschafter eines Rundfunk- und Elektro-Geschäfts, und Dr. Herbert Linke, Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes Nahrungs- und Genussmittel Lüdenscheid, zusammen. Sie beauftragen den Architekten Dipl.-Ing. Claus Amtenbrink damit, einen Entwurf für ein Wohn- und Geschäftshaus zu erarbeiten, das auf dem Gelände des Baubetriebs entstehen soll.

Amtenbrink entwirft eine Gewerbeimmobilie, die sich optisch und funktional ganz und gar den damaligen Trends der Warenhausarchitektur unterordnet. Auf 4000 Quadratmetern gegenüber der AOK soll eine moderne städtebauliche Nuance geschaffen werden: ein dreistöckiges Gebäude aus Fertigbetonbauteilen und ein Parkplatz für 85 Kundenautos. Einziehen sollen dort eine Filiale des Elektromarktes Schneider sowie Linkes Boni-Skont-Supermarkt.

Die Baufirma Liemke im Jahr 1966.

Das alte Liemke-Firmengebäude wird abgerissen, im März 1968 beginnen die Arbeiten am Neubau. Ausführende Firma ist die Hoch-Tief. Die Grundsteinlegung für die Einkaufsimmobilie findet am Donnerstag, 7. März 1968, um 16 Uhr statt.

Der ursprünglich angepeilte Eröffnungstermin am 1. September 1968 ist trotz der zügigen Montage der Fertigbauteile nicht zu halten. Erst am 12. September 1968 können sich die Bergstädter von der neuen „Einkaufssensation“ am Knapp überzeugen. Diese öffnet an diesem Donnerstagmorgen schon um 8.45 Uhr ihre Pforten und dazu gibt’s ein kleines Tagesfeuerwerk.

Musikalischer Gruß aus Schmallenberg

Musikalisch wird das Eröffnungsfest von dem Blasorchester der Versetaler Schützen unter Leitung von Georg Tausch begleitet, dazu gibt es eine Autogrammstunde mit dem aus Funk und Fernsehen bekannten Schlager-Duo Renate und Werner Leismann. Zu den größten Erfolgen des Schmallenberger Geschwisterpaars gehören in diesen Tagen Lieder wie „Gaucho Mexicano“ oder „Die Orchidee vom Bodensee“.

Aufgrund der Prominenz der Schlager-Stars erwartet man einen großen Ansturm aufs Fest, kündigt daher an, dass die Herderstraße möglicherweise gesperrt werden müsse. Dazu kommt es dann aber doch nicht.

Elektro Schneider im Jahr 1968.

Teppiche rein und wieder raus

Im „Warenhaus voller Überraschungen“ finden die Lüdenscheider auf 2500 Quadratmetern Verkaufsfläche Schneiders Elektrogeschäft, 1000 Quadratmeter Fläche nimmt Linkes Supermarkt ein. In den oberen beiden Etagen sind Wohnungen und Verwaltungsräume eingerichtet. 

Die ursprünglichen Anbieter verschwinden in den 1970er-Jahren aus dem Haus. Den Leerstand, den Schneiders Elektro-Markt hinterlässt, füllt alsbald der Teppichhandel Specht. Der Boni-Skont-Markt wird vom Supermarkt-Filialisten Schürmann übernommen. Schürmann wird schließlich Anfang der 80er von der Michael-Brücken-Gruppe geschluckt.

In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre zieht das Teppichgeschäft Specht wieder aus. Nach Umbauarbeiten und Flächenneuverteilungen nimmt jetzt ein Michael-Brücken-Supermarkt die gesamte untere Etage der Gewerbeimmobilie ein.

Der Boni-Skont-Supermarkt im Jahr 1968.

1989 schließt der Michael-Brücken-Supermarkt im SB-Center dann schon wieder. Nach Verkleinerung der Verkaufsfläche wird unter dem Banner der Co-op-Gruppe neu eröffnet.

Der Sommer 1989 steht auch weltweit im Zeichen der Fledermaus. US-Regisseur Tim Burton hat sich des Comic-Helden Batman angenommen und ein mit Hollywood-Stars gespicktes Leinwandabenteuer inszeniert, das die Kinokassen klingeln lässt. Den Musik-Hit zum Film steuert Superstar Prince bei.

Was hat das mit Lüdenscheid zu tun? Im Jahr der sogenannten „Bat-Mania“ geht auch im Haus Knapper Straße 34 etwas vor sich, das alsbald für Gesprächsstoff sorgen soll – die Lüdenscheider bekommen mit Expert Happy einen großen Elektro-Markt. Dieser wird auf zwei Stockwerken des SB-Centers eingerichtet und nimmt einen Teil der ehemaligen Brücken-Fläche ein.

Unverschämte Peinlichkeit

Zur Eröffnung des Fachgeschäfts hängt man sich zu Werbezwecken gleich an den grassierenden Batman-Hype an. Die Expert-Happy-Macher versprechen, dass die Eröffnungs-Party des Geschäfts mit Glanz und Glamour aus Hollywood gefeiert werden darf. Zwar habe man nicht Batman selbst auf die Gästeliste gesetzt, doch zumindest soll das „originale Batmobil aus dem Film“ auf dem Sternplatz geparkt werden.

Aber sollte es wirklich so sein, dass das ikonische Fahrzeug aus dem Film-Hit nach Lüdenscheid überführt wird? Natürlich nicht! Die Promotion-Aktion ist nicht die angekündigte Sensation, sondern schlicht und ergreifend eine unverschämte Peinlichkeit, die eher für Fremdscham statt für staunende Gesichter sorgt.

Expert-Happy-Eröffnung im Jahr 1989.

Da rollt kein Superhelden-Hi-Tech-Panzer an – und „original“ ist das auch nicht, was vorm Gänsegärtchen parkt. Das Auto, welches präsentiert wird, ist ein mit lackierten Pappkartons beklebter US-Oldtimer. Das Vehikel weist jedoch ein kleines bisschen Ähnlichkeit mit dem Filmwagen auf – nämlich mit dem aus dem 1966er-Klamauk-Streifen „Batman hält die Welt in Atem“. Hollywood-Feeling kommt da nicht auf.

Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Nepps ist ein ums Auto herumspringender Mann im Fledermaus-Karnevalskostüm, der immerzu „Ich bin Batman!“ ausruft. Die Lüdenscheider Tageszeitungen verzichten dann auch darauf, dem beschämenden Schauspiel eine kleine Nachberichterstattung einzuräumen.

"Saturn" ist am Ende einfach stärker

Trotz des Promo-Flops kommen die Bergstädter Kunden gerne in den Elektromarkt. Das Sortiment umfasst überwiegend CDs, Schallplatten, Computer- und TV-Zubehör, der Eingangsbereich des Geschäfts ist farbenfroh im Stil des 90er-Jahre-Geschmacks gestaltet, über der Kasse hängt zudem ein echtes US-Cabrio unter der Decke.

Ab 1993 reißen die Kundenströme beim Lüdenscheider Expert-Shop allmählich ab. Saturn im neuen Stern-Center und der TopTec-Markt am Bräucken sind größer und besser sortiert als der Konkurrent am Knapp. Ein paar Jahre später ist Expert Happy geschlossen. Nach Umbauarbeiten des Ladenlokals zieht ein Kiosk in die untere Etage ein.

Bei co-op sitzen Ganoven im Vorstand

Die frühen 1990er-Jahre sind Schicksalsjahre für die Co-op-Handelsgruppe. Deren Aktiengesellschaft war bereits 1989 zerschlagen worden. Grund dafür waren Bilanzmanipulationen und Vermögensverschiebungen durch die Vorstandsvorsitzenden, die die intransparenten Strukturen des Gesamtkonzerns dazu genutzt hatten, um zusätzliche Gelder in die eigenen Taschen abzuführen. Fünf Milliarden D-Mark Schulden waren so bei der Gesellschaft aufgelaufen, 143 Gläubigerbanken hatte man um rund zwei Milliarden D-Mark geprellt.

Den Vorständen wird ab 1990 der Prozess gemacht, die einzelnen Teile der Handelskette an andere Konzerne veräußert. Co-op-Marken wie das Schuhhaus Mayer oder der Spielwaren-Filialist Sport und Hobby Richter werden 1991 liquidiert. Lüdenscheid verliert beide Filialen der Ketten. Der Co-op-Markt an der Knapper Straße wird zu „e & g – essen und genießen“.

Das Haus der Gesundheit in der Gegenwart.

Das Jahr 2000 erleben weder Super- noch Elektromarkt am Knapp. Stattdessen wird umgerüstet, ein neues Konzept mit neuen Mietern umgesetzt. Das SB-Center verwandelt sich – dem neuen Zeitgeist und dem demographischen Wandel verpflichtet – in das „Haus der Gesundheit“. Bis heute gehören verschiedene Fachärzte für Orthopädie und ein Sanitätshaus zu den Mietern.

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